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Gesellschaft / Laura

Wie Nachrichten entstehen und warum Informationen am Ende der Tageszeitung erst anfangen

Jeden Tag sind wir mit Medien konfrontiert, mit neuen Neuheiten, Ereignissen, Meinungen. Jeden Tag konsumieren wir diese Informationen, hinterfragen, was passiert ist, besorgen uns weitere Infos zu entsprechenden Themen, um sie für uns aufzubereiten, zu verstehen und unser Gesellschafts- und Demokratiesystem zu verstehen. Aber zu selten hinterfragen wir, wie die Agenda der Tageszeitungen entsteht, wieso eher über Europa berichtet wird als über Afrika, wieso es seitenlange Zeitungsartikel über eine Bombendrohung in Hamburg (ein Beispiel) gibt und nicht mal die Erwähnung, dass in Damaskus mehrere Menschen auf offener Straße erschossen wurden.

Gleiches gilt für behandelte Themen – Wie kann es sein, dass Themen wie Rassismus, das in der deutschen Gesellschaft leider ein tägliches Problem ist, nach kurzem Auftrieb wieder aus den Zeitungen verschwinden, obwohl sie nicht in Aktualität verloren haben? Das Thema von Agenda Building/Agenda Setting und der Lebenszyklus von Themen in der Öffentlichkeit ist ein breites (sehr breites) Feld, aber ich hoffe, der Blogbeitrag kann euch einen kleinen Einblick darin geben, wie das System funktioniert.

 

Wie entstehen Nachrichten?

Ob es uns gefällt oder nicht, das zuzugeben: Journalisten sind Menschen. Und Menschen sind subjektiv, ebenso wie es ihre Wahrnehmung ist. Eine objektive Berichterstattung des subjektiv Wahrgenommenen ist schwierig, wird von Journalisten aber oftmals erbracht.

Schwerer umzusetzen ist die objektive Wahrnehmung von Ereignissen und der Wichtigkeit dieser. Journalisten haben – ob sie es beabsichtigen oder nicht – ein Selektionsraster, nachdem sie Nachrichten auswählen. Desto größer das Medium ist, für das sie berichten, desto mehr Ereignisse müssen durch dieses Raster durch und desto schwerer wird es für Ereignisse, berichtet zu werden.

Journalisten sind Gatekeeper. Während sie regelmäßig mit Informationen überschüttet werden, entscheiden sie (beziehungsweise das entsprechende Medium, für das sie arbeiten und das sich entscheidet zu berichten) was auf unsere tägliche Agenda kommt. Dafür ist zu wissen, dass es drei Agenden in der aktuellen Gesellschaft gibt: Die Medienagenda, die Publikumsagenda und die politische Agenda. Dabei beeinflussen sich die Medien- und politische Agenda im gleichen Maße: Was in der Politik passiert, wird in den Medien eine Rolle spielen, da Medien für diese eine weitere Kotrollinstanz bieten. Jedoch wird genau diese Kontrollinstanz auch die Politik beeinflussen, die sich der Medienkontrolle durchaus bewusst ist. Darüber hinaus beeinflusst die Medienagenda stark die Publikumsagenda. Medien tragen einen sehr großen Teil dazu bei, uns zu sagen, welche Themen wichtig für uns sind. Hier wären wir wieder bei den Gatekeepern, die die Journalisten/Medien im Zeitalter des Internets sind, in denen es Informationen im Überfluss gibt. Niemand von uns hat alle Themen, die gerade im Umlauf sind, auf dem Schirm, aber Medien und Journalisten helfen uns einen Rahmen zu bilden und ohne, dass wir es merken, Abstriche bei unseren Informationen zu machen, außer wir setzen uns hin und recherchieren Themen einzeln bis in verschiedene Teilöffentlichkeiten hinein (wozu ich dann später komme).

Zurück zu den Nachrichten. Hier wirft sich die Frage auf: Was ist überhaupt nachrichtenwürdig?

Wie so viele Dinge im Leben hat auch die journalistische Berichterstattung einen Hang zum Negativismus. Damit erklärt sich, wieso viel häufiger über Unglück, Katastrophen oder Skandale berichtet wird, als über schönes Wetter und eine gute Freundschaft zwischen Politikern (außer es sind problembehaftete wie Trump und Kim-Jong-Un).

Das Selektionsraster von Journalisten, das ich oben bereits angesprochen habe, entsteht durch sogenannte „Nachrichtenwertfaktoren“. Diese brauchen sie um zu entscheiden was „berichtenswert“ ist und was nicht. Diese Faktoren bilden sozusagen Kriterien, die sich zum Teil auch Unternehmen zunutze machen wollen, um ihren Kampagnen Medienaufmerksamkeit zu schenken, um auf die Publikumsagenda zu kommen. Die wichtigsten Bedingungen sind:

  • Überraschung.

