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Bücher / Kira

Wenn aus Liebesbriefen Abschiedsbriefe werden: I am the messenger von Markus Zusak

I AM THE MESSENGER, mein liebstes, mein allerliebstes Lieblingsbuch,

du warst einmalig. Das warst du wirklich. Kamst in mein Leben wie ein Wirbelwind und hast mir den Kopf durchgeblasen. Hast Empfindlichkeiten, Kleinlichkeiten mitgenommen und dafür etwas dagelassen, das größer war als ich selbst. Und das doch in mir, mit mir begonnen hat.

Darin warst du Geschenk. Bist es noch immer.

Du hast dieses kleine Mädchen entdeckt, denn was mag ich gewesen sein, als du mich fandst, vierzehn, fünfzehn Jahre?, und hast dich ihm angeboten. Hast dich ihm geöffnet und offenbart. In deinem Kern, deiner Essenz. In diesem Bisschen Magie, das hin und wieder zwischen zwei deiner Zeilen klebte und nur darauf wartete, dass jemand darüber stolperte, der glaubt.

Ich habe geglaubt.

An dich. Und dann: an mich.

Du wurdest mir zur Bibel. In einer Familie, die sich Gott mehr und mehr annäherte, warst du mein Anker, um zu sagen: aber nicht Gott zählt, sondern der Mensch. Du Mensch. Ich Mensch. Wir Mensch.

Du warst mein Crashkurs in Zwischenmenschlichkeit. Du warst mein Leitfaden zur Lebensführung. Du warst Lebensanspruch in 360 Seiten gebannt. In Poesie gemalt. Heimathafen und Leuchtturm gleichermaßen. Du warst Botschafter einer Welt voller Menschen, die die beste Version ihrer Selbst sind. Du warst Botschafter einer Welt, in der zwischenmenschlichen Zusammenhalt mehr zählt als alles andere. Du warst Botschafter. Und Botschaft.

Und mir darin ein Vorbild.

Seit ich vierzehn bin, gebe ich mir alle Mühe, ebenfalls Botschafterin dieser Welt zu sein. Und weil wir die Veränderung sein sollen, die wir in der Welt sehen wollen, auch die Botschaft, die von dieser Welt kündet: die beste Version meiner Selbst, jemand, der Freundlichkeit, der Empathie, der Liebe höher stellt als Status, höher stellt als Norm.

Und ganz ehrlich? Ich glaube, wir haben einen guten Job gemacht, du und ich.

Sicher, es gelingt mir nicht immer. Manchmal bin ich in meinem Denken beschränkt, bin unangemessen arrogant, weil ich meine Privilegien auf andere Menschen generalisiere, ganz ohne es zu wollen. Manchmal bin ich auch einfach unausstehlich.

Aber ich gebe mir Mühe. Ich versuche, mich an dich zu halten. Besinne mich auf dich. Denke an dich zurück und zähle auf dich wie auf einen Kompass, um mir die Richtung zu weisen. Du kannst die Schritte nicht für mich gehen. Ich bin sie auch noch nicht gegangen, nur weil ich dich zu Rate ziehe, nur weil es dich gab. Aber du machst es mir leichter. Du machst es mir möglich, mich, mein Handeln und meine Reaktionen immer wieder an dem zu messen, was ich für die beste Version meiner Selbst halte. Und den Kurs anzupassen, wenn das nötig ist.

Aber als ich letztens ganz gehörig ins Schleudern kam, mit meiner Familie, mit meinen Selbstansprüchen, mit meiner Selbstkritik, und ich mich an dich gewendet habe, da warst du nicht mehr, was du einmal gewesen bist.

Dein inspirierender Charme hatte sich nicht in sein Gegenteil verzerrt, aber plötzlich eine Fratze offenbart, die ich nie zuvor erblickt hatte. Du warst unfreundlich. Du hast Rechtfertigungen für Gewalttätigkeit gefunden. Hast Umsichtigkeit im Kontakt mit den eigenen Freunden verneint. Tough love als Verhaltensmaxime vorgeschlagen. Du hast die Illusion der friendzone befeuert. Und manchmal warst du einfach … uninspiriert. Ergeben in dein Schicksal. Öde. Ein Schulternzucken, wo es Zustimmung gebraucht hätte.

Wann ist das passiert? War das immer schon so? Bin ich dir, obwohl du mich erst hast wachsen lassen, gerade deshalb entwachsen? War das absehbar? War ich von Blindheit geschlagen, weil ich mir auch sieben Jahre nach unserem ersten Rendezvous noch dasselbe von deiner Lektüre versprochen habe? Meinen sie das, wenn sie über eine ambivalente Beziehung von Text und Rezipient sprechen?

Es ist ein ekliges Gefühl. Beklemmend. Es sitzt mir schwer auf der Brust. Und lacht mir meinen Unglauben ins Gesicht.

