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Alltag / Kira

Warum ich Koreanische lerne: eine Liebe in 3 Akten.

안녕하세요 (annyeonghaseyo).

Vielleicht ist es manchen auf Instagram bereits aufgefallen, vielen aber sicherlich noch nicht, deshalb sei es erwähnt: seit 75 Tagen lerne ich Koreanisch.

75 Tage Koreanisch

75 Tage – das ist eine recht genaue Zeitangabe. Möglich gemacht wird sie von Duolingo, der App, mit der ich mir die Koreanische Sprache aneigne, weil sie mitzählt. Möglich gemacht wird sie auch durch K-Dramen wie Goblin oder LIFE, durch K-Pop-Bands wie Bangtan Sonyeondan (BTS), GOT7 & Monsta X. Durch wundervolle Frauen in meinem Umfeld, die meine Begeisterung nicht nur teilen, sondern noch anfeuern.

Und möglich gemacht wird sie schließlich durch mich.

Seit 75 Tagen verbringe ich mindestens 15 Minuten meines Tages damit: eine neue Schrift schreiben und das Lesen in dieser üben, Vokabeln lernen, erste Ausdrücke & simple, aber stetig länger werdende Sätze formulieren, und mir (zusätzlich zu Duolingo, denn darin ist die App leider nicht zufriedenstellend – meine Lösung ist Talk to me in Korean) die Grammatik der Sprache beibringen.

Und obwohl ich liebend gern schon viel weiter wäre, als ich es bin, gibt es doch bezeichnende Fortschritte: in meinem Verständnis der Sprache und in meinem Leben.

Denn: Sprachen erschließen uns Räumen. Menschen. Geschichten. Sprachen erschließen uns die Welt.

Und meine wird gerade um eine historische, kulturelle & zukunftsweisende Ecke reicher: um die Südkoreas.

Wie bin ich dazu gekommen?

Nach der Trennung meiner Eltern im August habe ich erstmals wirklich aktiv in Anspruch genommen, was so viele Freunde mir angeboten haben: und bin zu ihnen gekommen, um zu reden, mir helfen, mich halten zu lassen. Nun ist das große Pech unserer digitalisierten Welt, dass geographische Entfernungen nicht verschwinden, nur weil die Herzen hinter den Bildschirmen einander nicht mehr fremd sind – und entsprechend war das mit dem „Halten“ in manchen Fällen so eine Sache.

Aber – und darin wünsche ich euch allen Freunde wie meine – das hat niemanden aufgehalten. Meine allerliebste Ena hat mir Goblin an die Seite gestellt: mein erstes & von nun an vermutlich für immer mein ultimatives K-Drama.
An dieser Stelle sei eine herzlichste Empfehlung an euch alle ausgesprochen. Sie wird euch alles kosten, diese Serie, aber noch mehr zurückgeben. Ich versprech’s.

Jedenfalls hatte ich Blut geleckt – nach der Geschichte um Kim Shin & Ji Eun Tak. Ich wollte wissen, was. Ich wollte wissen, wie. Ich wollte verstehen. Ich wollte mehr als nur als Konsument (und zusätzlich noch sekundärer Konsument, da auf Übersetzungen angewiesen: herzlichsten Dank an alle Fans, die sich diesen Übersetzungen annehmen) an ihnen teilhaben. Die Art, Geschichten zu erzählen, ist zu brillant, um nicht mindestens auf die Metaebene vordringen zu wollen!

Nun – für Storytelling ist, das wird jeder nachvollziehen können, die Sprache nicht unwichtig. Wir können den krassesten, innovativsten, neusten Inhalt haben – er wird an die Sprache gebunden sein, in der wir ihn erzählen: an ihre Gegebenheiten, an den Fokus, den sie wählt, an die Art & Weise, wie unsere Weltsicht durch das geprägt ist, das wir denken (können) und das, was wir denken können, durch das geprägt wird, was wir sagen können.
Sprache ist alles.

Also bin ich dem Impuls gefolgt. Also lerne ich Koreanisch. Und es ist spannend, was das mit meinem Leben macht.

Man lernt staunen: Lernen um des Lernen Willens

Ich weiß nicht, wie es bei euch ist, aber dass ich zuletzt eine Sprache ganz neu gelernt habe, ist lange her. Englisch, Latein, für einen kurzen Moment Französisch – aber all das liegt mindestens 7 Jahre zurück.

Das heißt auch, dass ich mich nicht mehr wirklich daran erinnern konnte, wie es ist, wenn du anfängst, zu verstehen. Erst nur Wortfetzen. Dann einzelne Ausdrücke. Hier und da eine erste grammatische Konstruktion. Ich weiß noch, wie ich dachte, ABBA singt in Mamma Mia über eine Pizzeria. Aber ab wann ich verstanden habe, dass das nicht so ganz die Botschaft des Liedes trifft … keine Ahnung.

Jetzt hab ich das wieder. Jemand sagt 감사합니다 (gamsamnida) & ich strahle übers ganze Gesicht. Jemand sieht den Ozean und ruft aus „바다!“ & ich könnte jubeln. Jemand spricht vom Trainieren, von Männern (ich weiß auch nicht, 남자 [namja] merkt man sich einfach leicht), davon, dass etwas Spaß macht (재미 [jaemi]) … und ich bin stolz & motiviert gleichermaßen. Es ist ein Akku, der sich durch Benutzung immer und immer wieder auflädt.

Und ja, manchmal steht auf meinem Unizettel eher 가수가 가방을 방에 던졌습니다 (Der Sänger wirft eine Tasche in den Raum) als „Die Weimarer Verfassung sah Bürgerrechte und Bürgerpflichten vor“ – aber hey, ich lerne und zwar einzig, um des Lernen Willens.

