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Laura / Schreiben

Sensitivity Reading

Letzte Woche zur Leipziger Buchmesse hatte ich das Glück, einen Vortrag über „Sensitivity Reading“ halten und damit andere zu diesem Thema informieren zu dürfen. Sensitivity Reading selbst wird noch nicht regelmäßig umgesetzt (obwohl es nötig wurde), aber doch nimmt der Buchmarkt es derzeit als etwas wahr, das nicht mehr einfach beiseitegeschoben werden kann, von Verlags- als auch von Autor*innenseite aus.

Doch was ist Sensitivity Reading? Wofür brauchen wir es, was nützt, wer leidet, wer gewinnt, wenn es (nicht) genutzt wird?

Was ist Sensitivity Reading?

Sensitivity Reading ist ähnlich wie beim Lektorat. Während für Autor*innen vollkommen logisch ist, dass ihre Texte auf Logikfehler, Stilblüten und schlichtweg Fehler durchgeschaut werden, wird sich bei Sensitivity Reading oftmals noch gesträubt. Dabei ist dieses genauso essentiell für einen Text wie ein Lektorat: Hier werden statt der oben genannten Probleme Mikroaggressionen, internalisierten Ismen und weiteres von Sensitivity Reader angesprochen, bearbeitet oder entfernt, je nachdem wie die Zusammenarbeit stattfindet.

Dabei ist es ebenso möglich, dass Texte nicht erst nach ihrer Fertigstellung gegengelesen werden, sondern bereits bei der Stofffindung mit Sensitivity Readern darüber gesprochen wird, wie sinnvoll es ist, diesen Text zu schreiben. Denn: Bin ich als weiße, privilegierte, cis-Person der richtige Mensch dafür, einen Text über Rassismus zu schreiben?

Wer sind die Sensitivity Reader?

Betroffene. Menschen, die Teil von Communitys sind, über die ich schreiben möchte, denen ich aber nicht angehöre. Menschen, die sich in dem Diskurs auskennen, in dem ich schreibe, über den ich schreibe.Letztendlich wäre hier aber dazu zu sagen, dass ein*e Sensitivity Reader zwar einen Text gegenlesen, den Diskurs beachten, aber trotzdem nicht für alle Menschen in seiner*ihrer Community sprechen kann. Was für einige kein Ismus ist, kann für jemand anderen doch einer sein. Deswegen empfiehlt es sich bei Texten mehr als nur einen Sensitivity Reader zu haben, um verschiedene Sichtweisen auf den Text zu bringen und so viele Ismen und Mikroaggressionen aus dem Text zu entfernen wie es nur möglich ist.

Auch wenn Autor*innen mit Sensitivity Readern zusammenarbeiten, liegt die Verantwortung bei ihnen selbst: Betreffende Gegenleser*innen helfen, sind aber Schutz vor Gegenmeinungen oder Kritik und auch nicht als diese gedacht.

Ist das nicht Zensur? Muss ich mich nicht selbst zensieren?

Ist Rücksicht Zensur? Ist die Erkenntnis, dass ich Privilegien habe, die andere nicht haben, Selbstzensur? In dem Augenblick, in dem ich darauf poche, dass ich als straight Person über ein Coming-out schreiben muss, über Homofeindlichkeit schreiben muss, obwohl ich diese nie erleben werde – in dem Moment nehmen ich den Betroffenen/Menschen aus betreffenden Communitys ihre Stimme. Weiße Menschen sollten nicht über Rassismus schreiben, straight Menschen sollten nicht über Homofeindlichkeit schreiben, cis Menschen sollten nicht über Transition schreiben, die Liste ist endlos lang. Menschen, die das erleben, brauchen eine Stimme auf dem Buchmarkt und in dem wir diese Themen schreiben, nehmen wir ihnen diese.

Solche von uns, die nicht Teil der betreffenden Communitys sind, haben eine Perspektive darauf – die von draußen. Eine Vorstellung, wie das sein könnte, wie sich das anfühlen könnte, was man tun könnte. De facto ist das nicht die Perspektive, die der Buchmarkt braucht. De facto werden so sehr viele Bücher geschrieben und dadurch – durch Unwissenheit, zu wenig Recherche, weil nicht mit Personen gesprochen sind, die tatsächlich von derartigen Ismen betroffen sind – werden falsche Informationen, Vorstellungen, Mikroaggressionen und Stereotypen reproduziert. Und wenn alles daran verletzend, unwahr oder einfach verzerrt durch die weiße, cis, straight, abled-bodied (die Liste ist lang) Sicht ist, führt das zu falscher Repräsentation, die sich immer weiter durchsetzt.

