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Repräsentation in der Literatur: Warum ist Repräsentation so wichtig?

Am Wochenende vom 16. und 17. Juni 2018 haben Kira, Laura und ich gemeinsam das LiteraturCamp Heidelberg besucht und dort einen Vortrag oder Session, wie man es ausdrücken möchte, zum Thema Repräsentation gegeben, den wir folgend in einer kleinen „Miniserie“ für euch zum Nachlesen präsentieren.

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Was ist Repräsentation?

Anfang Mai haben wir auf Twitter eine Umfrage zum Thema der LGBTQ+ Repräsentation auf dem Buchmarkt beziehungsweise in der Gay-Romance gemacht. Diese war vier Wochen online und es haben sich 54 Teilnehmer gefunden, von denen sogar 4/5 Teil der Community sind.

Aber bevor wir darauf eingehen, wollen wir zunächst und zuallererst die Frage zu stellen: Was ist Repräsentation eigentlich? Wir haben sicherlich alle eine Vorstellung, aber Repräsentation fühlt sich zuweilen an, als würde ich einem Blinden rot beschreiben wollen. Damit wir alle auf dem gleichen Stand sind, was Repräsentation ist, besonders in der Literatur und im Weltbild haben wir uns hierfür entschieden:

»Repräsentation ist eine realistische, detailgetreue Darstellung oder auch Abbildung der Realität oder auch der Weltgesellschaft.«

Und jetzt lasst uns mal über die Realität sprechen: In besagter Realität ist die Welt nicht weiß. Nein, sie ist nicht mal 100% heterosexuell, auch wenn Mainstream-Bücher und Hollywood das einen glauben lassen wollen. In Wirklichkeit leben wir in einer sehr vielfältigen, diversen Welt.

Stellen wir uns eine Personengruppe von 100 Menschen vor mit der realistischen, detailgetreusten Abbildung der Realität. Die ideale Repräsentation der Weltgesellschaft.

Vielleicht kennen einige von euch das Projekt „If the world were a village of 100 people“, das mir hier als Hilfe dient. Der Stand ist von 2006, etwas veraltet, aber es gibt bereits einen von 2016. Wir nehmen den von 2006, weil wir hier mehr Zahlen haben. (siehe weiter unten) (Projekt 2016)

In einer Personengruppe von 100 Menschen wären 70 PoCs (People of Colour). Und tatsächlich nur 30 weiß. Wenn man das runterrechnet auf einen Buchcast – nehmen wir an, der hätte 20 Leute, immerhin lieben wir Autoren Figuren einfach – wären 14 der Buchfiguren PoCs. Und tatsächlich nur sechs weiß. Wenn realistische, detailgetreue Darstellung, also korrekte und auf die Weltgesellschaft blickende Repräsentation stattfinden würde, wäre nicht mal die Hälfte der Figuren weiß.

Komisch, dass es so viele Bücher und Filme gibt, in denen alle weiß sind. Regelrecht absurd.

Ein weiteres Beispiel: In der Personengruppe von 100 Menschen wären 10 Queer. Auf einen Buchcast runtergerechnet wären das also mindestens 2 Menschen von 20.

Man könnte fast annehmen, aus diesen beiden Punkten, dass tatsächlich sogar PoCs queer sein könnten … Jetzt der Hammer: Da spricht man tatsächlich von Intersektionalität! Sowas gibt es auch in der Welt, denn nicht nur Weiße sind Queer und nicht alle PoCs heterosexuell!

Kommen wir zum dritten Punkt (unser Buchcast inzwischen doch ziemlich bunt geworden, oder?), dem letzten: In einer Personengruppe von 100 Menschen, dieser „Stadt“, sind 33 Christen, 24 Atheisten, 19 Muslime, 13 Hindus, 6 Buddhisten und 5 glauben an Geister oder andere sprituelle Wesen.

Rechnen wir das nochmal auf unseren weltgesellschaftlich realistischen Buchcast runter: In unserem Cast aus 20 Figuren sind 7 Christen, 5 Atheisten, 4 Muslime, 2 Hindus, 1 Buddhist und 1 Mensch, der an andere, spirituelle Geschöpfe glaubt.

