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Gesellschaft / Kira

Literatur in Leichter Sprache – Ihr Potential & ihre Chancen.

Nach drei Jahren Studium habe ich endlich ein Forschungsthema gefunden, das mich wirklich interessiert: Leichte Sprache.

 

Wer hat den Satz »Deutsche Sprache, schwere Sprache« nicht schon mal gehört? Und tatsächlich: deutsch ist eine schwere Sprache. Für manche ist es eine zu schwere Sprache und das langfristig. Trotzdem gehören diese Personen mit zu Deutschland und haben das Recht auf Teilhabe. Ohne Kommunikation funktioniert diese Teilhabe aber nicht und ohne ein ausreichendes Sprachverständnis funktioniert keine Kommunikation.

 

Deshalb hat sich in der Praxis die Leichte Sprache entwickelt. Das ist eine Sprachvarietät des Deutschen, die Abstand nimmt von anspruchsvollen Konstellationen, die den Raum für Missverständnisse minimiert und Information somit auch für diejenigen zugängig macht, die die Standardsprache nicht verstehen. Internetpräsenzen von Bundesbehörden sind zusätzlich auch in Leichter Sprache abrufbar, da ihre Informationen für alle Bürger wichtig sind.

 

Doch dadurch, dass sich Leichte Sprache in der Praxis entwickelt hat, ist sie noch nicht zu Ende gedacht. Manche Regeln sind nicht konsequent umzusetzen oder ersetzen / kompensieren gar nicht, was sie ersetzen und kompensieren müssen. Zum Beispiel gibt es die Vorgabe, keine Metaphern zu verwenden, aber selbst Zeitangaben beinhalten Metaphern: vor drei Minuten, in einer Stunde. Auch ist die Standardsprache ja nicht grundlos komplex: manche Konzepte können nur durch komplexe Strukturen ausgedrückt werden. Oder? Hier versucht die Leichte Sprache durch Erläuterungen und Beispiele Klarheit zu schaffen. Das hat dann oft zur Folge, dass Texte in Leichter Sprache deutlich länger werden als Texte in der Standardsprache.

 

Trotz gewisser Probleme glaube ich daran, dass die Leichte Sprache sich durchsetzen wird. Wenn sie deutlicher als Zusatzangebot beworben wird, können wir vielleicht die Angst mildern, sie wolle den Standard ersetzen. Und während ihre Präsenz zunächst Defizite offenbart (viele Menschen wissen nicht, wie viele Menschen auch in Deutschland nicht gut lesen können), ist ihre Präsenz auch zugleich die Lösung, um solche Defizite auszugleichen und sie nicht mit einem bedauernden Schulterzucken abzutun.

 

In meiner letzten Hausarbeit hab ich mir deshalb erlaubt, zu fragen: Was, wenn wir auch Literatur in Leichter Sprache anbieten? Geht das nicht, weil Kunst einen kunstvollen Stil braucht, in all seiner Varianz und Potenz? Oder hat Literatur auch einen Eigenwert jenseits ihres Stils? Und ließe sich dieser mit der Leichten Sprache kombinieren?

 

Auf drei Funktionen der Literatur habe ich mich in meiner Arbeit beschränkt: das Vermitteln von Weltwissen, die Befähigung zur Reflexion durch Identifikationsprozesse und schließlich das Erweitern der eigenen Handlungsfähigkeit.

 

Dass Literatur Weltwissen vermittelt, schließt sich tatsächlich auch ein bisschen an unsere vorherigen Überlegungen zur Wichtigkeit von korrekter Repräsentation an. Denn wie auch immer geartet: Literatur erzählt uns etwas darüber, wie Menschen zusammenleben. Was passiert, wenn dies und jenes gegeben ist. Wie verhält man sich, wenn du in einer solchen oder anderen Situation bist? Es gibt in der Literatur keine Weltentwürfe, selbst in der abgefahrensten Fantasy oder SciFi nicht, die nichts mit unserer Welt zu tun haben, die nichts über unser Menschsein aussagen. In der standardsprachlichen Literatur ist das meist ästhetisch gebrochen. Entfremdet. In einen neuen Blickwinkel gerückt, aus einer anderen Perspektive gezeigt. Das kann die Leichte Sprache auch. Sie muss nur im Rahmen dessen auch das ein oder andere mehr erklären, damit die Bezüge zu unserer Welt verständlich bleiben, ohne dass bedingungslos auf eigenes, bereits vorhandenes Weltwissen zurückgegriffen werden muss.

 

Zur Reflexion befähigt werden wir in der Literatur dadurch, dass die Figuren, die uns in ihr begegnet, in vielerlei Hinsicht sind wie wir … oder eben auch nicht. In der Entdeckung der Ähnlichkeiten und der Unähnlichkeiten erfolgt eine Annäherung und Abgrenzung der eigenen Person zur und von der literarischen Figur. Das zwingt uns, unsere eigene Person in den Blick zu nehmen. Sie erneut an fremden und vielfältigen Kontexten zu messen, denn dieser Prozess beginnt mit jedem neuen Buch von vorn. Dadurch macht es uns bewusst, wie wir sind, und zeigt gleichzeitig auf, wie wir sein könnten, was andere Optionen für Gedanken, Gefühle, Handlungen sind. Auf den ersten Blick gibt es keinen Grund, warum die Leichte Sprache das nicht auch liefern könnte. Auf den zweiten Blick gibt es dafür eine Einschränkung: Viel der Identifikationsprozesse und folglich auch der Repräsentation erfolgt erst durch so genannte Leerstellen.

