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Alltag / Kira

Idol Producer – Oder warum Träume unserer eigenen Verantwortung obliegen

100 Trainees. 12 Folgen. Und nur 9 Plätze in einer Boy Group.

Das ist die Prämisse des chinesischen Fernsehprogramms Idol-Producer. In den letzten Wochen hat mich kein Format derart in Atem gehalten wie diese Talentshow. Durch englische Untertitel verfügbar gemacht bin ich dazu gekommen, weil in der Jury zwei Idols saßen, die ich seit meinem Eintauchen in die Industrie des K- & Mando-Pops sehr zu schätzen weiß (Zhang Yixing & Jackson Wang). Geblieben bin ich für etwas anderes – und das lohnt sich, mit euch zu teilen.

Charming Point – Trainees fanboying Trainees.

Die erste Folge beginnt damit, dass die hundert Trainees (1), die für die Show eingeladen wurden, die Bühne betreten, auf der tribünenartig 100 Stühle aufgebaut sind. Willkürlich suchen sie sich einen Platz aus, irgendwo zwischen 1 und 100 – immer in dem Wissen, dass nur die obersten 9 am Ende debütieren dürfen.

Und während eine psychologische Studie der Platzwahlstrategie sicher spannend wäre, ist das, was mich gefesselt hat, die manchmal zwar etwas gehemmte, aber nie unehrliche Interaktion zwischen den Trainees. Da wird ein mutiges Outfit gefanboyt. Da wird die Zugehörigkeit zu einer prestige-trächtigen Company gefanboyt. Da wird kein Hehl daraus gemacht, dass das Lächeln dieses einen Trainees den restlichen Trainees direkt ins Herz geht. Und zu jedem Zeitpunkt herrscht das Wissen vor, dass man denselben Traum teilt.

Sobald es zur Ranking Evaluation kommt, die die Trainees aufgrund ihrer Fähigkeiten in Ränge einteilt, jubelt man für jeden. Jiayou – das chinesische Äquivalent von Viel Erfolg! und Du schaffst das! – ist hier nicht höfliche Geste. Wenn jemand in seiner Performance ins Straucheln gerät, schallt es von den Plätzen auf die Bühne herab und macht klar: You are not alone in this. We are cheering for you.

Und damit nicht genug.

In den folgenden Challenges wird niemand zurückgelassen. Der Teamgeist, den es braucht, um eine Boy Group zu bilden, das Verständnis davon, dass ein individuelles Talent nichts ist ohne den Rahmen, in den man es zu integrieren gedenkt – das ist von der ersten Sekunde an da und es bleibt. Sind es die Tanzanforderungen, die einzelne Jungs vor Schwierigkeiten stellen, wird auch teamübergreifend, aber insbesondere innerhalb der für die Challenges gebildeten Teams gemeinsam daran gearbeitet. Trainiert. Geübt. Wiederholt. Noch einmal erklärt. Und fast immer platzt der Knoten.

Es ist die Akzentuierung dieser Zusammenarbeit, die mich auf eine Weise emotional involviert hat, die ich von Programmen wie The Voice nicht kannte und die mich deswegen so unvergleichlich abgeholt hat. Dieses GEMEINSAME des gemeinsamen Traums. Dieser klare Posten, der gegen Einzelkämpfertum bezogen wird, in einer Konkurrenzsituation, die horrender nicht sein könnte – 91 Trainees von 100 Trainees werden ihren Traum zumindest in diesem Programm nicht erfüllen können.

„Das Wichtigste im Leben eines Menschen ist sein Traum“

So oder so ähnlich formuliert es einer der Trainees im Einzelinterview. Nun ist das leidenschaftliche Bekennen zu den Träumen, die man für sein Leben hegt, ein Narrativ, das man in künstlerischen Kreisen (und sonstigen leistungsfokussierten Bereichen des Lebens) nicht selten findet. Wie oft wird einem davon abgeraten, eine künstlerische Tätigkeit auf berufliche Dimension zu erheben, wenn man sich vorstellen kann, mit irgendetwas anderem auch glücklich zu werden? Es gehört immerhin eine radikale Extravaganz dazu, sich auf etwas so Vages, für die Außenwelt nicht Greifbares zu fixieren wie  einen Traum, und diese Fixation benötigt es, um in einer Industrie zu bestehen, die derart großzügig mit Hürden und Sackgassen ausgerüstet ist wie die Entertainment Industrie.