Desto überraschender ein Ereignis ist, desto mehr Medienaufmerksamkeit wird es bekommen. Es ist hart und erscheint unfair, aber der Überraschungseffekt ist eines der Gründe, weswegen weniger über Tote in Syrien als über eine Bombendrohung in Hamburg oder Paris berichtet wird. Während syrische Menschen leider ständig sterben müssen durch die Umstände im eigenen Land, sind solche Vorkommnisse in Europa deutlich seltener und dadurch umso „überraschender“ und skandalöser. (In Punkt 3. mehr hierzu.)

  • Dramatik.

Medien lieben Dramatik. Je größer und dramatischer der Konflikt zwischen zwei Parteien ist und desto offener der Ausgang dieses Konfliktes ist, desto mehr werden sich die Medien an diesen Konflikt hängen und Chancen und Schachzüge im Konflikt herauskristallisieren wollen.

  • Relevanz.

„Die beste schlechte Nachricht ist die Katastrophe“ hat Jo Leinen mal geschrieben und genau das beinhaltet das Thema der Relevanz. Desto größer das Unglück, desto größer die Relevanz. Desto dichter das Unglück, desto mehr Relevanz. Bei Relevanz spielen vor allem Faktoren wie Folgenschwere, Größenordnung und Nähe zur eigenen Heimat eine Rolle, wobei unter Heimat besonders in Europa noch mehr zu verstehen ist. Besonders für westliche Länder gehören andere westliche Länder zu dieser „Nähe“, da durch die Europäische Union und das Transatlantische Bündnis ein Zusammenhang zwischen den Ländern besteht und Zusammenarbeit in vielen Bereichen gewährleistet sein soll. Eine Katastrophe in Frankreich führt auch immer zu einer Reaktion in Deutschland, zu einer Rede Angela Merkels, einem Flug von ihr nach Paris. Hingegen ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie bei einer Katastrophe beispielsweise nach Ägypten fliegt, deutlich kleiner (außer es handelt sich tatsächlich um Ausnahmezustände o.Ä.). Hierbei spielen Bündnispartner auf der Medien- und auf der politischen Agenda ebenfalls eine sehr wichtige Rolle.

  • Visualität.

Medien leben von Bildern und Videos. Politische Aktionen kriegen mehr Medienaufmerksamkeit, desto besser sie sich in Film und Foto mitteilen lassen und somit Emotionen beim Publikum auslösen können. Im Zeitalter des Internets ist das einfacher geworden, aber spielt dafür hier eine umso größere Rolle.

 

Diese Faktoren spielen eine wichtige Rolle dabei, zu hinterfragen, wie sich unsere Tageszeitungen zusammensetzen, ebenso wie Schlagzeilen in Nachrichtenportalen. Ein einziger Punkt dieser Liste, der fehlend in einem Ereignis ist, kann dazu führen, dass über bestimmte Ereignisse – auch wenn sie wichtig und noch immer brandaktuell sind – nicht berichtet wird. So hat der Krieg in Syrien nicht aufgehört, nur weil nicht mehr jeden Tag darüber geschrieben wird. Auf dem Meer ertrinken immer noch Menschen, auch wenn wir nicht mehr jeden Tag die Zahlen zu lesen bekommen. Das ist das sogenannte „Agenda Setting“ [1] (die Theorie), wobei Medien Themenschwerpunkte setzen und diese behandeln. Desto intensiver sich mit bestimmten Themen auseinandergesetzt und desto öfter diese aufgegriffen werden, desto wichtiger erscheinen sie.

Deswegen ist es wichtig, unterschiedliche Medien zu lesen und sich zu Themen zu informieren, auch wenn schon nicht mehr über sie berichtet wird. Seenotrettung ist immer noch wichtig und Geflüchtete suchen immer noch ein zu Hause, einen Zufluchtsort. Wer etwas bewirken möchte, kann sich nicht nur auf Tageszeitungen verlassen.

Wenn ich das so anspreche, möchte ich nicht den Eindruck erwecken, dass Medien-/Nachrichtenportale (egal ob digital oder print) ihren Job nicht richtig machen. Jeder mag in seinem eigenen Ermessen darüber denken, was er möchte, aber bei der Themen- und Nachrichtenmasse, die das Geschehen in dieser Welt gibt, ist es auch nicht möglich, über alles zu berichten. Es ist bis zum gewissen Punkt sogar wichtig, dass Themen vorübergehend ihre Relevanz verlieren, um anderen, neuen Themen Platz zu machen und die Aktualität der Berichterstattung des Zeitgeschehens in den Medien möglich zu machen.

