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Laura / Schreiben

[SCHREIBEN] Gay-Romance Romane: Und wieso es hier grundsätzlich ein Problem gibt

Was ist Gay-Romance?

Für alle, die es nicht wissen, habe ich es nochmal nach gegoogled. Was ist Gay-Romance eigentlich? Da gibt es unterschiedliche Beschreibungen. Viele sind sich einig in einem: Es ist ein (Sub)Genre des Liebesromans. Übersetzen könnte man es mit „homosexuell“, aber – so habe ich erfahren, nachdem ich seit der vierten Klasse englisch belege – wohl auch viel mit „schwul“.
Ich hab noch ein bisschen weiter nachgeforscht. Wikipedia hat mir da auch nichts Neues gesagt. Dafür bin ich bei einem Verlag auf folgende Beschreibung des Genres im Bezug auf ihre eigenen Veröffentlichungen gestoßen:

„Egal ob Bad Boy, Biker oder liebenswerter Lebemann – unsere männlichen Helden heizen einander ganz schön ein. Mit dem richtigen Mann an der Seite lässt sich die schwerste Krise überstehen. Und meistens ist er auch den Ärger wert, der manchmal mit der Liebe einhergeht – und dann wieder ganz schnell vergessen ist.

Liebesbeziehungen zwischen Männern bringen neben den herkömmlichen Problemen in der Liebe auch ganz eigene Komplikationen mit sich. Bei […] müssen die Helden ihre Homosexualität erst entdecken – und akzeptieren. Und dann stehen sie vor der Entscheidung ihres Lebens – dem Outing und dessen Folgen. Da sind Turbulenzen sicher! Und natürlich ist auch bei der Liebe zwischen zwei Männern nicht sicher, dass alles rund läuft, sobald man sich gefunden hat. Es warten Eifersucht, Intrigen und Zweifel. Wie im echten Leben haben auch unsere Helden mit der Liebe ganz schön zu kämpfen. […]“1

Ich glaube, jetzt habe alle verstanden, was Gay Romance ist. Oder, was sie – denken wir einfach mal ein bisschen – nicht sein sollte. Ich könnte ganz von vorn beginnen, mit der Betitlung „Gay-Romance“. Wenn man es als Subgenre betrachtet, finde ich es durchaus berechtigt, allerdings hatte ich zuletzt immer öfter den Eindruck, es würde ein eigenes Genre darstellen, was ich SO problematisch finde, dass es kaum Worte dafür gibt. Wir leben in einer aufgeklärten Welt, viele Länder dieser Welt haben bereits in die Schädel vieler Leute (leider nicht aller) gekriegt, dass Homosexualität genau so eine Sexualität ist wie Heterosexualität (o.A., ich beschränke mich in diesem Blogpost darauf, ohne andere ausschließen zu wollen.). Sie existiert. Sie ist stinknormal. Sie ist nicht mal anders, nicht schwierig, problematisch, anfechtbar, zu hinterfragen, zu problematisieren oder Ähnliches. Menschen, egal welcher Sexualität, nehmen Jobs an. Heiraten (inzwischen auch in Deutschland), adoptieren Kinder, gehen mit dem Hund Gassi.