Ich stelle vor: Der Buch-Cast der Zukunft!

Nein – Im Ernst. Fragen wir uns: Wann ist uns schon mal so ein Buch begegnet? Ist uns jemals so ein Buchcast begegnet?

Natürlich ist es das noch nicht.

Aber wenn wir betrachten, wie vielfältig unsere Welt ist, wie kann das möglich sein? Wieso fehlt an vielen Stellen dann immer noch Repräsentation? Und was macht das mit uns?

Bildquelle: Toby Ng. Einzelne Beschreibungen sind von uns editiert worden. (non-white =>; people of color; not heterosexual => queer)

Warum möchte man repräsentiert werden?

Nun kann man fragen, wieso sollten fiktive Medien die Realität abbilden? Ich mein, kennen wir doch alle. Die Welt ist scheiße und zuhause nehmen wir das Buch zur Hand oder schalten die Serie an, die uns einfach nur davon ablenken soll, wie scheiße sie ist. Escapism is real.

And it’s also a lie. Ali wird noch mehr dazu sagen, wie das, was wir wahrnehmen, unser Weltbild beeinflusst und wie wiederum unser Weltbild das beeinflusst, was wir wahrnehmen. Aber es beeinflusst vor allem auch unser Selbstbild.
Denn unser Selbstbild setzt sich aus den Dingen zusammen, die wir über uns für wahr halten. Und diese Dinge sind uns nicht von Geburt an per DNA vorbestimmt. Diese Dinge sammeln wir im Laufe unseres Lebens ein.

Zum Beispiel bin ich jemand, der Selbstwert über Leistung generiert. Wir lassen mal hingestellt, ob das gut oder schlecht ist. Aber es ist eine der Wahrheiten, die ich mir über mich erzähle. Sie speist sich aus meinen Erlebnissen in der Schule, in denen das Erreichen guter Noten eine Leistung war und mir dafür ein gutes Gefühl gegeben wurde, von Eltern, von Lehrern, manchmal auch von Schulkameraden. Aber oft genug war da eher die Reaktion: Streber. Langweiler. Lehrerliebling.

Das hat genervt. Aber es war okay. Weil es in dieser Zeit meines Lebens ein literarisches Vorbild gab, das genauso war wie ich. Das auch gehört hat, dass sie ein Streber ist, aber im Endeffekt für ihre Intelligenz und ihren Fleiß geschätzt wurde. Wir wissen vermutlich alle, von wem ich rede: Hermine.

Es war okay, Streber zu sein, weil es cool ist, zu sein wie Hermine. Weil – steile These – Zugehörigkeit mit unserer Identität versöhnt.

Ich weiß, wir sind im Gespräch über Identität oft um das besorgt, was auf Zugehörigkeit folgt: Abgrenzung. Schubladen und Labels schaffen eine Identitätsstiftung frei nach dem Motto „Ich bin ich, weil ich anders bin als du.“ Das kann fruchtbaren Boden für eine Feindseligkeit gegenüber der anderen Gruppe schaffen, keine Frage.

Aber zu sehen, es gibt noch andere wie mich und sie werden gemocht, so wie sie sind – das tut uns gut. Gerade in einem Alter, in dem Identität ein erschreckend komplexes Thema ist, das sich in alles hinein erstreckt. Nun hat nicht aber jeder das Glück, dass seine Bezugsperson in einem Massenerfolg wie Harry Potter vorkommt. Ganz im Gegenteil.

Eine andere Wahrheit, die ich mir über mich erzähle: Ich bin dick. Übergewichtig. Fett. Was auch immer. Aber jetzt eine Darstellung in der Literatur zu finden, die sagt: du bist dick? Okay, cool. Gar kein Thema, weil soll ich dir ein Geheimnis verraten? Du bist weder allein mit den Gedanken, die du über dich hast, noch wirst du für immer unglücklich und allein bleiben, weil Schlanksein keine Grundvoraussetzung für Heldentum, Liebe oder Happy Ends ist.