 

Leerstellen bezeichnen all das, was die Literatur nicht kommuniziert. Die Sprache ist auf mehreren Ebenen so beschaffen, dass sie die Wirklichkeit nicht detailgetreu abbilden kann. Etwa, weil in der Wirklichkeit viele Prozesse gleichzeitig ablaufen, die Sprache aber linear strukturiert ist und alles nur eins nach dem anderen darstellen kann. Außerdem ist mit dem Satz „Inge ging zum Bäcker“ deutlich weniger an Information übermittelt, als durch tatsächlichen Vorgang einer Inge, die zum Bäcker geht. Ganz oberflächlich fehlen schon Details wie Haarfarbe, Kleidung, Alter, aber auch wie sie geht, ob sie schlendert oder hetzt, und so weit und so fort.

Diese Leerstellen hat auch die Literatur. Die Theorie besagt, dass das Auffüllen dieser Leerstellen durch einen Rückgriff auf unser Weltwissen erfolgt. Wir wissen, dass Inge eine Haarfarbe haben muss, wir wissen, dass sie höchstwahrscheinlich angezogen ist (wäre sie es nicht, wäre das sicher erwähnt worden). Dadurch, dass wir Inge aber aus unserem eigenen Repertoire ergänzen, kommen wir ihr näher, eignen wir sie uns an – identifizieren wir uns mit ihr und reflektieren sie womöglich.

Deshalb wird angenommen, dass Leerstellen wichtig für die Identifikationsprozesse sind.

Und genau an dem Punkt könnte Leichte Sprache ein Problem bekommen. Denn Leerstellen, die mit Rückgriffen auf das eigene Weltwissen zu füllen sind, möchte sie ja gerade vermeiden. Es bleibt also zu erforschen, wie wichtig die Leerstelle für die Reflexionsfunktion der Literatur ist, um abschätzen zu können, ob die Leichte Sprache an ihr teilhaben kann. Die Studien dazu stehen noch aus, aber es ist wichtig, im Hinterkopf zu behalten, dass auch die Leichte Sprache, egal, wie sehr sie sich bemüht, die Wirklichkeit nicht detailgetreu darstellen kann.

 

Schlussendlich die Handlungsfähigkeit, die es zu erweitern gilt. Die Vorstellung ist die, dass durch die Lektüre von Literatur nicht nur die eigene Person, sondern auch die Positionierung und das Verhalten in der Gesellschaft reflektiert werden, da literarische Figuren uns unmittelbar in Kontakt bringen mit sozialen Rollen. Figuren stehen zueinander in Relation, Figuren agieren auch im Bezug auf die gesellschaftlichen Systeme, in denen sie eingebunden sind – das hilft dabei, sich selbst in den Gefügen zu erkennen, in denen man steht, und wird besonders dadurch unterstützt, dass die Literatur häufig Phänomene ins Zentrum des Bewusstseins rückt, die sonst eher am kulturellen Rand der Gesellschaft stehen und damit tatsächlich noch neue Lösungsansätze, weil neue Probleme, präsentieren kann. Das kann ganz viel von empowerment haben und besonders für diejenigen wichtig sein, die von der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben fast schon abgehalten werden, wenn es Literatur nur in Standardsprache gibt. Allerdings kommen wir auch hier nicht weit, wenn wir annehmen, die Reflexionsfähigkeit werde dadurch eingeschränkt, dass Leichte Sprache vieles erklären will.

 

Ich bin geneigt, anzunehmen, dass die Effekte immer noch bestehen, wenn vielleicht auch in geringerem Ausmaße, denn die Figuren und gesellschaftlichen Gefüge bekommt auch ein Rezipient zu lesen, der das Format der Leichten Sprache benötigt, und wäre entsprechend auch unbedingt dafür, mehr Literatur in Leichter Sprache zu veröffentlichen: seien das Übersetzungen vorher standardsprachlich veröffentlichter Werke oder tatsächlich von vorne herein in Leichter Sprache geschriebene Texte. Dadurch wird eine kulturelle Teilhabe ermöglicht, die auch zur gesellschaftlichen Teilhabe zählt, und außerdem können sprachliche sowie kognitive Kompetenzen im Rahmen der jeweiligen Möglichkeiten gefördert werden. Sie mag nicht alle Vorzüge haben, die Literatur im Standarddeutsch hat, aber sie hat auf jeden Fall mehr Vorzüge, als keine Literatur in Leichter Sprache es hätte.

 

Ich hoffe darauf, dass die empirische Erforschung der Leichten Sprache und auch der notwendigen Beschaffenheit der Sprache, um Auswirkung auf kognitive Strukturen und Kompetenzen zu haben, mich darin bestätigen wird, glaube aber nicht, dass wir auf solche Ergebnisse – da sie mit einem erheblichen Forschungsaufwand verbunden sind – warten müssen, um anzufangen.

 

Literatur in Leichter Sprache kann Vieles für Menschen tun, für die unsere Gesellschaft sonst erschreckend wenig tut, und richtet potentiell keinen Schaden an. Es wird also Zeit, dass wir ihr den ein oder anderen Gedanken zukommen lassen.

 

In aller Liebe,

Kira

 

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Geht zum Beispiel hier: https://www.leichte-sprache.org/

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