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Ali / Gesellschaft

Sicherheit von Frauen im Internet

Das Bild stammt vom Der umfassende Internet-Sicherheitsleitfaden für Frauen.

Eine Anmerkung zur einer Nummer in einer Klamme ist am Ende des Beitrags zu finden.


Wem wurde schonmal ein ungewünschtes Dickpic zugeschickt? Wer wurde um Nacktfotos von fremden Menschen gebeten? Wem wird grundsätzlich suggeriert, erst mal nicht ganz genau übers Thema informiert zu sein?

Wer dreimal Ja gesagt hat, ist höchstwahrscheinlich eine Frau und höchstwahrscheinlich sind diese Dinge über ein soziales Netzwerk geschehen.

Frauen als Freiwild in den sozialen Medien

Die sozialen Netzwerke, die es vereinfachen, mit Menschen von überall her Kontakt aufnehmen und sich mit diesen verbinden und austauschen zu können und dabei sogar anonym zu bleiben, ist die Stärke des Social Media. Und darin auch eine Schwäche. Denn durch den kurzen Weg, der durch Chats möglich ist und der Möglichkeit, sich unerkannt ohne jede Strafe überall herausziehen zu können, lässt anscheinend die Hemmschwelle sinken.

Frauen [1] als Gruppe, die bereits auf der Straße, in Bars und Clubs hemmungslos sexuell belästigt werden, sind hierbei eine Gruppe, die von solcher Belästigung im Internet oft betroffen sind.
Eine Frau, die nichts weiter als ein Bild von sich als Profilbild und beispielsweise ihre DMs offen hat (wenn man Twitter als Beispiel nähme), kann ohne ersichtlichen Grund auserwählt werden, als jemand, dem man Dickpics schickt oder von dem man Nacktbilder anfordert. Vielleicht weil irgendein Mann findet, dass ihr Bild freizügig ist? Für viele ist das eine offene Einladung, wie es scheint.
Was finden wir hier? Sexuelle Belästigung. Die keiner hat vorhersehen können. Die ohne Muster entstanden ist. Wovor man sich hat nicht schützen können.

Eine Frau, die sich im Internet an einer öffentlichen Debatte beteiligt und eventuell ein Thema anstößt, das insbesondere das Ego privilegierter Männer anstoßen könnte, läuft bereits Gefahr, offen nachlesbare Vergewaltigungsdrohungen und Todesdrohungen zu erhalten. Im virtuellen Briefkasten liegen Hassgebärden, die nur schwer vorstellbar sind. Möglich ist auch, dass durch beispielsweise durch Impressen die Adresse herausgegeben wird. Dann landen Drohgebärden im Briefkasten. Dann ist der Gang auf der Straße bereits mit Angst verbunden.
Gewaltandrohungen und Todesandrohungen – dafür, dass man an einer öffentlichen Debatte teilgenommen hat? Kann man damit rechnen? Muss man sich das gefallen lassen? Muss man damit umgehen?
Alle Antworten darauf lauten Nein.

Nein. Auch wenn man sich für die Nutzung des Internets und Social Media entschieden hat, wird man nicht zum Freiwild. Nicht verfügbar. Keine Projektionsfläche, an der man sich in seinen (Gewalt-)fantasien ausleben kann.

Mehr Sicherheit für Frauen im Internet – Anonymität als Weg?

Damit Frauen sich sicherer im Internet fühlen können und sich nach Harassment, beziehungsweise sich präventiv vor Belästigung und Gewalt schützen können, haben mehrere Frauen zusammen einen Leitfaden für Frauen entwickelt.
Der umfassende Internet-Sicherheitsleitfaden für Frauen

Hier werden mehrere Soziale Netzwerke aufgeführt und welche Möglichkeiten, um sich zu schützen, man hat. Es werden diverse Verfahren der Diffamierung erklärt, wie man mit Trollen umgeht, mit Fake-Profilen, mit Belästigung durch XING, eine Plattform, auf der es eigentlich nur um die Arbeit gehen sollte.

Mit seinen rund dreißig Seiten und elftausend Wörtern ist der Beitrag sehr umfangreich, aber trotzdem stark. Wer bereits schlechte Erfahrungen gemacht hat oder genug davon gehört hat und deswegen gar nicht erst solche Erfahrungen machen möchte, ist hier gut beraten, sich das durchzulesen.