Erschreckend schwierig.

Mein Gewicht war immer ein Thema für mich und nicht nur für mich, für viele Mädchen und Jungen in meinem Alter, und trotzdem musste ich 21 Jahre alt werden, bis ich The Upside of Unrequited von Becky Albertalli gelesen hab und fast in aller Öffentlichkeit angefangen hätte, zu heulen, weil ich mich in den selbstsabotierenden Gedanken, die man so hat, wenn man nicht den Schönheitsnormen der Gesellschaft entspricht, erstmals wiedergefunden habe. Zum ersten Mal verstanden habe, dass ich damit nicht alleine bin, dass ich nicht falsch bin, weil ich sie denke, dass ich vielleicht falsch liege, wenn ich sie denke, aber dass es keinen Unmenschen aus mir macht. Es war so offensichtlich, dass Molly und in Erweiterung ich trotz dieser Gedanken liebenswert und schön und zu Großem fähig waren und von anderen in weit mehr gesehen wurden als nur in unserer Körperform.

Aber wenn ich schon solche Erlebnisse haben muss, die ich doch, abgesehen von meinem Frausein, meiner Bisexualität und meiner Körperform, zu einer enorm privilegierten Gruppierung gehöre, kann man erahnen, wie viel schmerzlicher, einsamer und auch feindseliger der Prozess der Identitätsbildung für Menschen anderer Ethnien, Religionen, Geschlechteridentitäten, anderer Bildungsstände und anderer gesundheitlichen und/oder körperlichen Voraussetzungen sein muss. Und wie viel für ihre Selbstbilder, für ihren Selbstwert gewonnen werden kann, wenn sie stattdessen wie selbstverständlich gute Repräsentation in den Medien fänden.

Warum braucht man Repräsentation marignalisierter Gruppen in der Bücherwelt als Nicht-Mitglied der Community?

Wenn man Repräsenation als ein realistischereres Bild der Gesellschaft und der verschiedenen Bevölkerungsgruppen betrachtet, dann beantwortet sich die Frage zunächst von selbst: es gibt nicht nur weiße, heterosexuelle, binäre Männer und Frauen, wo Gender (soziales Geschlecht) und Sex (biologisches Geschlecht) genau einander entsprechen. Die Vielfalt, von der wir umgeben sind, ist dabei exorbitant größer und wenn wir in einer realistischen oder, besser gesagt, über diese Welt schreiben möchen, dann kann man das nicht so einfach außer Acht lassen.

Zur Sicht des Autors gesellt sich noch die des Lesers; wenn wir über verschiedene Kulturen, Religionen, Familienkonstellationen oder Ähnliches, etwas, das uns so gar nicht vertraut ist, lesen, lernen wir vor allen Dingen dazu: Lesen hilft, Empathie zu entwickeln, zu verstehen und Verständnis aufzubringen. Denn Literatur gibt uns die Möglichkeit zu verstehen, indem verschiedene Autor*innen aus verschiedenen Nationen, Kulturen und Religionen uns durch ihre Bücher einen neuen Blickwinkel eröffnen. Lesen als reine Identitätsflucht ist eine schöne Idee, aber sich völlig abkapseln zu können, ist ein Trugbild, wenn man Gelesenes und Erfahrenes mit in seinen nächsten Tag und folgend in sein Leben mitnimmt. Lesegenuss, Realität und Lernen ist nichts, was sich grundsätzlich ausschließt, auch und besonders nicht, wenn wir über bisher uns Unbekanntes lesen.

Durch das Lesen, aber auch durch Serien, durch Artikel und Gespräche und der Vertiefung in ein Thema, das genauso aktuell ist, wie anerzogene westliche Kultur und gesellschaftliche Normen und Erwartungen, wird man sich nicht nur wissenstechnisch weiterbilden, sondern darüber hinaus auch etwas über sich selbst lernen und erkennen, dass das Fremde, womit man sich zunächst nicht identifizieren konnte, gar nicht mal so fremd ist. Ob es die Person, Ideen, Lebensmodelle oder alles andere ist: es geht darum, sein Sichtfeld zu erweitern und sich der bisher unbekannten Welt zu öffnen, um seinen Horizont zu erweitern, in jedwedem Sinn.