Die Folge: Die Menschen, denen einige mit ihren Texten vielleicht sogar helfen wollten, werden falsch dargestellt, falsch angenommen, beleidigt und verletzt. Sie werden falsch repräsentiert und falsche Repräsentation ist einfach keine Repräsentation. Der Buchmarkt braucht nicht nicht x-Perspektiven von Außenstehenden, die sich ein Problem vorstellen. Wir brauchen endlich Stimmen von betroffenen Menschen.

Ein Beispiel zum Verständnis

Die Diskussion um die Buchaktion zu dem Buch „Der Insasse“ von Sebastian Fitzek war groß im letzten Jahr. Hier hatten Leute die Möglichkeit in einer Psychiatrie zu übernachten und sich zu gruseln. Tatsächlich ist die Psychiatrie nämlich kein Ort, um sich zu gruseln. Hier werden psychisch kranke Menschen behandelt, es wird ihnen geholfen, sie erfahren eine Therapie, Hilfe. Im Prinzip ist eine Psychiatrie ein Krankenhaus für psychische Krankheiten oder zumindest so ähnlich. Gibt es Thriller, die Krankenhäuser gruselig darstellen, mit Menschen, die ihr gebrochenes Bein herumschwingen?

Dennoch gibt es etliche Thriller, in denen Täter psychisch krank sind und das der Grund und die Entschuldigung für ihre Taten sind. So wird die Mordlust, Gewalt oder Unkontrolliertheit auf die psychische Krankheit geschoben, die all das „ausgelöst“ hat. Es wird unterstellt, dass Menschen psychisch krank sein müssen, um zu Tätern zu werden und dass psychisch Kranke wohl potenziell häufig zu Tätern werden, gefährlich und unkontrolliert sind. Und das ist ein Bild, eine Stigmatisierung, die nicht zutrifft und gefährlich für Menschen in unserer Gesellschaft ist, die unter verschiedenen Krankheitsbildern leiden. So werden bis heute schizophrene Menschen als gruselig bezeichnet, Leute fürchten sich, wenn über eine psychische Krankheit gesprochen wird, man solle vorsichtig sein. Bücher, die das reproduzieren, sind eine falsche Repräsentation von Betroffenen, sie verzerren das Bild. Und es schmerzt. Und es schmerzt.

Eine Psychiatrie ist ein Krankenhaus für psychische Krankheiten oder zumindest so ähnlich. Stell dir vor, es gäbe Thriller, in denen Menschen die ihr gebrochenes Bein um die Ohren schlagen und die Leute glauben würden, es wäre Normalzustand. Jeder hätte plötzlich Angst ins Krankenhaus zu gehen.

Während diese Vorstellung regelrecht absurd wirkt, wird das stereotypische, falsche Bild von Psychiatrien immer noch für Thriller genutzt,

Mikroaggressionen

Das obere Beispiel ist ein sehr deutliches. Doch – und dafür sind Sensitivity Reader auch da – nicht alle Ismen sind so deutlich und nicht alle Stereotype so leicht erkennbar. „Mikroaggressionen“ haben viele von uns internalisiert und sie fangen bei den kleinsten Dingen an. Mikroaggressionen fangen in dem Moment an, indem wir straight-guessing vornehmen. Es geht weiter, indem wir Menschen, die nicht weiß sind, unterstellen, dass sie nicht aus Deutschland sein können, indem wir ihrem Aussehen nach Pronomen zuordnen oder nicht auf die Idee kommen, dass es mehr Geschlechter als „er“ und „sie“ gibt. De facto entstehen Mikroaggressionen, weil die Gesellschaft uns Normen vorgibt und ein jeder von uns alles mit der Norm vergleicht.

Viele Menschen nehmen an, dass Deutsche immer noch weiß sein müssten – nicht nur eine rassistische Annahme, sondern obendrein eine falsche. Damit einher geht die Frage nach der Herkunft: „Woher kommst du?“ Und auch, wenn die Frage vielleicht nett gemeint ist, man interessiert daran ist – sie ist verletzend, weil sie impliziert, dass der*die Gefragte nicht so aussieht, wie man es von einer*m „richtigen“ Deutschen voraussetzt.