Aber es hilft ja nichts, es zu leugnen. Es war so: Du warst nicht mehr genug. Die überlebensgroße Botschaft, die ich im Kopf hatte, die war in Wahrheit nicht mal größer als die Menge deiner Verfehlungen. Deine Charakterzeichnung war teilweise so unmotiviert, dass ich dich kaum wiedererkannt hätte. Deine Poesie hat immer wieder gelahmt. Dein Erzähltempo war ein großes Fragezeichen. Und die Klischees, in die du hinein gewatet bist, nicht nur bis zu den Knien, mindestens bis zur Hüfte … was haben die da verloren gehabt? Selbst dein Twist. Der ach so geliebte Twist. Müde hat er mich über deine Seiten geschleppt. Erschöpft. Im wahrsten Sinne des Wortes: leer geschöpft. Alles, was ich aus dir ziehen konnte, hatte ich mir in meiner Gier schon anverleibt. Und nichts war übriggeblieben.

Oder, was vielleicht schlimmer ist: es ist zu wenig übriggeblieben. So, wie du jetzt bist, wirst du mein Leben nie wieder umkrempeln. So, wie du jetzt bist, wirst du mich nicht mehr inspirieren. Und wie beängstigend ist das? Wie kannst du dasselbe Buch sein, das ich mir zum Grundlage meiner Existenz gemacht habe, wenn du mich länger inspirierst?

Bestimmt fühlt er sich größer an, als er ist, dieser Abschied von dir. Was du mir gegeben hast, das bleibt. Der Kompass bleibt. Die Botschaft. Die Welt, in die ich uns leben möchte. Nur die Gesellschaft wird ein wenig dünner. Der Ursprung, mein Ursprung, mein Gründungsmythos bricht mir weg. Etwas, das beim Erwachsen Werden schon mal passieren kann, ich weiß, ich weiß. Erst das Haus, in dem ich groß geworden bin. Dann meine (Groß-)Familie. Und jetzt du. Ich sollte es inzwischen gewöhnt sein. Aber es schmerzt. Es verunsichert.

Kann ich das alleine? Nur weil ich jetzt größer bin als du, heißt das automatisch, dass ich schon groß genug bin, um ohne dich zu sein? Ohne dieses Fundament, diese Anekdote, diese Bestätigung meines Glaubens?

Sicher kann ich es. Werde ich es können. Kann es lernen, falls es heute noch nicht klappt. Aber ich wünschte, ich müsste nicht. Doch dies ist der Moment, ab dem wir getrennte Wege gehen müssen, du und ich. Wir sind nicht mehr die Richtigen füreinander. Aus Wohlklängen sind wir zu Störsignalen geworden. Und deshalb sollten wir uns loslassen.
Danke für alles. Entschuldige, dass die Liebe, die ich dir zurückgeben konnte, nicht endlos ist. Du weißt, ich hätte mir gewünscht, sie wäre es. Du und ich nicht gegen, sondern für die Welt. Das war der Traum. Es war ein guter. Es war der beste.

Doch jetzt sind wir aufgewacht. Ich gebe mir Mühe, es der Realität nicht übelzunehmen, sich zwischen uns zu drängen. Ich will daran glauben, dass der nächste Traum sich bald meldet. Und dass ich meiner besten Version näherkommen werde, weil ich ihn träume. Dass es auf diese Weise weiterhin Sinn ergibt, dass es dich gab und mich gab und dass das, was uns passiert ist, so lange unvergleichlich war. Dass es so tiefe Wurzeln geschlagen hat.

Ich habe dich geliebt. Oh, und wie ich dich geliebt habe. Eine Weile werde ich es wohl noch tun, aber wenn ich eines Tages damit aufhöre, wenn ich dich freigebe, dich nicht mehr zurückwünsche in die Form, die du eins hattest … dann verzeih es mir. Und, weil der Tag kommen wird, so sicher wie dieser Morgen gekommen ist: verzeih es mir schon heute.

Auf dass wir all meine Deklarationen, du seist es, du und niemand sonst, nicht als Ketten verstehen, sondern als Momentaufnahmen, als Fetzen von Wahrheit in einem Geist, der von der Wirklichkeit noch nicht viel Ahnung hatte. Auf dass du noch einmal jemanden findest, der erst am Anfang steht. Und ich jemanden, der mir beim Wachsen helfen kann. Auf dass wir zu einem Kapitel unter vielen Kapiteln werden, damit wir immerhin noch im selben Buch stehen, wenn wir auch nicht mehr auf derselben Seite lesen.

Auf das, auf all das und auf noch so vieles mehr.

In Liebe,
deine Kira

P.S. Zur allgemeinen Information:

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Buch: I am the messenger (dt. Der Joker)
Autor: Markus Zusak
Verlag: Alfred A. Knopf
Taschenbuch: 360 Seiten
Sprache: Englisch
Preis: 7.99 €
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protect the diamonds, survive the clubs, dig deep through the spades, feel the hearts

Ed Kennedy is an underage cabdriver without much of a future. He’s pathetic at playing cards, hopelessly in love with his best friend, Audrey, and utterly devoted to his coffee-drinking dog, the Doorman. His life is one of peaceful routine and incompetence until he inadvertently stops a bank robbery.
That’s when the first ace arrives in the mail.
That’s when Ed becomes the messenger.
Chosen to care, he makes his way through town helping and hurting (when necessary) until only one question remains: Who’s behind Ed’s mission?

B E W E R T U N G
TIEFE: 3/5 Punkte
CHARAKTERE: 2/5 Punkte
KONZEPTION: 3/5 Punkte
GESAMT: 8/15 Punkten
Kaufempfehlung: mit mulmigen Bauchgefühl, ja.

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