Durch Repräsentation ergibt sich also eine Win-Win-Situation: derjenige, der repräsentiert wird, hat endlich jemanden, mit dem er sich identifizieren kann und kann sich genauso in der Literatur wiederfinden, wie jeder, der durch die weiße, binäre Heteronormativität, die vorausgesetzt wird, ohnehin präsentiert wird. Und jene lernen durch Repräsentation und durch Darstellung diverser Kulturen und Lebenskonstellationen nicht nur über sich, sondern auch über andere (und kann durchaus auch seinen Identifikationsmoment miterleben, denn in Darstellungen von diversen Freundesgruppen kann man auch seine eigene Freundesgruppe erkennen – denn, wie eingangs gesagt durch die Statistik präsentiert– sind viele in unserem Umfeld nicht unbedingt weiß und/oder hetero und/oder binär oder, oder, oder ist.)

Jetzt könnte man natürlich argumentieren mit:

Wieso sollte ich denn etwas darüber lesen oder etwas es beim Schreiben mit einbeziehen, wenn marignalisierte Gruppen das nicht für meine Gesellschaft oder Kultur oder sexuelle Orientierung tun?

Wenn wir den Lernfaktor, den man fürs Leben hat, mit einbezieht, dann ist die Frage irrelevant. Wie wir alle in der Schule gelernt haben, lernen wir nur für uns selbst und gleiches gilt für unsere persönliche Entwicklung, die wir für uns erst einmal selbst bereit sein müssen zu machen.

Zweitens: der ganze Buchmarkt besteht aus der Darstellung westlicher Konzepte und Ideen, jeder weiß, wie die westliche Welt und die Ansichten sind und funktionieren.

Ali, Kira & Laura

6 Comments Repräsentation in der Literatur: Warum ist Repräsentation so wichtig?

  1. Karl-Heinz Zimmer

    Danke für Euren hochinteressanten Artikel. 🙂

    Eines irritiert mich noch: Wer auch immer das oben abgebildete S/W Zebra entwarf, hatte sich (unabsichtlich?) dafür entschieden, die mageren 30 Prozent Weiß am Kopf zu konzentrieren, wohingegen das meiste Schwarz am entgegen gesetzten Ende zu finden ist.

    Grübelnde Grüße
    Karl-Heinz

    1. skepsiswerke

      Hallo Karl-Heinz,

      Das ist interessant, dass du das ansprichst, wie die Verteilung der Informationen am Zebra gestaltet ist, das fiel uns selbst gar nicht auf. Die Statistik war als solche von Tobias Ng dargestellt worden, aber wir haben ohnehin den Teil mit den sexuellen Orientierungen begriffstechnisch editiert, entsprechend, jetzt wo du es angesprochen hast, ändern wir das auch noch. Vielen Dank für den Hinweis! Enorm wichtig, dass das auffällt und gesagt wird.

      Liebe Grüße
      Alisha

  2. Pingback: LGBTQ+ Repräsentation in der Literatur: Umfrageauswertung | skepsiswerke

  3. Jacquy

    Toller Beitrag! Gerade die Definition am Anfang ist für viele glaube ich ganz hilfreich, weil der Begriff einfach völlig selbstverständlich benutzt, aber eigentlich nie erklärt wird (ähnlich wie „Diversity“). Dass Weiße tatsächlich in der Unterzahl sind, hatte ich schon gehört, aber gerade die Grafiken verdeutlichen das echt gut.
    Insgesamt ein sehr gut geschriebener Artikel, der wirklich gut erklärt, wie wichtig Repräsentation in den verschiedensten Bereichen ist!

    1. skepsiswerke

      Hallo Jacquy,
      wie schön, dass der Beitrag dir gefallen und nochmal etwas besseres Licht ins Dunkel gebracht hat.

      Liebe Grüße
      Alisha

  4. Pingback: Diversity 101: Wieso wir alle divers schreiben sollten – Stürmische Seiten

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