Doch der Leitfaden hat auch eine Schwäche. Und die gesteht er sich selbst auch zu: „Wichtig für uns ist, dass einige Ratschläge hier zur Anonymität raten. Dann ist das Risiko geringer, ein Opfer zu werden. Das geht zwar gegen die Idee zur Selbstdarstellung, aber wir sind auch der Meinung, dass jede Frau für sich selbst entscheiden können soll.“

Ich würde hier noch etwas weiter gehen: tatsächlich ist es der überwiegende Teil der gegebenen Ratschläge, die Anonymität vorschlagen. Auch geht es nicht ausschließlich gegen die Selbstdarstellung, es geht auch um die Repräsentation von Frauen im Internet. Die Repräsentation einer Gruppe, die, wenn sie sich zurückziehen würde, auch ihre Stimme im Internet und auf sozialen Netzwerken verlieren würden. Hier beißt sich der Hund selbst in den Schwanz: fehlt die Repräsentation von Frauen im Internet, weil sie sich von Männern einschüchtern lässt, die sich an einem öffentlich, für jeden zugänglichen Ort, hört die Unterdrückung und Diskriminierung nicht auf. Im Gegenteil: Das Ziel wurde erreicht und Frauen wurden mundtot gemacht.

Was nun?

Zunächst muss jeder seine Ressourcen kennen. Nicht jeder kann und will – und das ist auch richtig so, denn niemand sollte das aushalten müssen oder sich gar dazu zwingen – sich Belästigung und Gewalt (-androhungen) im Internet aussetzen. Jeder davon hat sein Recht, sich zurückzuziehen, auch in eine Anonymität.
Doch wer gegen Hass und Belästigung im Netz gegen Frauen etwas tun möchte, muss meistens anders vorgehen. Und das ist meistens, in dem man nicht in erster Linie sich schützt, sondern andere unterstützt und schützt. Damit das Internet für jede Frau zu einem sicheren Ort wird.

Eigenen, bisher gelebten Feminismus hinterfragen
Wen unterstütze ich? Wem folge ich (auf Sozialen Netzwerken)? Wessen Meinung vertrete ich in der Öffentlichkeit also, wenn ich einen Retweet tätige und wessen Meinung verbreite ich damit mehr als zuvor?
Das ist eine Frage, die man ständig für sich reflektieren sollte. Frauen sind häufiger vom Hass im Netz betroffen, aber man kann und muss diese Frage vertiefen – welche Frauen sind mehr betroffen als andere?
Diejenigen, die weitere Diskriminierung erfahren: Transfrauen, (B)WoCs, Frauen mit Beschränkungen. Mehr denn je ist es wichtig, Repräsentation dieser Frauen zu schaffen und sie zu unterstützen und deren Kritik mehr Raum zu geben, wo diese ohnehin oft unterdrückt wird.
(Damit meine ich nicht, dass ihr nicht auch weiße, cis, hetero Frauen unterstützen sollt.) Wir brauchen diverse Frauen im Netz, die von mehreren Diskriminierungen betroffen sind, und bereit sind, darüber zu sprechen und dagegen vorzugehen – trotz des der Beleidigungen, des Hasses und der Gewalt im Netz.

Zusammenhalt
Wie oft ich bereits gelesen habe, dass Frauen andere Frauen shamen, weil sie irgendein ein Thema angestoßen haben und dabei zum Opfer von Bashing und Hasstiraden werden, ist erschreckend und nicht mehr an einer Hand abzuzählen. Das muss aufhören, denn Frauen haben im Netz ein Ziel: sie wollen ihrer Stimme Ausdruck verleihen und Frauen müssen selbst über das Patriarchat und dessen Auswirkungen nicht nur im Netz, als auch im Alltag, in der Berufswelt, in Beziehungen und allen anderen Bereichen sprechen.

