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is love a lie? Warum wir nicht aufhören sollten, Liebesgeschichten zu erzählen

Es hat gerade aufgehört, zu regnen, und so richtig nach Schnee sieht es auch nicht aus, aber es ist der zweite Advent, also beginnen wir mit einem Winterlied.

Is love a lie? – Medienwirksame Liebeslügen

Is love a lie?, fragen Sara Bareilles und Ingrid Michaelson in ihrem Winter Song und oft genug, wenn wir uns angucken, was Hollywood aus ihr macht, wenn wir uns angucken, wie wir sie kapitalisieren an Tagen wie dem vierzehnten Februar, wie toxisch unsere Vorstellungen über sie sind, wie begrenzt unser Verständnis von ihr ist, wenn wir uns angucken, wie grausam wir werden, möchte jemand unsere Kategorien um weiteres ebenfalls „Richtiges“ erweitern, müssen wir schlussfolgern: Ja, wir erzählen uns eine ganze Menge an Lügen über die Liebe.

Sei das auf der großen Leinwand, sei das in den Bestseller-Regalen, sei das in den Geschichten, die unter Freunden und Freundinnen hin- und hergehen und die die Realität eines Paares ständig an gesellschaftlichen Erwartungen und dem daraus resultierenden Peer Pressure messen – wir erzählen uns viele Liebeslügen.

Aber was ist die Konsequenz?

Keine Geschichten mehr über Liebe erzählen, weil wir offensichtlich nicht wissen, wie?

us against the world – (M)eine Geschichte mit der Liebesgeschichte

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber in mir sperrt sich etwas gegen diese Radikalität – und dabei habe ich lange genug verächtlich auf Liebesgeschichten herabgeschaut.

2014 habe ich mein damaliges Romanprojekt als einen »gesellschaftskritischen Roman über kleinstädtische Engstirnigkeit und den Umgang mit Vorurteilen, am Beispiel einer Liebesgeschichte mit illegalem Altersunterschied« bezeichnet, wann immer man mich gefragt hat, worüber ich schreibe. Für mich klang das anspruchsvoller und deshalb weniger beschämend als zuzugeben, dass ich eine us-against-the-world-Geschichte schrieb, die sich nach Strich und Faden an das us-against-the-world-Lehrbuch hielt. Dabei war das mit 18 meine Vorstellung dessen, was Liebe sein und können sollte, und rückblickend denk ich nicht, dass ich mich dafür schämen muss.

Ab 2015 war ich dann großer Verfechter davon, Geschichten zu erzählen, die zeigten, dass Liebe allein dich nicht retten kann und nie retten können wird. Mein Leben hat mir diese Erkenntnis mit einigem Nachdruck in den Schädel geprügelt und ich wollte die Lektion teilen. Liebesgeschichten, die das verkannt und romantisch überhöht haben, was eine Liebesbeziehung für Menschen tun kann? Plötzlich nicht mehr nur beschämend, sondern schädlich!

Und jetzt? 2018? Meine Eltern haben sich im Sommer nach dreiundzwanzig Jahren Ehe getrennt. Schwöre ich der Liebe ab? Ist sie eine Lüge, nicht nur in ihren medienwirksamen Ausprägungen, auch in ihrem Konzept? Sind Menschen nicht dafür gemacht, ihre Leben in Liebe zu teilen?

Im Gegenteil: erstmals arbeite ich an Liebesgeschichten, die ich frei heraus genauso bezeichne. Und das hat etliche Gründe.

love changes us – Liebe lässt uns wachsen

Geschichten über Liebe müssen meiner Meinung nach nicht immer ein Happy End haben. Bei gewissen Prämissen finde ich das nach wie vor einfach zu weit hergeholt, zu sehr an den Haaren herbeigezogen und erzwungen. Aber was Geschichten über Liebe brauchen, ist ein Willen zum Happy End. Menschen, die in Liebe zueinander finden, wollen, dass es funktioniert. Sie wollen glücklich sein. Das verleiht ihnen Agency. Denn wäre es so einfach, gäbe es keine Geschichte.

