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Bücher / Laura

Weil wir längst woanders sind – Rasha Khayat

Layla hat Basil nur einen Brief hinterlassen, bevor sie Deutschland wieder für ihre Heimat verließ: Jeddah, Saudi Arabien. Jetzt ist Basil zu ihrer Hochzeit mit einem arabischen Mann eingeladen, den sie nicht aus Liebe, sondern aus Prinzip heiratet, in einem Land, in dem sie viele Rechte aufgibt, die ihr in der westlichen Kultur zustehen. Basil versucht bei seinem Besuch, Laylas Beweggründe für ihren Weggang und ihre Entscheidung zu verstehen und begegnet dabei vor allem seiner eigenen Vergangenheit und seinem Leben zwischen zwei Kulturen und der großen Frage nach der eigenen Heimat.

Buch: Weil wir längst woanders sind
Autor: Rasha Khayat
Verlag: Dumont Verlag
Taschenbuch: 187 Seiten
Sprache: Deutsch
Preis: 10,-€

Es gibt ein festes Bild von arabischen Ländern, das sich Dank westlicher Vorstellungen in den Köpfen der Menschen eingebrannt hat: Frauen mit Kopftüchern und ohne Rechte, dickbäuchige Männer und ein Haufen Kohle. Meine eigenen Ideen davon waren begrenzt, weil mir zumindest klar war, dass ich keine Ahnung habe, wie die Menschen dort leben, nur dass sich ihre Kultur von unserer unterscheidet. Was dieses Buch mir vor allem gezeigt hat, war: Ja, Frauen in Saudi Arabien tragen Kopftücher (nicht ausschließlich und nicht den ganzen Tag), ja, Frauen dürfen kein Auto fahren, Frauen und Männer feiern nicht gemeinsam, zu viel Berührungen sind tabu zwischen nicht verwandten Männern und Frauen. Die Männer sind auch dickbäuchig, zumindest einige, sie sind wohlhabend, aber es geht nicht um’s Geld. Was mir das Buch noch gezeigt hat und worüber nie jemand in westlichen Ländern redet: Die Menschen dort sind auch glücklich, sie haben auch ein gutes Leben. Sie hassen oder fürchten nicht, dass sie Kopftücher tragen, sie lieben auch ihr Leben, sie lieben ihre Heimat, die Menschen in ihrem Umfeld, die Dinge, die sie tun sind keine Last. Genau wie wir Westeuropäer sind sie Menschen, die ihr Leben in einem anderen Land leben, anders als wir, aber die im Gegensatz zu uns, sich nicht herausnehmen zu glauben, dass wir viel, viel glücklicher wären, würden wir bei ihnen leben.

»Und dann stellen sie blöde Fragen«, sagt sie, » „Oh, hat deine Familie Ölquellen?“ und „Oh, du bist bestimmt froh, dass du hier nicht verheiratet werden kannst!“. Es wird immer sofort angenommen, dass die eigene Seite die bessere ist und dass wir das Grau, den Rollsplit und die ordentlich gestutzten Hecken mit den Vorgärten dahinter bevorzugen müssten.«
[Seite 116] 

Zu Beginn des Buches fliegt Basil, der der ältere Bruder von Layla ist, nach Jeddah, zu ihrer Hochzeit. Die beiden waren Kinder, als ihre Eltern – ihre Mutter Babara ist Deutsche und ihr Vater Tarek war Araber – sie nach Deutschland brachten, um ihnen bessere Bildungschancen, vor allem Layla, und Tarek sein Facharztschein zu ermöglichen. Basil trifft in Jeddah das erste Mal seit ungefähr zwanzig Jahren seine arabische Familie wieder, erkennt in Jeddah Menschen, die er kannte, Plätze, an denen er als Kind spielte und Gerüche, die er beinahe vergessen hat. Was er als ländlich und beinahe abgelegen und verstaubt in Erinnerung hat, ist bei seiner Wiederkehr industrialisiert, es gibt Starbucks und MacDonalds an jeder Ecke, in den Cafés läuft englische Popmusik, die Frauen laufen in engen Hosen und hohen Schuhen und rauchen Wasserpfeifen. Immer wieder läuft die Religionspolizei, die er auch nicht kannte, durch die Straßen und ermahnt die Leute, sich ihrem Glauben gemäß zu verhalten, die Frauen ziehen schnell ihre Kopftücher auf und die Musik wird umgeschaltet. Obwohl dies einmal Basils Heimat gewesen ist, fühlt er sich sehr, sehr fremd an diesem Ort.

