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Laura / Litcamp

LGBTQ+ Repräsentation in der Literatur: Umfrageauswertung

Im Mai haben schickten wir eine Umfrage ins Netz: Repräsentation der LGBTQ+-Community auf dem Mainstream Buchmarkt. Ziel der Umfrage war es, herauszufinden, wie sich Mitglieder dieser Community gegenüber ihrer (nicht/zum Teil vorhandenen) Repräsentation fühlen, was ihnen auffällt, gefällt und wiederum nicht gefällt, was falsch und richtig ist und was gewünscht ist, weil es immer noch fehlt.

Wir hatten Glück: 54 Menschen nahmen an dieser Umfrage teil und teilten zahlreiche Antworten mit uns. Viele von ihnen gaben uns ebenfalls die Möglichkeit, uns nochmals bei ihnen zu melden, falls wir Fragen hätten. Was großartig ist: An dieser Stelle nochmal vielen Dank dafür!

Ebenfalls sehr hilfreich für die Umfrage war: 3/4 der Teilnehmer waren Queer, womit eine doch sehr hohe Zahl wirklich Own-Voice Antworten geben konnte und unsere Umfrageergebnisse bereichert hat.

Die Umfrage lief 60 Tage, allerdings konnten wir in die Auswertung für unsere Session nur die ersten 30 Tage einbeziehen (in denen wir auch nur die Umfrage beworben haben), da dann ja das Litcamp 2018 gewesen ist. Wie versprochen kriegt ihr hier anhand unserer Auswertungen auch die Ergebnisse mitgeteilt: Und seid danach hoffentlich genauso schockiert wie wir. Und bereit, da was zu tun.

Die Umfrage

Zu Beginn unserer Umfrage wollten wir die sexuelle Orientierung unserer Teilnehmer wissen. Wie oben bereits erwähnt, waren 3/4 der Teilnehmer queer. Hier eine Übersicht. Ebenfalls hatten wir noch zwei Antworten aus einem Zusatzfeld, in dem sich ein Teilnehmer mit keiner dieser sexuellen Orientierungen identifizierte.

Welche sexuelle Orientierung hast du?

 

1/4 unserer Teilnehmer waren keine Liebesromanleser, der Rest schon. Das war sehr hilfreich, da LGBTQ+ sehr oft im Liebesromanbereich zu finden ist (natürlich nicht nur und das ist auch gut so!).

Liest du Liebesromane?

Was verstehst du unter Gay-Romance?

„Gay-Romance“: Darunter versteht man in der Literatur meistens – oder besser gesagt ist in diesem (Sub)Genre meistens zu finden – Beziehungen zwischen Male x Male. Was interessant ist, wo Gay doch auch mit homosexuell übersetzbar ist. In der Grafik ist erkennbar, was unsere Teilnehmer unter Gay-Romance verstehen.

 

Im Folgenden haben wir mit „Polaritätsprofilen“ gearbeitet. Dabei konnten unsere Teilnehmer in einer Bandbreite von fünf Antworten entscheiden, wo sie sich ungefähr befinden. Aus diesen Antworten lässt sich ein Mittelwert bilden, der dann die „Durchschnittsantwort“ bilden würde. Durchschnitte sprechen natürlich nicht für jeden Einzelnen, zeigen aber im Groben eine Tendenz im Denken der Leute.

Die erste Frage im Polaritätsprofil wäre, wie unsere Teilnehmer sich auf dem Buchmarkt repräsentiert fühlen. Die Antworten? Waren ein Schlag ins Gesicht.

Empfindest du deine sexuelle Orientierung auf dem Mainstream-Buchmarkt als ausreichend repräsentiert?

Die Tatsache, dass 3/4 unserer Teilnehmer queer sind und sich knapp 68,5% zu wenig, beziehungsweise gar nicht repräsentiert sehen, sollte ein Weckruf sein. Der Buchmarkt ist immer noch zu hetero, zu einseitig orientiert und schafft es noch immer noch, einen Teil unserer Gesellschaft ausreichend oder richtig darzustellen. (Mittelwert: 3,65)

Empfindest du deine sexuelle Orientierung in der Gay-Romance als ausreichend repräsentiert?

