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Mit der Faust in die Welt schlagen – Lukas Rietzschel

Mit dem Bewusstsein, dass rechte Verlage zwar gesondert, aber trotzdem auf der Frankfurter Buchmesse 2018 vertreten sind, muss hier nicht zum ersten Mal die Frage gestellt und beantwortet werden: sind Bücher politisch? Ist Literatur politisch? Ist Literatur politisch, auch wenn es „nur Fiktion“ ist?
Ich kann alle Fragen mit einem Wort beantworten: Ja.
Bücher sind Medien und Medien sind das, womit wir uns jeden Tag umgeben, das permanente Hintergrundgeräusch unseres Lebens. Sie beeinflussen uns, ob es nun um Blickwinkel, Ideen und Meinungen geht.
Und wir lernen. Bisher von Politik und Ideologien sehr unbedarfte Menschen – falls es solche gibt – können zu einem Buch greifen, das von einem rechten Verlag veröffentlicht worden ist und deren diskriminierenden Menschen verachtenden Haltungen wiedergibt. Und weil sie – sprichwörtlich – nichts wissen, müssen sie alles glauben.
Genau aus diesem Grund müssen wir auch über die Bücher aus der Gegenbewegung sprechen. Bücher gegen Rechts. Solche, die das Gespräch auf den Rechtsdruck zu lenken, der durch Deutschland geht.

Eines der angesprochenen Bücher ist „Mit der Faust in die Welt schlagen“ von Lukas Rietzschel. Rietzschel ist 1994 geboren und lebt derzeit in Görlitz, im Osten Deutschlands. Der Osten Deutschlands ist häufig als rechtsradikaler als andere Regionen Deutschlands eingestuft, auch der Aufmarsch von Nazis fand in Chemnitz statt. In seinem Roman schreibt Lukas Rietzschel über die Geschichte zweier Brüder, die nicht die Gründe, aber eine Idee davon verschaffen können, weshalb Ausländerfeindlichkeit und Naziaufmärsche vor allem im Osten Deutschlands geschehen.

Mit der Faust in die Welt schlagen

Philipp und Tobias sind Kinder, als ihre Eltern mit ihnen in die Provinz Neschwitz in Sachsen ziehen. Dort baut die Familie ein Haus und erhofft sich eine vielversprechende Zukunft. Doch mit dem Heranwachsen der beiden Brüder wird die Angst und die Perspektivlosigkeit mit dem geschlossenen Bäcker, den eingestellten Betrieben und der geschlossenen Schule verstärkt. Als die Situation in Neschwitz eskaliert, zieht sich einer der Brüder zurück; der andere macht seiner Wut und Enttäuschung gewaltsam Luft.

Die Geschichte beginnt mit dem Hausbau der Familie Zschornak in Neschwitz. Neschwitz ist eine Provinz in Sachsen, es ist ruhig, die Nachbarn sehen aus dem Fenster und beobachten in den häufig stillen Straßen ihre Nachbarn. Hier leben Deutsche mit Sorben Tür an Tür: manchmal empfindet man sie als Problem, häufig nicht.

Als Leser sehen wir Philipp und Tobias beim Aufwachsen zu. Wir begegnen Neschwitz als eine Provinz, die stets wie ausgestorben wirkt, immer leblos, vor allem lieblos. Die Bewohner und das Leben ist starr und hängt in eingefahrenen Routinen fest. Die Menschen sprechen meist kurz und bündig, Gespräche wirken kühl und distanziert, sodass, obwohl die Maisfelder im Sommer trocken von der Hitze sind, eine stete Kälte über der Provinz zu liegen scheint.

Philipp und Tobias wachsen trostlos und mit Enttäuschungen auf, ihre Eltern distanzieren sich mehr und mehr voneinander. Die beiden Jungen müssen schnell ihre eigenen Wege finden. In der Langeweile und Einöde, die ihr Leben in Neschwitz bietet, verführt sie das schnell zum Nachmachen von rassistischen Sprüchen, zu frühem Alkohol und dem Wunsch, wenn schon nicht zur Familie, irgendwo anders dazu zu gehören.
Und noch während sie heranwachsen und erwachsen werden, werden ihnen scheinbar nach und nach alle Symbole ihrer Kindheit und Jugend genommen: ihre Grundschule wird geschlossen, der Bäcker, in den sie nach Schulschluss gegangen sind, wird dichtgemacht, ihre Familie bricht auseinander.

Ständige Konfrontation damit, wie es im Westen aussieht. Dass der ehemalige Freund des Vaters, der angeblich bei der Stasi war, von der Gesellschaft verstoßen wird. Dass Ausländer teurere Schuhe tragen und neue Jacken, die man sich selbst nicht leisten kann. Der Abgang der „Strebermädchen“, die lieber im Westen studieren oder arbeiten gehen. Die schiere und ständige Perspektivlosigkeit, denn es wird nach niemandem gefragt, niemand wird erwartet und in den wenigen Betrieben, die geblieben sind, wird niemand gebraucht. Das Unverständnis, dass in die EU finanziert wird, aber nicht in eine Provinz in Deutschland, wo die Straßen aufgerissen sind und nach einem Großbrand der halbe Wald abgefackelt ist.

Der Stil ist sehr einfach, aber der Text ist sehr dicht. Zu keiner Zeit lässt der Autor zu, dass der*die Lesende einfach nur den Text herunter liest. Das Buch verlangt diesem stattdessen ab, gemeinsam mit ihm die sich veränderte Psyche der beiden Jungen zu betrachten, er zwingt sie, ihre Gründe zu sehen. Nicht zu verstehen, das nicht, aber zu sehen, was das Grauen und die Hilflosigkeit, die ich zeitweise beim Lesen gespürt habe, nicht wettmacht.
Der Prozess des ständigen aufmerksamen Hinsehens, wenn gefühlt noch nichts zu sehen ist, ist besonders zu Beginn sehr anstrengend. Doch um die gesamte Entwicklung zu verstehen, in seiner Tiefe und Fülle, lohnt es sich, den zähen Anfang durchzulesen und zu verstehen zu wollen.

„Mit der Faust in die Welt schlagen“ gibt keine klaren Antworten auf die Fragen, weshalb der Rechtsdruck im Osten ungemein stärker ist als in anderen Teilen Deutschlands. Doch der Roman gibt Hinweise und Denkanstöße. Er gibt die Möglichkeit, einen Blickwinkel zu sehen, wie man ihn (wenigstens ich) sich selbst schwer verschaffen kann.

Das Buch ist Fiktion, aber in einem Gespräch mit Lukas Rietzschel, das ich kurz hatte, als ich am 19.09.2018 seine Berlin-Buchpremiere besucht habe, habe ich erfahren, dass es die Realität ist. Er kennt die rechtsradikalen Typen, die auf den Schulhof kommen und Jüngere anquatschen, um sie für ihre Sache zu gewinnen. Die Mädchen aus seiner Heimat haben zum Studieren den Osten verlassen. Freunde sind rechtsradikal geworden.

Wer vor dem Rechtsdruck und den Folgen bislang die Augen verschlossen hat, sollte dringend dieses Buch lesen. Wer einen anderen Blickwinkel, so entsetzlich er sein mag, sehen will, sollte das lesen. Zum allgemeinen Verständnis sollte man das Buch lesen. Man sollte es, kurzum, lesen.
Dringende Leseempfehlung.

Alisha

 

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