Eine Liebesgeschichte gleichgeschlechtlicher Partner

In einem „Gay-Romance“-Roman geht es also um eine Liebesgeschichte gleichgeschlechtlicher Partner, was – da könnt ihr mir ja zustimmen – ja genau das Gleiche ist wie eine Liebesgeschichte zwischen Partnern unterschiedlichen Geschlechts.
Trotzdem, TROTZDEM habe ich in meiner ansässigen Buchhandlung nicht die Chance, so ein Buch aus dem Regal zu nehmen und zu kaufen. Warum?
Weil durch die Kategorisierung von „Gay-Romance“ eine Trennung stattfindet. Gay Romance Romane und Romane zwischen heterosexuellen Paaren erhalten keine Gleichberechtigung auf dem Buchmarkt. Wenn ich zu Amazon zu „Liebesroman“ gehe, finde ich nur Romane zwischen heterosexuellen Paaren, dabei ist Gay-Romance genau das Gleiche. EIN. LIEBESROMAN.
Will mir jemand eine Erklärung dafür geben?
Es ist okay, wenn Leute vielleicht lieber Paare unterschiedlichen Geschlechts lesen. Es ist okay, wenn Leute vielleicht lieber Paare gleichen Geschlechts lesen. Genauso in Ordnung ist es, wenn ich nur Liebesromane lese, die aus der Perspektive des allwissenden Erzählers geschrieben sind. Genauso einverstanden bin ich damit, dass manche gern Liebesromane zwischen Rockstar und Fan lesen.
Jeder geht in einen Buchladen und guckt sich Bücher an, hat Kriterien, nach denen er entscheidet, ob er das Buch gern kaufen möchte oder nicht. Wenn ich jetzt also in meinen ansässigen Buchladen gehe und zwei Liebesromane in der Hand halte – Einen Roman mit einem gleichgeschlechtlichen Paar und einem mit unterschiedlichem Geschlecht – dann kann ich aussuchen, welchen ich gern nehmen möchte. Wie ich es bei allen anderen Büchern mache. Ich hab die Wahl, ob ich es kaufe. Niemand zwingt mich, es zu kaufen. Aber vielleicht möchte ich. Vielleicht find ich das spannend. Vielleicht werden meine Kinder eines Tages in einen Buchladen gehen und sich fragen, warum alle Liebesromane eigentlich nur zwischen Männlein und Weiblein zu finden sind – Und ich werd meinem Kind dann erklären, dass der Buchmarkt es nicht auf die Reihe kriegt, Gleichberechtigung hinzukriegen. Weil es nur um Geld geht. Weil manche „schwul“/ „homosexuell“ sein, verpönen. Weil der Buchmarkt sich nicht öffnen kann und Menschen aus einer Liebesgeschichte in eine Extrakategorie stellen, in die sie nicht gehören, obwohl Liebe Liebe ist, egal zwischen welchem Geschlecht. Und ein paar Leute werden das ihren Kindern nicht erklären und ihre Kinder finden dann alles andere als Männlein und Weiblein unnormal, weil ihnen sowas nicht begegnet, weil es nicht dargestellt wird, und finden schon, dass Liebe zwischen Männlein und Weiblein was anderes ist als zwischen Frau und Frau/ Mann und Mann. Und manche von ihnen finden dann süß, wenn zwei Männer sich lieben und schreiben einen Roman, in dem sie sich richtig hart rannehmen, weil sie’s selber geil finden und klatschen das dann in die Gay-Romance, weswegen ein nächster wieder nicht kapiert, dass Liebe Liebe ist und wir alle gleich sind und dass manche nicht anders können, als ihren Fetisch in einem Genre auszuleben, in dem es einfach nur um Liebe gehen soll. Und der Buchmarkt gibt dem Genre keine Chance mehr, weil Leute sexualisierte, fetischisierte Geschichten schreiben, die nicht mal vorzeigbar sind, was zur Konsequenz hat, dass auch alle wirklich guten Gay-Romance Romane untergehen und keine Beachtung mehr finden, womit auch jede, vernünftige Repräsentation flöten geht. – So findet dann halt gar keine statt.
(Kam da gerade mein Bitterkeit raus? Tut mir Leid.)

Das „Gay“-Genre ist einziger Raum für grundsätzliche Repräsentation (die zum Teil sogar falsch stattfindet.)