Ebenso interessant war – ebenfalls betrachtend, dass die Umfrage sich auf die LGBTQ+ Community bezieht – die Antworten auf die Frage, wie sich diese in der „Gay-Romance“ repräsentiert sehe. Und auch hier sehen 60% NICHT repräsentiert, 44% ÜBERHAUPT NICHT. In einem Genre, das eventuell Repräsentation bieten KÖNNTE.

(Mittelwert: 3,78)

 

In den folgenden vier Abschnitten haben wir mit offenen Fragen gearbeitet zu den Themen:

  • Welche Tropes begegnen dir immer wieder in der Gay-Romance?
  • Von welchen Tropes fühlst du dich falsch repräsentiert?
  • Wo fühlst du dich korrekt repräsentiert?
  • Was fehlt dir in der Repräsentation?

Hier waren natürlich zahlreiche Antwortmöglichkeiten drin; Anhand der Antworten – die auch nicht unbedingt immer die Fragen beantwortet haben – wurde versucht Inhalt und Wertung bei unserer Auswertung zu berücksichtigen (beispielsweise wurden Tropes, die als schlecht/falsch empfunden wurden, nur bei Frage 1 hingeschrieben, obwohl diese Antwort Frage 2 beantwortet hätte). In der folgenden Grafik haben wir Frage 1 und 2 zusammengesetzt und in den Vergleich gestellt. Alle Orangenen Prozentsätze ergeben gemeinsam 100% (ungefähr jedenfalls, weil es x-Kommastellen gab) und beantworten Frage 1. Frage 2 beschäftigt sich mit den einzelnen Tropes in Frage 1 – Wie wurden diese wahrgenommen?

 

Beispielsweise: 5 von 10 Leuten nannten das Trope „Bi-Erasure“. 5 Leute empfanden dieses Trope als negativ. Damit ist der orangene Balken bei 50% (weil 5 sind 50% von 100%) und der blaue ist bei 100% (weil 5 von 5 dieses Trope als negativ empfanden). -> Dieses Beispiel trifft nicht auf die Umfrage zu, sondern ist nur zur Veranschaulichung und zum Verständnis des Diagramms da.

 

Unter „Klischees“ haben wir klischeehafte Beziehungskonstellationen zusammengefasst, die immer wieder genutzt werden/wurden: Chef/Angesteller, Best Friends to Lovers, Erste Liebe, etc. Unter „Bi- & Pansexualität verschwindet“ ist nicht Bi-Erasure gemeint (das eine Extrakategorie ist), sondern, dass sobald man sich für einen Partner entschieden hat, sofort wieder zur Schublade gegriffen wird und dieser Mensch entweder wieder homo- oder heterosexuell ist. Sprich: Die Bi-  oder Pansexualität verschwindet.

 

Wahrscheinlich spricht die Grafik für sich: Das alles sind sehr häufig auftretende Tropes in der Gay Romance. Der blaue Balken liegt bei der Hälfte der Kategorien bei 100% und nur dreimal bei unter 50%, was klar macht, wie schädlich und falsch diese Tropes sind. Und dass diese auf keinen Fall richtige oder überhaupt Repräsentation bieten; Schlechte Repräsentation ist keine Repräsentation sondern große Scheiße, die Menschen verletzt, stigmatisiert und in Schubladen steckt, die nicht existieren, sondern der Gay-Romance halber konstruiert werden. Alleine das Trope „Dubcon“ (ich sprach bei der Session darüber) bedeutet so viel wie Dubious (= Fragwürdig/ Zweifelhaft) und Consent (= Zustimmung), was auch einfach mit Vergewaltigung übersetzen kann. Die in der Gay-Romance romantisiert, womöglich noch beschönigt und mit Liebe begründet wird. Ich erinnere mich an einen Beitrag, den ich dazu gelesen habe, in dem jemand schrieb: „Could you write me Dubcon One-Shot? I know it’s dirty, but I like it!“

Nein und tausendfach nein. Gleiches gilt für Beziehungen der Seme-Uke (Dominant-Devot), in denen immer ein Machtgefälle vorausgesetzt wird, in denen es immer eine „stärkere“ Partei geben muss, die die andere (meist unerfahrene) Partei leitet. Schon in Mainstream Liebesromanen wird darüber geklagt, dass gleichberechtigte Beziehungen romantisiert werden, aber das auch noch in ein anderes Genre zu bringen, weil gleichberechtigte Beziehungen offenbar NIRGENDWO möglich sind?

