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Kira / Schreiben

Vom Recht auf den Zauber der neuen Idee

Kreativköpfe aller Art lernen im Laufe ihres Prozesses etwas über Fokus. Über die Bedeutung von Prioritäten. Über Commitment.

Autoren nennen sie gerne Plotbunnies, die Ideen, die sich einschleichen, weil Funken schlagende Inspirationen unsere Aufmerksamkeit eher fesseln als die große Sisyphus-Aufgabe des Schreiben eines einzelnen Buches. Als solche Plotbunnies werden sie erkannt, werden sie angedacht, werden sie für kostbare fünf Minuten von allen Seiten bewundert und dann – im Dienste am Hauptprojekt – auf einen späteren Zeitpunkt verschoben.

Das ist in vielerlei Hinsicht praktisch: Man behält die Ablenkungen im Griff. Man nimmt dem Hauptprojekt nichts von dem, was man ihm zugestanden hat. Und man muss sich nie fragen, was als nächstes kommt. Denn sie warten ja, die Plotbunnies, die Ideen-Keimlinge, die – wenn wir ihnen erst Sonne und Wasser unserer Aufmerksamkeit zukommen lassen – zu Projekten heranwachsen wollen.

Es ist aber wie mit allem im Leben ein zweischneidiges Schwert.

Viereinhalb Jahre habe ich vorrangig an einem Projekt gearbeitet. Zwischendrin zwar auch an einer Menge anderer Geschichten geschrieben, aber keiner davon je wirklich einen Vorzug vor dem Hauptprojekt gewährt: Der Unterschied zwischen Waffenstillstand und Frieden war Inbegriff meines Autorenlebens. Für viereinhalb Jahre.

Und so habe ich für viereinhalb Jahre alle Ideen, die mir dazwischen funken wollten, auf die lange Bank geschoben. Sophie & Ashton. John & Clara. Madison & Timothy. Mein Ghost!Boy. Wesley & Mary. Felix & Lae. Sam & Winston. Charlie & ihre Friedhofgang. Mila & Ava. Meinen Wissenschaftler & seinen Revolutionär. Lotte & die Selbstjustiz. Lola & Samira. So viele Ideen. So viele Möglichkeiten. So viele Anknüpfungspunkte.

Als dann Anfang des Monats die Entscheidung fiel, dass Tessa, Erik und Kim noch eine Weile auf ihre Geschichte warten müssen, da mein eigenes Leben sich allzu sehr an die Grenze zu dieser Fiktion anschmiegte, wäre es also Zeit gewesen, wenigstens eines meiner Versprechen wahrzumachen. Das „Bald, ganz bald, ich versprechs“, das ich ihnen allen ins Ohr raunte, als ich die OneNote-Notizbücher und die Word-Dokumente anlegte, mit Idee-Fragmenten füllte und dann wieder schloss.

Fakt ist: mit Projekt Noelle ist es kein Plotbunny, das zum Projekt wächst. Es ist eine nigelnagelneue, noch nie da gewesene Idee. Ein Zeitzeuge sozusagen dieses Sommers. Und das verändert alles.

Denn während ich keine meiner Ideen missen will, eröffnet mir Noelle die Möglichkeit, über das zu schreiben, was mir jetzt wichtig ist. Fragen über unsere Verantwortung bei der Gestaltung der Welt. Fragen über die totalitäre Absolutheit von Lebensträumen. Fragen über die Vereinbarkeit von Beziehungen und Zukunftsplänen. Fragen, die man sich eben stellt, wenn man nur noch ein Semester von seiner Bachelorarbeit entfernt ist.

Und das bringt mich an einen Punkt, der für mein Schreiben essentieller ist als vieles anderes. Ich erwarte von ihm, die Welt, in der ich lebe, zu kommentieren. Thesen darüber aufzustellen, warum wir miteinander leben, wie wir es tun. Gedankenexperimente dazu durchzuführen, wie sich ein solches Zusammenleben verändern mag. Das vereinbart sehr universelle Ideen über das Menschsein mit ganz konkreten Ausprägungen dieses Menschseins und birgt für mich gerade darin ein glänzendes Potential.

Doch um das Menschsein in meinen Geschichten zu konkretisieren, braucht es eine Verankerung im Hier und Jetzt und diese Verankerung wird immer weniger aktuell, je länger die Idee auf ihre Realisierung hat.
Für Tessa war der Fixpunkt der Mauerfall in 1989.
Für Madison war es die Wahl von Trump ins Amt des US-Präsidenten.
Für Noelle wird es der Rechtsruck in der deutschen politischen Landschaft sein.

Ich sage nicht, dass die Aktualität von Tessa oder Madison verfallen, wenn ich sie erst in drei, vier, fünf Jahren schreibe. Aber eine Rückkehr zu den Prozessursprüngen – Idee. Ausarbeitung der Idee. Schreiben der Geschichte – bringt eine andere Dynamik. Eine neue Dringlichkeit. Man ist beflügelt von dem Puls der Zeit, der zwischen den Zeilen schlägt. Man brennt darauf, zu erzählen, weil die Beobachtungen frisch sind, weil ein gemeinsamer Denkakt an diesem Problem wichtig ist. Weil wir für ein Publikum schreiben, das auf der anderen Seite der (Buch-)Seite nach Antworten auf dieselbe Frage sucht.

Es ist, wie Hermann Hesse sagt: Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Und ab und zu, allen Plotbunnies zum Trotz, haben wir ein Recht auf diesen Zauber. Und seine Wunder.

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