Natürlich will ich der Community nicht absprechen, sich herauszuheben. Wir leben in einer Welt, in der es eine vorherrschende Heteronormativität gibt, das ist kein Geheimnis. Damit überhaupt Raum zur Repräsentation ist, ist Gay Romance (oder auch Gay-Sci-Fi o.Ä.) eine Möglichkeit. Aber wie falsch ist es, dass eine Community einen extra Raum braucht, nur um überhaupt dargestellt zu werden? Und wie falsch werden sie in diesem Raum zum Teil dargestellt?
Ebenso ist es kein Geheimnis, dass das Genre „Gay-Romance“ voller Geschichten ist, in denen Frauen ihren Fetisch von zwei Männern, die sich lieben ausleben. Nicht selten – oder eher sehr oft, traurigerweise – finden wir vorherrschende Worte wie LEIDENSCHAFT, WILD, einer ist der ganz Harte, der erst jetzt merkt, dass er sich vielleicht auch für das gleiche Geschlecht interessiert, der andere ist der Softe, der schon immer mit sich selbst im Klaren war und vollkommen im Reinen mit seiner Sexualität. Es geht – Wie oben zum Beispiel zu sehen, immer um Outing, sich „einheizen“, seine Sexualität zu akzeptieren. Was natürlich Teil von Geschichten sein soll: Was jedoch ein falsches Bild der Community gibt. In vielen Geschichten ist die Sexualität nicht mal NORMAL, sie wird nicht als normal/unproblematisch tituliert, sie wird immer problematisiert, ist immer ein riesiges Drama, nicht akzeptierbar, eine komplizierte Angelegenheit.

Und zwischen all diesen bescheuerten, sexualisierten und fetischisierten Geschichten findet man dann Herzensbücher von Adam Silvera wie „History Is All You Left me“ oder von Madeline Miller „The Song of Achilles“, in dem es tatsächlich um eine gleichgeschlechtliche Beziehung geht: Aber wo die Figuren einfach noch haufenweise andere Probleme haben, wie das halt in Liebesromanen und im wahren Leben so ist. Denken die Leute echt, schwule Männer hätten nicht auch andere Probleme als ihre Sexualität?
Genau das wirft Gay Romance auf. Und es ist falsch. Es ist ein Teil der Wahrheit, aber keine grundsätzliche Sache, die durch die Unterkategorisierung so dargestellt wird (und durch viele Autoren und Verlage, die die große Fetisch-Scheiße unterstützen.). Dabei gibt es auch Bücher wie die von Adam Silvera, die sagen: Man, die haben eine Liebesgeschichte, die dir das Herz brechen wird. Eine richtige Liebesgeschichte, wo das Outing mal ein Thema ist – Aber nicht DAS Thema. Und solche Bücher finden dann auch nicht ihren Weg in Buchläden.

Weil es diese Kategorisierung gibt. Weil haufenweise Leute im Gay-Romance Genre nur Scheiße verzapfen und das auch noch in Ordnung finden. Weil unfassbar gute Bücher, wie das von Adam Silvera beispielsweise, unter einem Haufen Mist landen. Gäbe es hier nicht die Möglichkeit, etwas dagegen zu tun? – Die guten Bücher zu suchen und einer kompletten Kategorisierung so entgegen zu wirken? Wie super wäre das, wenn die Leute die Wahl bekommen würden? Sonst werden sie nie in ihrer Buchhandlung merken, dass Liebe Liebe ist und nie History Is All You Left Me neben The Fault In Our Stars finden, dabei können beide qualitativ – in ihrer Liebesgeschichte und ihrem Inhalt – miteinander mithalten. Vielleicht hätte ja einer History Is All You Left Me mitgenommen.

Wär ja gut gewesen. Ich glaub, John Green kann das gut verkraften.
Damit verbleib ich vorerst – denn dazu wird bestimmt noch was kommen.

Alles aus Liebe, ihr Menschen.
Laura
*Ich beziehe mich in diesem Beitrag auf den deutschen Buchmarkt, der US-amerikanische/etc ist hier nicht inbegriffen
Viele Gay-Romance Romane kriegen (wie beispielweise Adam Silveras History Is All You Left Me) nicht mal eine Übersetzung und damit reale Chance

6 Comments [SCHREIBEN] Gay-Romance Romane: Und wieso es hier grundsätzlich ein Problem gibt

  1. Jacquy

    Super Beitrag, ich bin ganz deiner Meinung!
    Gay-Romance als Subgenre finde ich völlig okay, aber dass es von Liebesromanen im allgemeinen abgegrenzt wird, finde ich auch super problematisch. Genauso wie die Fetischisierung, die die Kerle in den Romanen nur als "sexy" oder "süß" darstellt.