 

Ebenso interessant war die Auswertung zum „Coming Out“, das in 50% schlecht bewertet wurde und damit ziemlich gut zu dem Eindruck passte, den wir hatten: Dass Coming Outs ein Fall für sich sind. Dass jeder Coming Outs unterschiedlich erlebt und deswegen Menschen unterschiedlich darüber fühlen, wie sie verfasst werden. Immerhin haben 50% kein Problem damit, wie Coming Outs in diesen Büchern repräsentiert werden und das spricht von einer Schere, die in zwei sehr verschiedene Richtungen klafft. Umso wichtiger, dass keine Own-Voice Autor*innen sich vor Augen führen, ob sie sich mit diesem Thema auseinandersetzen wollen oder nicht; Ist es doch möglich, dass man hierbei Menschen repräsentiert, deren individuelles Coming-Out-Erlebnis dabei verletzt oder falsch darstellt (worüber es dazu wohl noch einen einzelnen Beitrag geben wird).

Wo siehst du dich korrekt repräsentiert?

Umso interessanter waren die Antworten für die nächsten beiden Fragen: Wo unsere Teilnehmer sich korrekt repräsentiert sehen und was ihnen fehlt in der Repräsentation. Da man frei war in seinen Antworten ist besonders auffällig – Im Vergleich zu den vorherigen Fragen – dass bei der Frage nach korrekter Repräsentation deutlich weniger Antworten kamen, weswegen es auch weniger Kategorien gab. Besonders hervorzuheben sind an dieser Stelle, dass besonders Stories, in denen gleichberechtigte Beziehungen auftreten, gut ankommen, ebenso die Darstellung des alltäglichen Lebens der queeren Figuren. Im gleichen Sinne traurig ist jedoch, dass genauso viele Teilnehmer – ungefähr ein Fünftel derer, die die Frage beantwortet haben – sich nirgendwo korrekt repräsentiert sehen und das! Das ist ein Schlag ins Gesicht gewesen.

Die Privilegierten weißen, cis Menschen unter uns – zu denen ich mich zählen kann – können es nicht mal komplett nachempfinden, aber ich mir vielleicht entfernt vorstellen, wie sich das anfühlen muss. Gay-Romance oder Buchmarkt generell schafft es nicht, eine Gesellschaft in allen ihren Facetten darzustellen – dabei sind diese ihnen bekannt. Vielleicht erinnert ihr euch noch an das Bild aus dem letzten Beitrag (Hier), wie bunt unsere Gesellschaft ist. Dass immerhin 2006 10% der Menschen queer gewesen sind (2016 dürften es laut Dahlia Studie zumindest in Europa circa 11% sein). Und dennoch sind die Bücher auf dem Buchmarkt immer noch cis und weiß.

Ebenso auffällig in den Antworten – Und fast auch schockierend – ist die gegenteilige Antwort zur falschen Repräsentation: Alles, was Bisexuelle verlangen ist, dass sie sich nicht entscheiden müssen in queeren Büchern – Das wäre ein Aspekt, in dem sie sich richtig dargestellt sehen. Und kompliziert ist das nicht, es erfordert nur, und das fehlt einigen Autoren*innen offenbar, Zeit für Recherche. Zeit, die man sich nehmen sollte, wenn man selbst keine Ahnung von dem Thema hat und Nicht-Mitglied dieser marginalisierten Gruppe ist.

Was fehlt dir in der Repräsentation?