Und ob es die böse Ex ist, die wieder auf den Plan tritt und für das Paar nur zum Problem werden kann, weil das Paar ein Kommunikationsproblem hat, oder ob es die Anforderung des bevorstehenden Weltuntergangs sind, die zwischen das Paar geraten, am Ende ist es der Wille zum Miteinander Glücklichwerden (mindestens eines Partners), der Raum zur Entwicklung eröffnet. Dann muss der ach so streng erzogene Sportler eben lernen, über Gefühle zu sprechen, oder die schüchterne Sonst-Immer-Viel-Zu-Schnell-Verzichtende muss lernen, für sich einzustehen und sich zu holen, was sie will: anders kommen wir nicht zu unserem Happy End.

Love changes us. Und selbstverständlich nicht nur zum Besseren. Mord ist immerhin viel zu oft ein Verbrechen aus Leidenschaft. Aber durchaus auch zu Besseren. Denn Liebe und der Blick einer geliebten Person und der Wunsch, mit dieser Person das eigene Leben teilen zu können, können Figuren den letzter Schubser verpassen, den sie brauchen, um zu dem zu werden, was sie sein müssen, um die Prämisse ihrer Geschichte zu einem handlungsreichen (und hoffentlich erfolgreichem!) Ende zu führen.

all you need is love – Ein Crashkurs in Sachen Liebe

Ich weiß, ich weiß – pädagogisches Schreiben ist längst nicht mehr chic. Kaum einer kauft noch einen Roman, um herauszufinden, wie man sich zu verhalten hat. Das heißt aber nicht, dass Romane nicht prägen, wie wir uns verhalten, was wir als gesellschaftstauglich, als angemessen, als romantisch verstehen. Ich hab meinen ersten Liebesroman gelesen, meinen ersten Liebesfilm gesehen, lange bevor ich selbst erste Erfahrungen mit der Liebe gemacht hab (wenn man von meinem Kindergarten-Hubby Falk-Lennart, love of my life, absieht.)

Und es gibt so viele Geschichten da draußen, die ein Bild von Liebe zeichnen, das ich kommenden Generationen nicht vermachen will. Weder den Mädchen noch den Jungs und erst recht nicht all jenen, die in diesen beiden Kategorien nicht unterkommen. Aber sie sind da und weil sie nachgefragt werden, werden sie bald nicht das Spielfeld räumen.

Das Einzige, was man da tun kann, ist Geschichten zu erzählen, die das Bild, das wir von Liebe zeichnen, bunter machen. Die neben Variante 1 auch eine Variante 2, 3 und 4 stellen. Liebesgeschichten ohne Sixpacks. Liebesgeschichten mit allein erziehenden Vätern. Liebesgeschichten zwischen genderfluiden Teenagern. Liebesgeschichten mit asexuellen Partnern. Liebesgeschichten, die mehr als zwei Partner umfassen, ohne zum Eifersuchtsdrama zu werden.

Bis wir eigene Erfahrungen machen, haben wir nur das, was uns über Liebe erzählt wird, und selbst diese Erfahrungen messen wir an dem, was uns als Schema angeboten wurde. Denn wir sind alle zum ersten Mal auf dieser Welt, niemand weiß wirklich, wie das hier funktioniert – aber wir können uns helfen, indem wir ehrlichere, ungeschöntere, vielfältigere Geschichten darüber erzählen, was wir von der und über die Liebe gelernt haben.

Auch, weil das momentane framing von Liebesgeschichte der Tatsache nicht Rechnung trägt, dass längst nicht nur Frauen Liebe empfinden und den Halt brauchen, die Hoffnung wollen, die Studie in Empathie genießen, die Liebesgeschichten für ihre Rezipienten sein können. Jungs/Männer oder nonbinäre Personen stellen sich diese Fragen genauso. Dass wir ihnen als Gesellschaft andere Antworten geben als Mädchen/Frauen, stellt eine Wurzel etlicher Probleme dar, mit denen wir uns als Gesellschaft ebenfalls herumschlagen müssen. Toxische Maskulinität sei dabei nur als eines von vielen genannt.