Unsere Texte sind schnell gespickt mit Mikroaggressionen, sobald wir über marginalisierte Menschen schreiben. Das passiert, weil wir jahrhundertelang Normen aufsaugen, annehmen, weitertragen, allen Menschen um uns herum beibringen. Das reicht von „Obwohl Person X Krankheit XY hat, kann sie dieses und jenes tun“, „obwohl sie diese und jene Figur hat, tut sie dieses und jenes“. Die Sätze machen es deutlich, denn sie beginnen mit „obwohl“. Obwohl jemand von der Norm abweicht … – Moment, was soll das eigentlich mit der Norm?

Dafür brauchen wir Sensitivity Reader. Menschen, die nicht Teil bestimmter Communitys sind, nicht betroffen von bestimmten Ismen sind, nicht jeden Tag damit konfrontiert werden, dass sie nicht der weißen, hetero und cis Norm entsprechen (oder besser: der, die wir uns jeden Tag zurechtschustern), erkennen diese Ismen, weil sie ihnen bekannt sind.

Was können wir tun?

Wir brauchen Sensitivity Reader für den Buchmarkt! Wenn wir diverser schreiben wollen und etwas tun wollen, ohne zu verletzen, marginalisierte Menschen darstellen wollen, ohne Stereotype zu reproduzieren, brauchen wir sie. Und wir müssen endlich anfangen, marginalisierte Menschen wie Menschen zu behandeln, nicht wie Menschen, die jeden Tag nur mit ihren Problemen zu kämpfen haben

Wie oben angesprochen: Außenstehende sind wahrscheinlich nicht geeignet, Texte über Probleme von den entsprechenden Communitys zu schreiben. Aber das heißt nicht im gleichen Atemzug, dass keine BIPoC im Roman vorkommen dürfen. Das heißt nur, dass ich nicht ihr Rassismusproblem zu meinem Thema machen sollte. In Zusammenarbeit mit Sensitivity Readern und Lektor*innen zieht man den Text glatt, befreit diesen von Mikroaggressionen und hat einen diversen Charakter, noch besser, diversen Cast und tut etwas für die Repräsentation der Communitys, ohne ihnen die Stimme zu ihren Problemen zu nehmen.

Engagiert mehrere Sensitivity Reader. Unterstützt diese. Dabei gibt es verschiedene Möglichkeiten. Finanziell ist eine. Die andere ist, dabei zuunterstützen ,dasssie gehört werden. Unterstützt, dass Menschen marginalisierter Gruppen mehr Plätze auf dem Buchmarkt bekommen, damit Sensitivity Reading Teil der Veröffentlichung eines Buches wird und damit selbstverständlich. Nicht nur würde das den Buchmarkt besser, diverser machen, hätten wir mehr Autor*innen, Verleger*innen marginalisierter Gruppen, er wäre repräsentativer und echter als derzeitig.

Reflektiert. Keiner von uns ist perfekt. Wir machen Fehler, jede*r von uns. Der Punkt, an dem man erkennt, dass man Fehler macht, ist der Moment, in dem man anfängt, besser zu werden.

An dieser Stelle möchte ich auch nochmal auf die von Elif und Victoria erstellte Liste von Sensitivity Readern aufmerksam machen. Hier könnt ihr in verschiedenen Unterkategorien Menschen finden, die euren Text auf bestimmte Inhalte bezahlt gegenlesen.

• Laura

*Hier auch nochmal ein massives Danke an Victoria und Alisha, deren Notizen und Inhalte ich für diesen Blogbeitrag nutzen durfte und die intensiven, hilfreichen Gespräche zum Thema. Danke an Victoria, dass du nochmal drüber geschaut hast.

1 Comment Sensitivity Reading

  1. Aurora

    Hallo,
    Von Sensitivity-Reading habe ich zuvor noch nie etwas gehört. Danke für euren Artikel, ich fand ihn sehr informativ. 🙂 Ist eigentlich sehr logisch, dass man sein Buch von einem Betroffenen betalesen lassen sollte, wenn man über prekäre Themen schreibt. Ich hoffe diese Bewegung wird noch bekannter!
    LG, Aurora

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