skepsiswerke

Laura / Schreiben

Triggerwarnungen in Büchern

Vor langer Zeit, aber derzeit wieder im Gespräch, nachdem einige Menschen immer noch nicht wissen, warum es wichtig ist: Triggerwarnungen. Der Ruf danach wird immer größer, womit sich auch immer mehr Gegenstimmen erheben, die sagen, Triggerwarnungen würden „spoilern“, man könne sich ja von „allem getriggered“ fühlen, die Leuten wären „einfach zu sensibel“ oder machen eine Blase um nichts. Vielleicht spoilere ich mal für diesen Beitrag: Bücher, Filme, Spiele sollten Triggerwarnungen haben, denn man weiß nie, wer sie rezipiert. Für viele ist einleuchtend, dass man eine Triggerwarnung ausspricht, wenn explizite Kriegsdarstellung ehemaligen Soldaten mit PTBS unter die Nase gehalten wird – Aber für Menschen, die unter sexueller, körperlicher Gewalt oder anderen traumatischen Erfahrungen gelitten haben, soll das nicht auch gelten? Jeder, der nicht gerade mit soetwas dienen kann, ist nicht „traumatisiert genug“ und „zu sensibel“?
Nein und Nein und Nein. Reden wir darüber.

Was sind Triggerwarnungen überhaupt?

Triggerwarnungen ist die Warnung vor bestimmten Inhalten, damit es nicht zu bestimmten Auslösereizen kommt. Das bedeutet, dass auf die Darstellung von beispielsweise körperlicher oder sexueller Gewalt hingewiesen wird. Auf diese Art und Weise schützt man Menschen, die in ihrem Leben einem Trauma wie diesem oder anderen ausgesetzt waren kann, vor Triggern, die ganz unterschiedlich sein können. Getriggert werden führt bei Betroffenen oftmals zu Angst- und Panikgefühlen, kann aber auch zu selbstverletzendem Verhalten, bis hin zu Suizidgedanken führen. Daneben wäre zu erwähnen, dass ein Trigger auch Flashbacks, Ohnmächtigkeitsgefühle, Schmerzen und viele andere Reaktionen hervorrufen kann.

Triggerwarnungen werden schon lange weit und breit diskutiert, jedoch auch in manchen Medien bereits genutzt. So gibt es beispielsweise Games, in denen zuvor Triggerwarnungen gezeigt werden. Darüber hinaus findet man „TW“s (Triggerwarnings) oder „CW“s (Contentwarnings) oftmals im Fanfictionbereich. Dass sie hier genutzt werden und kein Problem darstellen, zeigt, wie unfassbar einseitig die Buchbranche hier fährt, wo Triggerwarnungen doch ein Konzept sind, das bereits funktioniert und an vielen Stellen mehr genutzt werden sollte.

Eine (unvollständige) Übersicht von Themen, zu denen Triggerwarnungen geschrieben werden könnten:

• (Explizite) Darstellung von (häuslicher) Gewalt

• (Explizite) Darstellung sexueller Gewalt

• (Explizite) Darstellung von Sex

• Selbstverletzendes Verhalten

• Essstörungen (Eating-Disorder/ED)

• Rassismus

• Sexismus

• Darstellung und Beschreibung von Krieg

• ….

Fühlt euch frei, weitere Themen anzubringen, die die Liste ergänzen könnten.

Kritik an Triggerwarnungen – Und warum sie absolut nicht ernstzunehmen ist

Aber wie immer, wenn Betroffene um Verständnis und Hilfe(!) bitten, stehen die ersten auf und das Geschrei bei Triggerwarnungen in Büchern ist groß: Triggerwarnungen spoilern Inhalte! Triggerwarnungen sind Zensur! Triggerwarnungen sind übertrieben! Das Öffentlichkeit ist ein freier Raum, in dem man frei reden und agieren können muss, ohne sich einzuschränken!

Bullshit.