Anti-Troll-Verhalten
Ihr bekommt mit, dass jemand anderes gerade beleidigt oder bedroht wird?
Misch dich ein. Lass die Frau mit dem Troll nicht allein aka „Es wird schon jemand anderes etwas tun“. Allein zu wissen, dass man nicht allein ist, wenn man in einem beleidigenden Gespräch mit einem old white man ist, ist als Betroffene gut zu wissen.
Es sind bereits mehrere Personen in das Gespräch involviert und helfen der angegriffenen Frau? Du traust dich nicht, dich einzumischen?
Auch als außenstehende Person ist es möglich, ohne etwas zu sagen, etwas zu tun. Indem man beispielsweise den Troll meldet und ihn blockiert. Durch diverse Apps (die auch im Leitfaden weiter oben genannt werden) kann dadurch ausgelöst werden, dass deine Follower diesen Nutzer, falls sie diese Funktion zum Selbstschutz aktiviert haben, ihn automatisch auch blockieren und ihnen somit dieser Troll gar nicht erst über den Weg läuft. Gerade weil Trolle häufig Trigger auslösen, die für den Betroffenen enorm auf die Psyche schlagen können.
In jedem Fall gilt: melden, melden, melden. Blockieren, blockieren, blockieren. Eventuell eine Blockierungsempfehlung aussprechen (teilen).

Themen ansprechen
Unterstützt Frauen. Unterstützt Bücher, Filme, Kunst von Frauen, Errungenschaften von Wissenschaften von Frauen, klärt allgemeiner über Errungenschaften von Frauen auf. Macht das Netz weiblicher.

Was hat denn sowas mit Sicherheit im Netz zu tun?
Mehr Repräsentation von Frauen im Internet zu schaffen, heißt auch, ihre Sicherheit zu verbessern. Wer sich zeigt und wer zeigt, was er kann und nicht zurücksteckt, wird gesehen. Und wird anders wahrgenommen. Plus, in einer großen, sich gegenseitig unterstützenden Gruppe zu agieren, macht es für einen Mann schwieriger, eine Frau einzuschüchtern; denn hinter dieser stehen weitere Frauen. Und für die Zukunft – die leider, so wie es aussieht, noch in sehr weiter Ferne steht – kann das einen enormen Teil zur Sicherheit von Frauen im Netz beitragen.

Ganz zum Schluss muss ich noch obligatorische Folge-Empfehlungen aussprechen. Diese beziehen sich auf Twitter, da das in meinem Fall das Soziale Netzwerk ist, auf dem ich am meisten unterwegs bin (und auf dem ich weiß, dass Bashing und Bedrohungen häufig stattfinden). Alle Links führen zum jeweiligen Twitter-Profil.

Felicia Ewert, Marie Presecan, Elif, Sara Hassan, Susanne Kasper, Sibel Schick, Dr. Mahret Ifeoma Kupka, Ash Kay.

Zum Schluss nochmal: jeder muss mit seinen eigenen Ressourcen arbeiten. Wer Angst hat, kann und sollte sich in Anonymität zurückziehen. Wer seine Stimme zeigen und geben möchte, sollte das auch tun – und kann, auch wenn es schwerfällt, die Sicherheit einer anderen Frau unterstützen, indem er etwas für die Situation tut. Ob einmischen oder melden und blockieren – alles zeigt seine Wirkung. Das muss jeder für sich entscheiden. Aber wichtig und indiskutabel ist es, dass man etwas tut und sich mit der Situation, wie sie bisher ist, zufriedengibt.

Was schlagt ihr als weitere Tipps vor, sich und andere zu schützen? Oder das Internet zu einem sicheren Ort für Frauen zu machen?

Ali


[1] Auch Männer können im Internet belästigt werden, ohne Frage. Doch häufiger sind es Frauen, die davon betroffen sind.

2 Comments Sicherheit von Frauen im Internet

  1. Anna

    Hey,

    ein sehr cooler Artikel! Danke, dass du dich damit beschäftigt hast. Ich mag auch die Punkte, für die du dich entschieden hast, und ihre Ordnung.
    (Die Formulierung „Frauen*“ wird allerdings von vielen Menschen, die keine cis Frauen sind, kritisiert – es geht ja eher um von Misogynie Betroffene [vielleicht wäre das ein möglicher Ersatz, zumal die Sterne ohnehin ab der Mitte des Artikels fehlen])

    Viele Grüße
    Anna

    1. skepsiswerke

      Hi Anna,
      Danke für deinen Kommentar! Eigentlich sollte das Sternchen nur wie eine Fußnote funktionieren und sollte Transfrauen nicht negativ kennzeichnen. Aber ich werde einfach eine normale Fußnote einsetzen, dann kann es nicht zu Missverständnissen kommen.

      Hab Dank für den Hinweis und liebe Grüße zurück,
      Alisha

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