Als er das erste Mal seine Schwester wiedertrifft, hat sie sich verändert: Sie hat zugenommen, das merkt er als erstes. Aber sie sieht sehr glücklich aus, sehr zufrieden. Die große, arabische Familie sitzt, isst und redet für Stunden gemeinsam, die Kinder laufen bis in die Nacht kreischend herum und Basil wird behandelt, als wäre er nie weg gewesen. Seine Tante betuttelt ihn, sein Cousin Omar sucht das Gespräch, er ist laut und einnehmend, aber herzensgut. In Rückblicken, Erinnerungsfetzen von Basil und Gesprächen mit verschiedenen Personen wird die Vergangenheit des Geschwisterpaares rekonstruiert, die Vergangenheit ihrer Eltern, was passiert ist, mit Layla und Basil, wie sie Deutschland als Kinder empfanden, wenn sie dort ihre Großeltern als „Urlaub“ besuchten, wie sie, ohne dass ihre Eltern es ihnen erklärten oder sagten, nach Deutschland zogen und jahrelang ihre Großfamilie nicht wiedersahen, die Teil ihres Alltages gewesen waren. Immer weiter kristallisiert sich heraus, wie beide zwar Fuß in Deutschland fassen, zur Schule gehen, sich verlieben und Freunde finden, aber nur Basil dort sein zu Hause findet, während Layla sich immer weiter von dort entfremdet, weil sie zur europäischen Kultur nie vollends Zugang findet, sondern sich immer wie eine „Exotin“ fühlt und so behandelt wird.

»Natürlich hat man dahinten mehr Möglichkeiten«, unterbricht sie mich. »Vor allem als Frau. Aber was bringt mir das denn, wenn die Freude darüber fehlt bei den Menschen? Wenn sie stumm und kalt bleiben trotz all ihrer Freiheit und immer nur alles Bekannte wiederholen? Was bringen mir denn die ganzen Möglichkeiten, wenn sie keine Verbindung herstellen zueinander? Wenn man einsam bleibt in der kleinen, drückenden Stadt, weil man so viele andere Dinge kennt, wenn man nie ganz frei sein kann, weil man sich immerzu entscheiden soll, und auch noch glücklich sein darüber. Wenn du ihnen immer bestätigen musst, wie froh und dankbar du bist, dass du da sein darfst? Ihr Mitgefühl hat einen Preis: diese ewige Dankbarkeit, Dankbarkeit für falsch motiviertes Mitgefühl. Soll ich mich ewig auf die Knie werfen, weil ich in diesem kleinen, dumpfen Kaff unter blassen, grauen Menschen aufwachsen durfte, die dachten, unsere Mutter sei bei Nacht und Nebel mit uns Kindern geflüchtet um ihrem brutalen Ehemann zu entkommen? Du weißt doch, wie oft ich diese Geschichte gehört habe. „Ach ja, Saudi-Arabien, wie in Nicht ohne meine Tochter!“ Ich könnte kotzen, Basil! Wer hat dich denn je gefragt, wie es wirklich war? Wie es sich anfühlt unter Kindern, von denen niemand ist wie du? Wer wollte denn was wissen? Die dachten doch immer alle, die wissen schon alles, und haben sich ihr Bild gemacht, sobald sie deinen Namen gehört haben.[…]«
[Seite 118]

In „Weil wir längst woanders sind“ geht es um das Schwanken zwischen zwei Kulturen, ohne dass es auch nur in einem Satz darum geht, eine davon auf- und die andere im Gegenzug abzuwerten. Basil und besonders Layla stehen in all den Jahren, die sie in Deutschland lebten zwischen zwei Kulturen, suchten Zugang, versuchten wie die „anderen“ zu reden, um dazu zu gehören und sich nicht von ihnen zu unterscheiden. Aber ihrer Mutter wurde dennoch unterstellt, sie wäre vor ihrem arabischen Ehemann geflohen. Sie waren zwar frei, aber sie, und wie ich mir vorstelle, wie es auch vielen anderen Menschen gehen könnte, die aus einem anderen Land nach Europa kommen, müssen für diese Freiheit in irgendeiner Art und Weise bezahlen. Sie werden immer als „anders“ empfunden, es findet immer jemand „interessant“, dass sie von woanders kommen, alle verlangen ihre Dankbarkeit, dafür, in ihrem Land leben zu dürfen. Wir sind zwar alle super frei in Europa, aber wir sind auch alle immer so beschäftigt damit seriös und ernst zu sein und nach festen Vorstellungen und Freiheiten zu leben, dass wir am Ende bei all der Freiheit nicht mehr wirklich leben. Layla findet in Saudi-Arabien zwar Einschränkungen ihrer Rechte vor, ist aber befreit von dem Eindruck, den die Leute ihr auferlegen und dem sie gerecht werden muss, um europäische Sichtweisen zu bestätigen und findet in Saudi-Arabien vieles von den Dingen vor, die ihr in Deutschland gefehlt haben: Wärme, Freiheit von Vorurteilen, ein Zugehörigkeitsgefühl, Heimat.

