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Ali / Schreiben

Schreiben als Therapie

„Schreiben hat mir durch eine schwere Zeit geholfen!“ Das ist ein Satz, den ich mit Sicherheit schon unzählige Male gelesen habe. Nicht unbedingt wörtlich, doch sinngemäß. Mit dem Fakt im Hinterkopf, den ich irgendwo mal gelesen habe, dass in den Texten, die wir schreiben, mit sehr großer Wahrscheinlichkeit ein Konflikt, der uns in unserem realen Leben belastet, in irgendeiner, vielleicht unbewusster und ungewollter Art und Weise, zu tragen gekommen ist, erscheint mir das auch nur wieder zu logisch.

Wie das Schreiben dabei vorkam? Unterschiedlich.

Schreiben als Realitätsflucht, das mit Sicherheit. Vielleicht lustige, vielleicht seichte Bücher, vielleicht einfach etwas, was vollkommen anders ist, als das, was wir im wirklichen Leben an Päckchen mit uns herumtragen. Nur weg daraus. Nach dem Ende einer Liebesbeziehung, in einer Form schrecklich, wie sich das keiner von uns erdenken möchte, kommt vielleicht ein Buch, wo es nicht mehr um romantische Liebe geht. Nicht darum. Vielleicht was Humoristisches. Vielleicht ein Krimi und viel Blut. Fantasy? Vielleicht. Vielleicht. Vielleicht.

Also: Schreiben als Verarbeitung.
Schreiben kann auch das Wiederaufleben des Konflikts sein. Schreiben als Veränderung, als Mikroveränderung in einem anderen Universum, an den Dingen, die man nicht ändern konnte. Oder als die nackte Wahrheit, nur einmal heruntergeschrieben, all das, was man sich nicht getraut hat zu denken, zu sagen, sich vorzustellen. Wenn wir gut sind, dann vielleicht als ein Versuch, alles nochmal von Neuem zu verstehen, diesmal besser. Wir können uns hier wieder auf die grauenvolle Liebesgeschichte beziehen, als einen möglichen Hintergrund. Man arbeitet es nochmal auf. Nochmal von ganz vorn. Man sieht seine eigenen Gründe, vielleicht versteht man sich besser und alles, was so unerklärlich erscheint oder der gefühlte Schmerz ist plötzlich auf einem Blatt Papier festgehalten, Schwarz auf Weiß. Greifbar. Nachzulesen. Es ist da. Es muss auch mal gesagt werden.

Darauf will ich mich diesmal beziehen. Schreiben als Verarbeitungsversuch, als ein Wiederaufleben von Konflikten.

Ist das nicht gut? Authentische Geschichten, wenn sie von denen kommen, die wissen, worüber sie reden. Die in die Tiefen ihrer Seelen hinabsteigen und dort mit den Dämonen sprechen, die sie nachts nicht schlafen lassen.

 

Mutig? Hell yeah. Therapeutisch wirksam? Mit Sicherheit. Fein, dann Schreiben als Therapie? Nein.

 

Das Schreiben wird mittlerweile in Therapien angewandt. Es soll dabei helfen, Gedanken und Gefühle zu ordnen, sie vielleicht einzusortieren, sie nochmal in real vor sich liegend in Worten betrachten zu können, vielleicht den Blickwinkel nochmal verändern zu können. Das kann helfen, Krisen zu bewältigen, ob es nun um Beziehungen, familiäre Probleme oder Depressionen oder was auch immer geht. Es ist eine Hilfe und mit Sicherheit für einige eine große. Aber nicht indem ich ein Buch schreibe und darüber ausschließlich spreche, kann ich heilen, was mich belastet, auch wenn ich vielleicht plötzlich einen Weg gefunden habe, es hinaus in die Welt zu blasen. Das Schreiben eines Buchs ersetzt nicht das Gespräch. Es ersetzt nicht die Reflektion.

Darüber hinaus habe ich schon angedeutet, dass die Reise in die eigene Unterwelt mitunter Teil dessen sein kann. Das sollten wir tun, wenn wir es wollen – was kann das tun, sich mit sich selbst in dieser Art und Weise auseinanderzusetzen, wie kann es helfen, zu begreifen und sich anhand des Verständnisses, für das Selbst, das man ist, weiterzuentwickeln.