Und ihre Lösung besteht sicher nicht nur darin, andere Geschichten über Liebe zu erzählen, aber wieso sollte sie nicht damit anfangen?

love is love is love is love – Die Liebe ist vielfältig

Vor eine Weile, als noch denkbar war, dass es mich in den nächsten Jahren in Sci-Fi-Sphären verschlägt, hab ich ganz stolz verkündet: meine Sci-Fi-Trilogie würde ohne Liebesgeschichte auskommen. War glatt gelogen.

Wir kommen nicht drumherum, Geschichten der Liebe zu erzählen. Meistens schaffen wir es nicht einmal um romantische Liebe herum, aber das ist nur eine Spielart der Liebe und jede Geschichte über Menschen (abgesehen vielleicht von experimentalistischen Isolationsfantasien) befasst sich mit diesem Gefühl, das uns Menschen, so unterschiedlich wir sind, so widerstreitend wir oft sind, seit wie vielen tausend Jahren dazu befähigt, auf dieser Erde miteinander zu überleben.

Wir brauchen einen breiteren Begriff von Liebesgeschichten.

Wir brauchen Liebesgeschichten über beste Freunde. Wir brauchen Liebesgeschichten über Geschwisterdynamiken. Liebesgeschichten über Beziehungen zu den eigenen Eltern. Zu den Großeltern. Wir brauchen Liebesgeschichten über selbst gewählte Familien. Wir brauchen Liebesgeschichte zwischen Mentorfiguren und Protégees. Wir brauchen Liebesgeschichte der Selbstliebe.

Wir brauchen mehr Liebesgeschichten neben der romantischen Liebe.

Und deshalb schreibe ich sie jetzt.

Weil ich proaktiv an einer Welt mitarbeiten möchte, in der zukünftige Generationen gut und besser leben können als wir das tun. Für mich ist das besser, als mich in den Abgründen der jetzigen zu verlieren und unsere Verdammnis auszurufen, ohne aber einen Finger zu rühren, ohne einen Versuch zu unternehmen, wenigstens Eckchen dieser Welt zu verbessern.

Und vielleicht hat das mit meinen Eltern zu tun, vielleicht ist das mein Und jetzt werd ich erst recht glücklich Instinkt, aber was es auch ist: es bringt mir einen Prozess in mein Schreiben zurück, der nicht mehr lähmt und schmerzt und über Grenzen hinausprügelt. Es bringt mir einen Prozess zurück, der beflügelt und belebt und in eine Zukunft weist, in die ich mich unbedingt hineinleben will, und darin – und da bin ich ganz egoistisch – ziehe ich ihn jedem anderen meiner bisherigen Kreativprozesse vor.

Und deshalb lasst uns mehr (ehrliche) Geschichten über Liebe erzählen. Denn love is no lie. Und es ist egal, wie viele von diesen Geschichten wir bereits haben – ein bisschen Platz nach oben ist immer.

In diesem Sinne einen liebevollen zweiten Advent wünscht eure Kira

(Beitragsbild von Ali Yahya on Unsplash!)

2 Comments is love a lie? Warum wir nicht aufhören sollten, Liebesgeschichten zu erzählen

  1. Yvonne

    Liebe Kira,
    wirklich ein schöner Beitrag! Er hat mich selbst nicht nur über mein eigenes Liebesleben nachdenken lassen, sondern auch das in den Medien. Ich kann dir einfach nur zustimmen. Wenn ich zum Beispiel in englischen Foren nach „favourite Relationsships“ frage, kriege ich als Antwort meist zuhauf Ships oder echte Paare. Dabei gehören zu tollen Beziehungen auch die innerhalb einer Familie, Geschwistern etc. und die finde ich oft genauso toll!
    Danke für den Beitrag 🙂
    Liebe Grüße,
    Yvonne

    1. skepsiswerke_kira

      Liebe Yvonne,
      danke für deinen Zuspruch! Ich denke, das mit der Liebe ist ein kompliziertes Ding, aber wir tun ihr unrecht, wenn wir sie begrenzen – egal, in welche Richtung. Ob romantisch vs platonisch, heteronorm vs queer, …
      Wenn sie eins gut kann, dann Grenzen aufweichen und verwischen lassen.

      Liebe Grüße und komm gut ins neue Jahr,
      Kira

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