  2. skepsiswerke

    Stimme ich absolut zu! Dass Gay Romance "außen vor" bleibt, macht das Liebesroman-Genre super einseitig. Vom Inhalt des Genres ganz zu schweigen (wobei ja überall Ausnahmen die Regel bestätigen). Ich würde mir sehr viel mehr Offenheit für den Buchmarkt wünschen!

  3. Elena

    Ich finde es insbesondere oftmals sehr schwierig, dass Hetero-Autorinnen „Gay-Romance“ schreiben, um dort einen Fetisch auszuleben. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Hetero-Autoren, die „Lesbian-Romance“ schrieben, genauso akzeptiert würden.

    Damit will ich Hetero-Frauen nicht absprechen, dass sie Liebesgeschichten mit homosexuellen Männern schreiben können. Aber es bekommt eben einen sehr merkwürdigen Beigeschmack, wenn dass der Fokus ihres kreativen Schaffens ist.

    Denn eigentlich arbeiten wir doch daran, den Sexismus etc. zu beseitigen …

    1. skepsiswerke

      Als Fetisch ist es sowieso indiskutabel, da bin ich ganz bei dir. Momentan beobachte ich das recht regelmäßig, also, dass f/f Romance geschrieben wird, auch von hetero Autor_innen. Aber es ist längst nicht auf demselben Level wie Gay Romance.

      Ich denke auch, wir brauchen mehr gleichgeschlechtliche Beziehungen in der Literatur, genauso wie wir mehr polyamoröse Beziehungen bräuchten, aber Absicht & Umsetzung sind dabei absolut entscheidend und gar nicht mal so einfach auszuloten.

      Danke für deinen Kommentar!
      Alles Liebe,
      Kira

  4. Gabi

    Ein toller Beitrag!
    Ich mag es sehr, wenn neben der Gay Romance Liebesgeschichte noch ein zweiter Handlungsstrang existiert, z. B. ein Science-Fiction Abenteuer oder eine Kriminalgeschichte. Das macht die Lovestory nicht unwichtig, aber es gibt ihr etwas Beiläufiges, Selbstverständliches.
    Leider findet man solche Bücher (wenn überhaupt auf Deutsch, auf Englisch ist die Auswahl da viel größer) unter der Rubrik „Gay“ bzw. „schwul/lesbisch“ und jemand, der auf der Suche nach einer Liebesgeschichte ist, wird sie nicht finden, wenn man nicht ausdrücklich nach gleichgeschlechtlichen Liebesgeschichten sucht. Deshalb begrüße ich es, wenn der Schwerpunkt z. B. auf dem Krimi liegt und das Buch auch als Krimi verkauft wird, es aber eine schwule / lesbische Liebesgeschichte enthält.
    Elea Brandts Buch „Unter einem Banner“ findet man auch unter den Rubriken historische Fantasy und da gehört es auch hin, auch wenn die beiden Protagonisten sich ineinander verlieben. Ich hoffe, diese genreübergreifenden Bücher werden mehr und es wird selbstverständlich, in einem Reiseabenteuer oder einem Fantasyroman ein gleichgeschlechtliches Liebespaar zu finden.

    Übrigens bin ich jedes Mal mega genervt, dass bei Ama. die entsprechende Kategorie „Liebesromane für Lesben und Schwule“ heißt. Ich glaube, die kennen die Zielgruppe für diese Bücher nicht, denn ich bin fest überzeugt (zwinker) dass Lesben und Schwule auch gerne über heterosexuelle Liebespaare lesen und die überwiegende Anzahle der LeserInnen der Gay Romance selbst nicht gay ist.

    Liebe #Litnetzwerk-Grüße
    Gabi

    1. skepsiswerke

      Hallo Gabi,

      ja, ich verstehe absolut was du meinst. In reinen Liebesromanen wird leider oft ausgeblendet, dass Menschen auch andere Dinge in ihrem Leben zu tun haben, als sich zu verlieben, beziehungsweise wird Queerness hier einfach oft fetischisiert. Und in Eleas Buch werde ich auf jeden Fall mal reinschauen. Wollte ich eh schon länger mal machen.

      Liebe Grüße,
      Laura

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