„Weil wir längst woanders sind“ hat mich sehr nachdenklich hinterlassen, besonders, was meinen Blick auf arabische und europäische Kultur angeht. Ich hab lange dagesessen und mich gefragt, warum wir Europäer immer glauben, alles wäre so schlecht, wo es nicht europäisch ist und wieso wir immer annehmen, alles nicht-europäische würde unglücklich machen und wäre ungenügend. Das Buch hat mir außerdem gezeigt, dass wir nicht verstehen können, wie es ist, zwei Heimaten und damit zwei Identitäten zu haben, wenn wir nicht selber damit konfrontiert sind; Dass wir von Leuten nicht verlangen können, sich zu integrieren und damit ihre Persönlichkeit aufzugeben, nur damit sie in unser europäisches Raster passen, weil nur ein europäisches Raster gut ist. „Weil wir längst woanders sind“ war unaufdringlich tiefsinnig. Es ist nicht dazu gemacht, Leute zu bekehren oder ihre Sichtweisen umzukrempeln, aber man kommt nicht umhin, seine eigenen zu hinterfragen und erneut zu durchdenken. Es ist furchtbar klischeebehaftet von mir, aber ich hatte vor dem Buch auch Probleme damit, mir vorzustellen, warum man seine Rechte aufgeben sollte und einen Mann heiraten sollte, den man nicht liebt. Freiwillig. Und damit führt man sich seine eigenen auferlegten, normativen Vorstellungen vor Augen, die einem seit der Geburt eingeprägt, eingeschärft werden und nach dessen Bestätigung wir Europäer ständig dürsten, ohne zu verstehen, dass die Welt nicht gemacht ist, um europäisch zu sein.

„Weil wir längst woanders sind“ geht leicht runterzulesen, es ist verständlich, aber es verlangt auch Kopfarbeit, weil es dir nicht alles einfach so erzählt. Die Own-Voice Autorin Rasha Khayat, die selber in Jeddah ihre Kindheit verbrachte und dann nach Deutschland kam und damit dem Buch seinen einzigartigen, glaubhaften und ehrlichen Stil beibrachte, schaffte es mit einfachen Worten eine große, von Vorurteilen gefüllte Welt zu zeichnen, in der wir noch immer leben, gleichzeitig auch die Liebe zum Detail zu behalten und wertungslos europäische, so wie arabische Kultur darzustellen und dem Leser näher zu bringen. Basil war ein für mich leider sehr passiver Hauptcharakter, durch den zwar die Geschichte vermittelt wurde, doch dessen eigene Perspektive leider sehr oft blass blieb, was Layla auszugleichen wusste. Dennoch würde ich es jedem empfehlen, allein schon, um den eigenen Horizont zu erweitern.

 

• Alles, alles Liebe
Laura

 

B E W E R T U N G

TIEFE: 5/5 Punkte
CHARAKTERE: 3/5 Punkte
KONZEPTION: 3/5 Punkte
GESAMT: 11/15 Punkten
Kaufempfehlung: Auf jeden Fall!

4 Comments Weil wir längst woanders sind – Rasha Khayat

  1. Ramona | El Tragalibros

    Hallo Laura,

    ich habe das Buch auch schon gelesen und kann deine Gedanken absolut nachvollziehen. Auch mich hat das Buch sehr nachdenklich zurückgelassen – ganz besonders wie ich die Welt sehe und was meine Ansichten zur arabischen Welt vs. europäische Welt sind. Ich finde „Weil wir längst woanders sind“, rüttelt die eigenen Gedanken auf und stülpt sie eimal um, weil es eben nun mal nicht schwarz und weiß gibt, sondern viele Facetten im Leben.

    Viele Grüße
    Ramona (#litnetzwerk)

    1. skepsiswerke

      Hallo Ramona!
      Absolut richtig. Ich finde besonders, dass das Buch zeigt, dass unsere Welt alles was „anders“ ist als die westliche Kultur immer als schlecht zeigt, dabei ist es das nicht. Das macht das Buch wirklich sehr gut.
      Liebe Grüße zurück,
      Laura

  2. Elisa

    Hallo Laura,

    das Buch klingt wirklich interessant und ist sofort auf meine Wunschliste gewandert.
    Ich hatte während des Studiums eine Zeit lang einen saudischen Mitbewohner, der zwar nicht mehr permanent nach Saudi Arabien zurück wollte, aber ein differenzierteres Bild von dem Land vermittelt hat, als man es sonst in den Medien mitbekommt z.B wenn er von der Rolle erzählte, die seine Mutter in der Familie einmint.

    LG und danke für den Tipp
    Elisa #Litnetzwerk

    1. skepsiswerke

      Hallo Elisa! 🙂
      Ja, die westliche Welt gibt so ein einseitiges Bild von anderen Kulturen, dass uns hier sehr oft ein anderer Blickwinkel fehlt. Umso wichtiger, dass man Perspektiven von Menschen aus betreffenden Ländern bekommt. Die sollten viel öfter in die Berichterstattung einfließen.
      Und sehr gern!
      Liebe Grüße,
      Laura

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