Niemand drängt mich.
Es gibt keine Hausaufgaben.
Keine Deadline.
Niemand kontrolliert mich.

Ich tue es einfach, weil ich will.
Weil es mir eine Welt erschließt, die mich endlos fasziniert.
Das Spielerische daran, die Faszination, das Staunen – sie halten mich bei der Stange, aber sie halten mich auch wach für die Welt um mich herum. Und das kann ganz viel.

Man reduziert Vorurteile: Die Welt jenseits des Tellerrands

Ich weiß nicht, wie ihr Sprachen lernt – aber gerade Englisch habe ich neben der Schule vor allem über Filme, Serien & Musik gelernt. Untertitel an und HÖREN, HÖREN, HÖREN.
Und dann ab ins Internet, zum Fancontent, was heißt: LESEN. LESEN. LESEN. Und schließlich in der Diskussion mit anderen Fans: SCHREIBEN. SCHREIBEN. SCHREIBEN.

Mit Koreanisch ist das nicht anders. Und wenn ich auch noch nicht im SCHREIBEN/SPRECHEN angekommen bin, heißt es doch, dass ich außerhalb meiner Gewohnheiten medial konsumiere. Seien das K-Dramen, seien das Youtube-Channels, in denen auf Seouls Straßen Interviews mit durchschnittlichen Koreaner*innen geführt werden, sei das K-Pop mit seiner Vielfalt an Backstage-/Reality-Show-Formaten.

Unweigerlich werde ich mit Werten, Vorstellungen, Sinnstiftungen konfrontiert, die nicht mehr deutsch, europäisch oder westlich zentriert sind – und das heißt auch, dass ich in meine eigenen Vorurteile gehen muss, dass ich sie endlich an der Wirklichkeit messe. Dass ich sie ersetze. Vielfach vollständig, weil es peinlich ist, wie wenig ich über diesen Teil Asiens weiß.

Man schafft Gewohnheiten: Das Ding mit der Selbstdisziplin

Seit 75 Tagen lerne ich Koreanisch.
Das klingt … nicht so krass, wie es ist. 75 Tage. Ich glaube nicht, dass ich in diesen 75 Tagen außer meinem Koreanisch Lernen noch irgendetwas anderes konsistent täglich getan habe.

Nicht geschrieben.
Nicht Uni.
Nicht Sport.
Nicht gesund gegessen.
Nicht gelesen.
Nicht selfcare.
Nicht andere Fortbildung.

Aber Koreanisch ging.
Weil es kleine Einheiten waren.
Weil ich – von der Duolingo App angestiftet – plötzlich sehen wollte, was passiert, wenn ich nicht aufhöre.
Und magic ist das, was passiert.

Nur, wenn es mit Koreanisch geht, dann geht es auch mit anderem. Und es ist gut, herauszufinden, womit man den Schweinehund besänftigen kann. Was es braucht. Das mag bei jedem anders sein. Das mag sich auch nicht auf alles übertragen lassen.

Aber zumindest bringt man Dinge über sich in Erfahrung. Findet Ansätze – ganz individuell -, um anzufangen.

Was man draus macht, ist dann jedem selbst überlassen.
Aber man, ich weiß, wovon ich träume. Und dass es längst keine Frage mehr ist, ob ich eine Zeit meines Lebens in Seoul verbringen werden, sondern nur noch wann, wie, wozu und wie lange.
Und ich kann es nicht erwarten, die Antworten auf diese Fragen zu finden.

Was ist mit euch?
Lernt ihr Sprachen?
Welche? Wie? & Warum?
Erzählt mir alles!

Liebste Grüße,
Eure Kira

2 Comments Warum ich Koreanische lerne: eine Liebe in 3 Akten.

  1. Rose

    In meinem gesamten Leben bin ich die Dinge eher halbherzig angegangen. Wenn ich eine fremde Sprache lernen wollte, ist meine Begeisterung meist kaum über das Erlernen des Zeichensystems hinausgegangen, bevor sie kaum zwei Wochen später im Sand verlaufen ist.
    Auch Koreanisch habe ich ehrlich versucht. Sogar noch weiter, als meine Finnisch-, Russisch- oder Griechischversuche mich je getragen haben. Aber ich bekomme es einfach nicht auf die Reihe, obwohl ich so gerne eine gemeinsame Basis mit all den Leuten hätte, mit denen ich mich jeden Tag beschäftige. Ich schiebe es auf Uni-Stress, wenn es eigentlich nur Antriebslosigkeit ist.
    Umso mehr kann ich nur dich bewundern, dass du das schon seit so langer Zeit (75 Tage sind wahrscheinlich viermal länger als mein ertragreichster Versuch) durchziehst. Eine Sprache zu lernen, ist ein ungemeines Commitment. Und eine ultimative Liebeserklärung, in meinen Augen – eine, die ich Südkorea so gerne entgegenbringen würde.
    Deswegen bewundere ich dich umso mehr, dass du so unbeirrt und unverzagt alles gibst, um eines Tages vielleicht eine vollständige Konversation mit einem Koreanischsprechenden zu führen.
    Bis dahin, auf noch einmal 75 Tage, und darüber hinaus.
    Alles Liebe,
    Rose

  2. Jacquy

    Ahh, das ist so, so schön zu lesen! Ich finde es toll, wenn jemand einzig und allein deshalb etwas lernt, weil er es möchte und wenn das eine Sprache ist, umso schöner. Ich selbst lerne Spanisch, aber sehr inkonsequent, weil ich es studiere und dadurch wieder dazu gezwungen bin, was mir total die Lust nimmt. Ich hoffe das nach dem Abschluss zwangloser weiterführen zu können, denn was du beschreibst klingt toll.
    Ich wünsche dir weiterhin viel Spaß!

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