 

Und, immer noch fehlend in der Repräsentation ist überhaupt die korrekte Darstellung der sexuellen Orientierung. Mehr als ein Drittel (fast 40%) der Teilnehmer sehen das noch überhaupt nicht in der Gay-Romance oder auf dem Buchmarkt generell. Außerdem spannend bis schockierend (die Bandbreite der Emotionen, die hier ausgelöst werden, ist groß, ich erinnere mich, dass ich ein bitteres Lachen hervorgestoßen habe, als ich es gelesen habe, ist, dass einfach Realistisches fehlt. Überhaupt Alltägliches oder Vorstellbares. Eine Antwort bei „Was fehlt dir in der Repräsentation?“ war: Realismus. Und das spricht wohl für sich; So oft wird mit Klischees oder einfach unechten Konstellationen und Figuren gearbeitet, dass nicht mal der Hauch von Realität empfunden werden kann. Hallo Buchmarkt, wir haben ein Problem.

 

Zum Schluss arbeiteten wir nochmals mit Polaritätsprofilen, zu Themen die auch immer wieder aufkommen und ebenso umstritten sind: Dürfen Nicht-Mitglieder der LGBTQ+-Community queere Bücher schreiben? Und wie wird die Trennung von Romance und Gay-Romance empfunden?

Bevor es zu Problemen kommt: Natürlich darf jeder schreiben, was er/sie möchte. Natürlich kann man niemandem verbieten irgendwas zu tun, immerhin leben wir ja in einem freien Land. Allerdings – und das war auch Thema in der Session und wurde brandheiß diskutiert – wie angebracht ist es? Da kamen und kommen immer noch ganz unterschiedliche Meinungen bei heraus. Und so war das auch in der Umfrage.

Was hältst du davon, dass Autor*innen, die nicht Mitglieder LGBTQ+ Community sind, Bücher über nicht heterosexuellen Beziehungen schreiben?

Auch wenn ich persönlich mit ganz anderen Ergebnissen gerechnet habe, hat sich doch abgezeichnet, dass viele kein Problem damit haben. Nur eine Person gab an, überhaupt nicht einverstanden damit zu sein (und das ist ja auch ihr gutes Recht) und elf gaben an, dass es sie etwas störe. Ich hab’s schon in der Session gesagt: Wir Nicht-Mitglieder müssen nicht davon ausgehen, dass queere Menschen das klasse finden. Müssen sie nicht. (Mittelwert: 2,2)

Wie empfindest du die Trennung von Romance und Gay-Romance?

Zum Schluss noch die Frage, wie die Trennung empfunden wird. Viele waren ein bisschen unentschlossen dabei – wahrscheinlich auch, weil es einfach schon immer so gewesen ist oder einfach kein Problem darstellt, aber der Mittelwert von 3,29 zeigt zumindest eine Tendenz dahingehend, dass es als Othering empfunden wird.

Die Umfrage war ein wesentlicher Bestandteil der Session, die wir im Litcamp 2018 halten durften und die Ergebnisse erweckend und wichtig zugleich. Der Buchmarkt hat noch viel zu tun: Noch deutlicher kann es kaum noch werden. Die Umfrage hatte 54 Teilnehmer – stellen wir uns die haarsträubenden Ergebnisse vor, hätten noch mehr Mitglieder der LGBTQ+-Community teilgenommen. Es wird Zeit, dass sich was tut.

 

Falls ihr noch Fragen zur Umfrage oder Ähnlichem habt, meldet euch jederzeit.

 

• Laura

2 Comments LGBTQ+ Repräsentation in der Literatur: Umfrageauswertung

  1. T

    Spannender Artikel! 🙂
    Eine Anregung vielleicht – könntet ihr von den Grafiken evntuell bessere Screenshots einfügen beziehungsweise die Schrift etwas größer machen, das kann man leider sehr schlecht erkennen. :/

    1. skepsiswerke

      Hallo T!

      Vielen Dank für den Hinweis, ich sehe mal zu, dass die Bilder etwas größer gemacht werden. Und es freut mich, dass der Artikel spannend für dich war.

      Liebe Grüße,
      Laura

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