Triggerwarnungen haben etwas mit Empathie zu tun, womit man nicht einmal überschäumen muss, um sie einzusetzen: Die Bitte auf bestimmte Inhalte hinzuweisen, hält niemanden davon ab, diese Inhalte zu schreiben, sondern lediglich sie zu markieren. Das bedeutet nicht, dass der/die AutorIn von nun an keines dieser Themen mehr bedienen darf (ob jemand Ausmaße einer ED einschätzen kann, der selbst nie unter einer leidet/gelitten hat, was für einen Sinn eine explizit ausgeschriebene Vergewaltigung hat u.A. ist eine andere Frage), sondern dass sie/er auf diese Inhalte hinweist, um andere nicht zu verletzen. Während ein Buch nach 300 Seiten endet, kann ein Trigger lange, lange Folgen haben, die der/die AutorIn nicht intendiert haben möge, die dem/der LeserIn aber trotzdem widerfährt. Damit zensieren Triggerwarnungen nicht und schränken keine Freiheit von schaffenden Menschen ein.

Aber spoilern Triggerwarnungen nicht?

Nein, sie spoilern nicht. Sie weisen auf Inhalte hin. Als LeserIn hat man damit keine Ahnung, was das für das Buch bedeutet, dessen Inhalt man nicht kennt. Wenn ich jetzt jedoch Betroffene von sexueller Gewalt vorn im Buch erfahren, dass diese vorkommen wird, hab ich die Wahl, ob ich das Buch in die Hand nehme. Selbst wenn ich nicht betroffen bin, habe ich damit die Wahl – Und rezipiere damit kein Buch, das mir potenziell schaden könnte.

EinE LeserIn, die ein Buch wegen einer Triggerwarnung weglegt – welches an dieser Stelle auch sein möge – würde auch im Nachhinein wahrscheinlich den z.B. vorkommenden Rassismus kritisieren. Wenn ich ein Buch nicht kaufe, weil die Triggerwarnung mir sagt, dass in diesem Buch Trigger XX aufgegriffen wird, hätte mir das wohl auch nicht gefallen, hätte ich es nicht gewusst. Weder AutorIn noch LeserIn ziehen einen Nachteil aus Triggerwarnungen. Weder inhaltlich, noch verkaufsmäßig. Nur Betroffene ziehen erhebliche Vorteile aus diesen Dingen, denn sie wissen, auf was sie sich einlassen, sobald sie ein Buch zur Hand nehmen. Triggerwarnungen sagen nichts über spoilernde Inhalte aus, was den Punkt einfach unerheblich und falsch macht. Es zeigt lediglich, welches Privileg jene genießen, die solch traumatische Erfahrungen nicht machen mussten und die Sache deswegen auf die leichte Schulter nehmen können.

Aber wie erkenne ich, wozu ich Triggerwarnungen schreiben muss? Menschen können sich von allem getriggert fühlen.

Ja und nein. Trigger können auch Gerüche und Orte sein, das ist wahr. Trotzdem ist es ein leichtes zu offensichtlichen Themen (s. unvollständiger Liste oben) Triggerwarnungen zu schreiben. Ich für meinen Teil kann sagen, dass ich zu allen Dingen Triggerwarnungen schreibe, die mir selbst noch wehtun würden, neben den offensichtlichen und dass ich mich an meinem Umfeld orientiere, weil dieses mir hilft, Punkte zu erwähnen, die ich selbst nicht im Kopf habe.
Es ist ein Unterschied, Rosenduft zu erwähnen, der jemanden triggern könnte oder explizite Gewalterfahrung im Elternhaus. Den Rosenduft, davon kann niemand wissen und ich möchte jeder/jedem sagen, dass einer/einem dafür auch niemand einen Vorwurf machen wird. Bei der Gewaltszene ist das ein anderes Thema. AutorInnen, die sich auf diese Art und Weise rauszureden wollen, machen es sich leicht und sind genauso ignorant wie solche, die nicht einmal darüber sprechen.

Wo setze ich Triggerwarnungen?

Für mich ist das eine interessante Frage, besonders weil ich dieses Jahr selbst mit Triggerwarnungen veröffentlichen möchte. Hier gibt es keine einheitliche Reglung, aber als jemand, der bereits Bücher rezipiert hat, die Triggerwarnungen gebraucht hätten und mich nachhaltig verstört zurückgelassen haben: Macht sie sichtbar. Sie müssen nicht auf der ersten Seite stehen, sie müssen nicht knallrot auf dem Cover sein, aber sie in die hinterste Ecke des Romans zu quetschen und in Ft. 1 darauf hinzuweisen, dass sie auf der allerletzten Seite unten links in Ft 0,5 ist, ist für mich einfach keine ernstzunehmende Triggerwarnung, sondern lediglich der Versuch eines/AutorIn sich selbst auf die Schulter zu klopfen und zu sagen „Ja, aber Triggerwarnings hatte ich doch!“.