Aber es ist auch eine Reise in die Unterwelt, wo die bösen Geister sind. Und die Frage danach, ob man es kann, nur weil es theoretisch möglich ist, sich dabei besser kennen zu lernen, ist nicht die gleiche Frage danach, ob man sich dabei etwas Gutes tut. Nicht weil man Angst davor haben muss, was in uns liegt, aber vielleicht immer noch Angst davor hat und noch immer nicht weiß, wie man das unförmige Ding in sich anpackt und es in die richtige Form bringt, ohne sich dabei immer und immer wieder zu verletzen. Verletzen steht hier nicht für das herkömmliche Verletzen eines Autors, der das mit sich immer tut, wenn er etwas Furchtbares schreiben muss, was in der Seele schmerzt. Sondern das Verletzen der eigenen Psyche dabei, etwas anzupacken und auszupacken und durchzukneten und aufzubereiten, dabei ist das noch nicht der Punkt, an dem es geht. Weil das Anfassen des Themas eigentlich noch Triggern bedeutet, das Freisetzen von Ängsten und daraus folgend schädlichen Coping Mechanisms.

Ja, wir sollten über unsere Konflikte sprechen, wenn wir es können und das ist die Betonung. Wir müssen nicht um der Authentizität willen unser Schreiben mehr lieben als uns selbst und über unsere Ängste stellen, nur um sie realer erscheinen zu lassen. Wir sollten auch nicht davon ausgehen, dass das Aushöhlen unseres Schmerzes, das dauerhafte Erneut-Durchleben, wenn es eigentlich noch unverarbeitet ist, uns helfen wird, es zu verarbeiten. Es kann, ja. Aber es muss nicht. Die Annahme, dass das Schreiben uns retten wird, weil es therapeutisch funktionieren kann, ist vielleicht zu einseitig betrachtet.

Schreiben ist immer noch eine Tätigkeit, die wir ausführen. Und Schreiben kann als künstlerische Tätigkeit, wenn wir sie als solche betrachten, in sich als Kunst scheitern, wenn es nicht mehr ausreicht. Es ist nichts, woran wir uns festhalten können. Denn beim Schreiben und Niederschreiben und dem Triggern des Selbst wird es mitunter sehr wahrscheinlich sehr windig in uns. Eine Basis, an der man sich halten kann, aber die man sich auch bauen und erlauben muss zu bauen, ist dabei nicht schlecht.

Schreiben und sprechen, immer wieder sprechen und dann etwas schreiben und dann wieder viel reden. Zur Reflektion. Sich selbst immer wieder fragen: geht es? Geht es mir gut? Kann ich das? Brauche ich eine Pause?

Immer und überall die vielleicht wichtigsten Fragen und sie verlangen eine gewisse Ehrlichkeit einem selbst gegenüber. Und das sollten wir versuchen; nicht zu vergessen, wie es uns geht. Denn wir sind ja hier und der Text ist der Text und zwischen diesen beiden Dingen liegt schlussendlich immer noch eine Distanz. Die nicht unwesentlich ist: Nicht mit dem Text zu verschmelzen, damit wir ehrlich bleiben können, denn auf Ehrlichkeit zielt das Konzept ab.

 

Schlussendlich ist es egal, ob wir schreiben, um aus der Realität zu flüchten oder um uns aufzuarbeiten: das wichtigste ist der Umgang damit. Ich kann alles tun, was ich will, bloß mich gefährden darf ich nicht und das um keinen Preis. Nicht weil ich glaube, jemandem meine Ehrlichkeit schuldig zu sein und die nur frisch gefühlt da ist oder weil ich glaube, dass es mich retten wird, darüber zu schreiben oder weil ich gedanklich vor mir weglaufen möchte, weil ich Angst habe, was passiert, wenn ich es an mich heran lasse. Das nicht.

Lasset schreiben, wer will und was er will, aber Kunst und Schreiben rettet uns nicht vor uns selbst, wirklich nicht. Redet darüber und passt auf euch auf. Sucht euch Hilfe, falls ihr sie braucht. Seid nicht leichtsinnig. Passt auf euch auf. Seid gut zu euch.

Viel Liebe

Ali

Bildquelle: Unsplash von Cater Yang.

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