Auch nach dem Ableben von Themen in der Öffentlichkeit ist es möglich, sich noch zu informieren, da sich noch immer verschiedene Teilöffentlichkeiten (wie beispielsweise Betroffene, aber auch andere) noch mit dem Thema auseinandersetzen. Besonders in Zeiten des Internets, das früher nicht so präsent war wie heute, ist es wichtig und möglich. Politisches Wissen, Engagement und Informationen enden nicht mit der letzten Seite der Tageszeitung/dem Ende eines Artikels, sondern beginnen hier erst.

Um dennoch einen kurzen Einblick zu bekommen, bekommt ihr einen abgespeckten Einblick in den Lebenszyklus eines Themas in den Medien.

Themen in den Medien

Es ist beobachtbar: Themen, beziehungsweise Thematisierungsprozesse in den Medien folgen so gut wie immer zyklischen Prozessen, in denen sie aufkommen, behandelt werden und danach wieder an Wichtigkeit verlieren. Dabei ist es nicht unwesentlich, um welches Thema es sich handelt, da für alle Themen noch immer die oben genannten Nachrichtwertfaktoren gelten, um überhaupt auf die Medienagenda zu gelangen und einen solchen „Lebenszyklus“ in den Massenmedien zu haben.

Nicht unwesentlich sind Themen, die oft Platz in den Medien finden. Beispielsweise ist Rassismus derzeit an aktuelles Thema in Deutschland, das auch von Medien aufgegriffen wird. Weil es so aktuell ist, haben Themen, die im Zusammenhang mit Rassismus stehen es „leichter“ auf die Medienagenda zu kommen, da sie ein „Schlüsselereignis“ im Nachrichtenthema Rassismus bilden und damit einem bekannten Thema wieder einen neuen Schwung geben. Zudem ist Rassismus ein Thema, das bei Journalisten aufgrund seiner Häufigkeit eine höhere Sensibilität hat und oft aufgegriffen wird.

sDas lässt sich etwas besser verdeutlichen, wenn man die Phasen eines Themas/z.T. auch Issue genannt versteht.

Ich berufe mich hier auf das Grundsatzmodell von Luhmann, das seitdem etliche Male aktualisiert wurde, sich aber im Großen und Ganzen kaum verändert hat, sondern nur nochmal in weitere Phasen unterteilt wurde. Ich hatte leider keinen Zugang zu dem Buch, in dem das Modell von Kolb (2005) zu sichten ist, würde es aber trotzdem empfehlen. Zur Veranschaulichung genügt aber das Grundmodell.

 

(Issue-Lebenszyklus-Modell nach Lütgens (2001))

 

  1. Die erste Phase heißt Latente Phase. In dieser Phase ist meistens nur Betroffenen oder Leuten, die sich wirklich intensiv mit dem Thema auseinandersetzen die Wichtigkeit dessen bewusst. Für den großen Teil der Leute ist das Thema aufgrund mangelnder Informationen noch zu komplex oder ihnen nicht bewusst, weswegen keine Auseinandersetzung damit stattfindet. Diese Phase kann sehr lange dauern.
  2. Die Durchbruchsphase. In dieser Phase gewinnt das Thema Interesse von Multiplikatoren (Leute, die Reichweite haben, beispielsweise Journalisten), die sich in das Thema investieren, sich informieren und Kontakte vermitteln. Von der Politik muss das Thema dennoch nicht aufgenommen werden, weil es noch keine öffentliche Relevanz gewonnen hat. Allerdings ist es möglich, dass sich Einzelpersonen, die als Multiplikatoren dienen – was auch Politiker sein können – sich dem Thema annehmen und es dann durch Öffentlichkeit in die nächste Phase bringen.
  3. Nämlich in die Modephase. Hier gewinnt das Thema je nach Ausprägung stark an Popularität und auch an Resonanz. Durch Medien wird das Thema vereinfacht und diese Vereinfachung macht es den Massen, die bis dato nicht involviert gewesen sind, zugänglich. Es steht regelmäßig auf der Tagesagenda und wird damit öffentlich thematisiert, besprochen und kritisiert. Es bilden sich verschiedene Meinungspole, die über Behandlung und Lösung des Themas diskutieren.
  4. Das Thema verliert an Relevanz in der Ermüdungsphase. Das kann unterschiedliche Gründe haben: Entweder wurde eine Lösung gefunden, es wird noch immer eine Lösung gesucht, aber es gibt keine wirklichen Neuheiten dabei oder auch, bei Kriminalthemen, es wird eine Gerichtsverhandlung o.Ä. abgewartet, in dessen Zwischenzeit einfach nichts Neues passiert. Hier ist anzunehmen, dass das Thema wieder an Relevanz gewinnt, sobald der Prozess beginnt.