Newsflash: Triggerwarnungen, die man drei Jahre suchen muss, bevor man sie findet, kann man sich schenken.
In eigener Sache: Die Co-Autorin und ich platzieren sie wahrscheinlich auf der ersten oder zweiten Seite des Romans, am unten Rand. In gut lesbarer Schriftgröße, nicht überlesbar, und schützen damit LeserInnen davor, Inhalte zu rezipieren, die sie triggern oder nachhaltig verstören könnten.
Was denkt ihr, wo Triggerwarnungen am effektivsten zu platzieren sind?

Triggerwarnungen sind also nicht kompliziert, sie spoilern nicht und sie machen nichts kaputt. Triggerwarnungen sind eine Möglichkeit andere zu schützen, statt ihnen wehzutun. Wie im echten Leben will man das vermeiden. Warum also nicht, wenn man Bücher schreibt?

• Laura

Quellen:
Triggerwarnung, Enzyklo.de
Was ist eine Triggerwarnung/Trigger Warning?, Bedeutung Online
Trigger als Auslöser psychischer Reaktion, Regenbogenwald.de
Trauma-Trigger – Definition & Beispiele
(Beitragsbild ist bearbeitet: Original Photo by Keith Misner on Unsplash)




4 Comments Triggerwarnungen in Büchern

  1. Steffi von fieberherz.de

    Danke für den guten Text, sehe es genauso wie du. Was mich bei der Diskussion mitunter sehr stört, ist das „Argument“, die Vielfalt möglicher Trigger als Ausrede nehmen zu dürfen, als Autor*in keine TW zu setzen. Da stellt für mich zum einen eine verletzende Geringschätzung Betroffener dar, zum anderen wird die eigene Angst, etwas falsch zu machen plötzlich Grund, etwas nicht zu tun. Was mich wundert, denn diese Angst hält ja niemanden davon ab, über recherchierte, statt erlebte Themen zu schreiben und das birgt doch immer das immense Risiko, schlicht zu wenig oder völlig falsch recherchiert zu haben. Ich sehe da also einen Doppelstandard, den ich final nur noch als Bequemlichkeit bezeichnen kann (wenn man mit „Es gibt zu viele mögliche Trigger, also mache ich nichts!“ argumentiert).

    Zu der Position im Buch: Da es in Bücher leider ganz und gar nicht etabliert ist, würde ich es die nächsten Jahre (!) ganz vorne platzieren. Ich würde hinten nicht danach suchen wie etwas das Impressum, das in ein Buch MUSS.

    1. skepsiswerke

      Liebe Steffi, vielen Dank für dein Feedback!
      Ich stimme dir in allen Punkten vollkommen zu. Triggerwarnungen sollten nicht noch ein Problem bringen und sollten es für den/die gut recherchierte Autor*in auch nicht sein, womit die Nichtnutzung mehr Ausrede, als tatsächlich eine Angst ist.
      Und Triggerwarnungen vorn zu platzieren klingt auf jeden Fall nach einer Möglichkeit, sie auch für Leser, die davon unbetroffen sind, sichtbar zu machen und damit dessen Wichtigkeit hervorzuheben.
      Alles Liebe
      Laura

  2. Jacquy

    Ich finde Triggerwarnungen wichtig und finde auch, dass sie allgemein eingeführt werden sollten, nicht nur dann wenn das Buch von einer besonders informierten und sensiblen Person geschrieben wird. Würde man es zum Standard machen, würde ich sie z.B. ins Impressum (heißt das bei Büchern so?) schreiben. Das liest man im Normalfall nicht (weshalb sich dort niemand spoilern wird), es ist aber immer da und immer an der gleichen Stelle, weshalb sich das aus meiner Sicht gut dort einbauen lassen würde.

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