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Papa hat sich erschossen – Saskia Jungnikl

Saskia Jungnikl hat eine böse Vorahnung, als sie morgens sieht, dass ihre Mutter sie in der Nacht versucht hat, auf dem Handy anzurufen.  Sie geht unruhig durch den Tag und steht schließlich in einem Coffeeshop, als ihre Mutter sie erneut anruft. Saskia Jungnikl hat einen doppelten Espresso mit einem Schuss Milch in der Hand, als ihre Mutter es ihr sagt: „Papa ist tot. Er hat sich erschossen.“ Seitdem trinkt sie nur noch Tee.

Buch: Papa hat sich erschossen

Autorin: Saskia Jungnikl

Verlag: Fischer

Paperback, 255 Seiten

Preis: 14,99€

 

Im Rahmen des #WSPD18 habe ich zuerst an dieses Buch gedacht. Auch beim zweiten Lesen war ich noch immer hingerissen von der Präzision der Autorin, die Fassungslosigkeit von etwas derartig Unvorstellbarem zu greifen und wiederzugeben.

Beinahe brutal ist der Einstieg in das Buch, denn er ist realistisch und viel greifbarer, als man es sich selbst vor Augen führen möchte. Man hat ein gutes Wochenende, nach einem Anruf ein schlechtes Gefühl und dann steht man in einem Café, in dem man etliche Male gewesen ist und erhält die Nachricht, dass ein Mensch, der uns unser Leben lang begleitet hat, plötzlich nicht mehr da ist. Weil er entschieden hat, nicht mehr da sein zu wollen. Mit diesem Menschen hat man über soviel gesprochen, aber gesagt hat er davon nichts. Man war immer der Auffassung, die Kommunikation wäre ehrlich gewesen, man wäre offen zueinander gewesen, man hätte sich gut gekannt.
Und trotzdem hat Saskia Jungnikl nicht ahnen können, dass ihr Vater entschieden hat, sein Leben zu beenden.

Die Dramaturgie des Buches ist beeindruckend: zu keinem Zeitpunkt ist gesagt, wann der Anfang und das Ende des Buches ist. Obwohl Erhard Jungnikl bereits auf der ersten Seite tot ist, erfahren wir noch so viel für ihn: was für ein ehrgeiziger Mensch er war, der nur Schwarz und Weiß sehen konnte, belesen, theologisch informiert, kreativ, ambitioniert, der Kurzgeschichten schrieb, sich autodidaktisch beibrachte, Instrumente zu spielen ebenso wie Schafe zu hüten und zu schlachten.
Erhard Jungnikl war die Person, zu der seine Tochter immer aufgeschaut hat, was der Text nicht nur eindrücklich vermittelt, sondern auch zu jedem Zeitpunkt nachvollziehbar macht.

 

„Der Suizid meines Vaters verändert meine Welt völlig. Sie wird ruiniert und in den kommenden Jahren werde ich versuchen aufzubauen, was er eingerissen hat. Ich liebe und bewundere meinen Vater sehr, und an diesem Tag wird er zu meinem schlimmsten Feind.
Der Weg zur Versöhnung ist lang.“
(S. 12)

 

Was das Buch so außergewöhnlich macht, ist die Authentizität, das es mitbringt. Wir können noch über x own voices reden, ich habe meinen Beweis gefunden. Ich kann mir schwer vorstellen, dass jemand, der das nicht erlebt hat, der nicht selbst die Lähmung und die Hilflosigkeit und die schiere Fassungslosigkeit eines Hinterbliebenen nach einem Suizid gewesen ist, dieses Buch hätte schreiben können.
Denn wir sehen alle Facetten, die traurigen, die hässlichen, die glücklicheren, das Fluktuieren zwischen all diesen Komponenten.
Wir lernen eine Familie kennen, die bereits den Verlust eines Familienmitglieds zu verkraften dabei war, als sie ein zweites verliert. Immer wieder die Frage nach dem ‚Warum‘? Und wie nachvollziehbar ist die darauffolgende Aussage gewesen, die diese Frage nicht nur legitim, sondern auch so verständlich macht: In anderen Familien passiert nichts Schlimmes, keiner verstirbt dem anderen. In dieser Familie sind es der Bruder, dann der Vater. Warum?
Auf all das gibt es keine Antworten, geschweige denn Erklärungen, nicht mal mögliche Spekulationen. Und ohne Antworten muss es trotzdem weitergehen, trotz der Fassungslosigkeit, trotz der Trauer.
Trauer ist kein geradlinig verlaufender Prozess. Es gibt keine vorgegebenen Schritte, es gibt keine Gebrauchsanleitung, wie man damit umgeht, wenn das Leben so jäh aus den Fugen gerät.
Wir sehen, wie der Tod eines geliebten Menschen die Hinterbliebenen verändert, ihnen immer noch Ängste hinterlässt, auch weitere zu verlieren, eine Furcht, die noch Jahren nach dem Suizid noch da ist.

 

„Wie soll ich mit dem Wissen um das, was geschehen ist, weiterleben? Mein Papa wird immer tot sein, von jetzt an bis zu dem Moment, in dem ich sterbe, also wie soll das gut werden? Es gibt keine Hoffnung. Ich will kein Leben haben, in dem ich nicht genau weiß, warum mein Vater tot ist. Ich will überhaupt kein Leben haben, in dem er nicht mehr da ist.“
(S.118f)

 

Die wohl wichtigsten Themen des Buches, sei es Ungläubigkeit, Schuldgefühle, das Beschäftigen mit der eigenen Sterblichkeit, das Wissen, das man einen Menschen nie bis in seinen Kern kennen kann, beschreibt die Autorin schonungslos ehrlich. Durch die Lebensnähe, die sie immer wieder durch Beschreibungen aus ihrer Kindheit, Treffen mit der Familie, Kurzgeschichten und Lyrik ihres Vaters untermalt hat, las sich das Buch wie ein Leben, das man selbst gelebt haben könnte. Man hat das Gefühl gehabt, diese Familie zu kennen, die Menschen zu kennen. Saskia Jungnikl öffnet für den Lesenden ihre Familiengeschichte und lässt ihn damit ganz nah ran. Das macht das Lesen unglaublich leicht und in der Thematik schockierend.

Die Stimme der Autorin war im Buch durchweg durch den Stil zu erkennen, beinahe zu hören; nicht immer hat mich der einfache Stil deswegen glücklich gemacht, mir fehlte auch teilweise die Struktur, es gab immer mal wieder Wiederholungen, Dinge, die weiter vorn bereits gesagt wurden, wurden später erneut erzählt. Das hat den Lesefluss nicht stark beeinträchtigt, doch mich stellenweise etwas unglücklich gemacht, weil es vermeidbar gewesen wäre.

Es fällt mir alles andere als leicht, hier mit den üblichen Bewertungen vorzugehen; ich fühle mich wohler dabei, es euch einfach ans Herz zu legen. Lest es, wenn ihr dafür bereit seid, und seid es wirklich. Der Stil ist leicht herunterzulesen, aber inhaltlich tut es weh. Und Schmerz ist bei langem noch nicht das richtige Wort; es bringt auch dazu, sich selbst zu hinterfragen. Dass viele Momente und viele Begegnungen von uns als gegeben angesehen werden und es plötzlich vorbei sein könnte. Sehr viel plötzlicher, als man es sich vorstellen kann und möchte.

Ali

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