 

Hinzufügend zu diesem Modell wäre zu sagen: Egal in welcher Phase sich das Thema befindet, es kann jederzeit zu einer Lösung kommen, womit die Kurve wieder fällt. Ereignisse folgen zudem zwar einem Zyklus, allerdings ist die Länge der unterschiedlichen Phasen auch unterschiedlich in den Medien. Eine besondere Rolle spielen hier sogenannte „Pseudoereignisse“ (ich habe mir den Begriff nicht ausgedacht): Pseudoereignisse sind beispielsweise Protest- oder Solidaritätsmärsche, aber auch Pressekonferenzen, die dem Thema nochmal besondere Wichtigkeit verleihen und es in den Medien hervorheben, womit eine eingehendere Berichterstattung vonstatten geht. Über Pseudoereignisse kann sich ein Thema auch länger in der Modephase halten oder zumindest nicht wieder in komplett in die latente Phase abrutschen, so zum Beispiel das Rassismusproblem in Deutschland. Hier werden ja immer wieder Demonstrationen wie beispielsweise #Unteilbar gemacht, um das Thema nicht an Relevanz verlieren zu lassen. In der Modephase ist es dennoch nicht mehr.

Zum Verständnis wäre ebenso zu sagen, dass es nicht immer Multiplikatoren braucht, um ein Thema auf die Tagesagenda zu bringen. Obwohl beispielsweise Terror ebenfalls ein Thema ist, wird es meistens nur durch eine Katastrophe ein Thema, das in der Modephase besprochen wird, sobald eine Attacke oder Ähnliches stattgefunden hat, womit das Thema die Durchbruchsphase überspringt und keine Multiplikatoren braucht.

Nachdem ein Thema in der Ermüdungsphase ist, wird es nur noch in betroffenen Teilöffentlichkeiten besprochen. Wenn es gerade keine Pseudoereignisse zu Geflüchteten gibt, bedeutet es nicht, dass es automatisch keine Nazis mehr gibt oder Geflüchtete keine Probleme mehr damit haben, eine Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland zu bekommen.

Das Thema verschwindet vorerst von der Agenda der Massenmedien, sollte aber nicht von der Agenda eines jeden Einzelnen verschwinden. Während die Medien keine Ressourcen haben, über alles zu berichten, sollte jeder Einzelne von uns sich dennoch fragen, ob damit automatisch eine Lösung des Problems einhergeht. Auch nachdem die Medien darüber gesprochen haben, sollte sich noch dafür eingesetzt werden, dass es Geflüchteten leichter gemacht wird, hierher zu kommen und ein zu Hause zu finden. Nachrichten sind keine Modeerscheinung und so sollte es auch nicht unser Engagement sein. In Zeiten des Internets ist es möglich und notwendig sich mit Betroffenen zu vernetzen, sich auch ohne mediale Öffentlichkeit zu engagieren und schon gar nicht um Teil derjenigen zu sein, die Platz in der Zeitung finden. Tageszeitungen und deren Themen bilden nur einen kleinen, aktuellen Teil unserer Weltgeschichte ab. Bedenkt das, wenn ihr euch informiert.

 

• Laura

 

[1] In diesem Sinne ist zu erwähnen, dass die oben angesprochene Agenda-Setting-Theorie ohne das Internet gearbeitet hat und deswegen davon ausgeht, dass die Medienthemen 1:1 den Publikumsthemen entsprechen, wovon in der heutigen Zeit nicht mehr auszugehen ist.

1 Comment Wie Nachrichten entstehen und warum Informationen am Ende der Tageszeitung erst anfangen

  1. Yvonne

    Liebe Laura,
    das ist ja mal ein toller, strukturierter und informativer Beitrag! Echt schön und war bestimmt auch viel Arbeit 🙂
    Hast du mit dem Thema im Studium gearbeitet oder wie bist du darauf gekommen? Auch auf das Modell etc.
    Ich hatte in einem Seminar zu Theoretischen Grundlagen der Buchwissenschaft letzte Woche ein ähnliches Thema. Relevanz von Medien, wie sich Tagesthemen verbreiten, wo von die Rezeption abhängig ist, wie wir fernsehen, wann wir umschalten und wie man Zeitungen lesen kann, was es da für Modelle und Theorien gibt. Alles komplexe, aber leicht verständliche und vor allem interessante Themen. 🙂
    Liebe Grüße,
    Yvonne

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