Für mich, die ich mich zu den derartig Extravaganten zähle, kann es viel, bei Idol Producer auf eine Show zu stoßen, die diese Radikalität begrüßt. Die sich zum Slogan macht: The harder you work, the luckier you will be. Und die weniger daran interessiert ist, die Erfolgsgeschichten derjenigen zu erzählen, die von Anfang an mit besten Chancen (prestige-trächtige Company, große Followerschaft auf Social Media Kanälen) in die Show eingestiegen sind, sondern viel mehr diejenigen zeigen möchte, die sich in ihrem Traum verbeißen und das Unmöglich-Scheinende möglich machen.

Das, was Idol Producer im Besonderen, aber Survival Shows im koreanischen / chinesischen Musikbusiness auch im Allgemeinen, derart von unseren westlichen Formaten unterscheidet, ist die Bereitschaft, die Kamera draufzuhalten, wenn es hässlich wird und wehtut und dich in Löcher der Verzweiflung stößt. Ich habe noch nie so viele junge Männer so offen weinen gesehen, wie in den Survival Shows des K-/Mando-Pop Businesses.

Ob davon gesprochen wird, wie es schmerzt, wenn sich eine Diskrepanz zwischen deiner Liebe zur Kunst und deinen technischen Fertigkeiten auftut. Ob die Eltern angerufen werden und klar wird, welche Erwartungen sich die Jungs meist selbst auf die Schultern hieven. Ob ungefiltert erlebt wird, was es heißt, derjenige zu sein, der seine Gruppe in ihrer Entwicklung zurückhält. Ob man in emotionaler Rohheit in die Vorstellung abtaucht, dass dies womöglich die letzte Chance ist, die man seinem Traum und sich im Kontext dieses Traums einräumen darf. Vollkommen egal – in allem werden die Emotionen der Trainees zugelassen. Tränen sind kein Zeichen der Schwäche. Tränen sind Ausdruck deiner Leidenschaft.

Work Ethic – Wenn die Inspiration zuschlägt

Neben Zusammenhalt und neben dem persönlichen emotionalen leidenschaftlichen Bekenntnis zum Traum wird auch noch etwas anderes fokussiert: Die harte Arbeit.

Im Slogan der Show bereits angeklungen macht der Einblick in die Erarbeitung, das Einstudieren und Vorbereiten der Performances einen Großteil der Episoden aus. Wenn du hart an dir und deinen Fähigkeiten arbeitest, wenn du Abstriche machst, wenn du dich deiner Kunst radikal verschreibst, dann kannst du Großes schaffen. Dann lächelt das Universum auf dich herab. Dann werden dich die Blicke derjenigen finden, die die nächsten Schritte für dich möglich machen können.

Sechs Stunden Training – das sagt der tägliche „Stundenplan“ der Jungs. Aber die allerwenigstens bleiben bei diesen sechs Stunden. Da wird allein weiter trainiert. Da wird anderen ausgeholfen. Schlaf auf ein Minimum reduziert. Nächte mit Texten verbracht, mit emotionaler Erarbeitung, mit Rhythmus-Übungen.

Ist das gesund und für jeden Menschen zu empfehlen? Nein. Sicher nicht. Aber es spricht für etwas, das sich für mich zumindest wahr anfühlt: Your dreams don’t work unless you do. Dass man diese Aussage so doppeldeutig lesen muss, wie man sie verstehen kann, darf nicht unter den Tisch fallen. Denn: was ist dein Traum wert, wenn du dich für ihn kaputt machst? Du musst immer noch funktionieren, sonst kann auch dein Traum nicht wahr werden. Das ist eine wichtige Ebene und auf dieser Ebene muss jeder seine Grenzen kennenlernen, muss sie im Regelfall wahren und in besonderen Momenten sehr gezielt entscheiden, sie hier oder da für eine Weile zu übertreten, aber danach auch in ihren Rahmen zurückkehren.

Die Gültigkeit dieser Tatsache nimmt der Aussage, die sie begleitet, nichts von der ihr eigenen Gültigkeit. Bei aller Self-Care musst du auch hart arbeiten. Träume sind auch, aber längst nicht nur aus Mut gemacht. Träume sind außerdem gemacht aus Blood, Sweat & Tears. Aus dem Wiederaufstehen nach dem Fallen. Aus dem Nicht-Auslernen. Nicht-Fertigwerden der eigenen Fähigkeiten und Fertigkeit, der eigenen Person. Aus dem Nicht-Aufgeben. Nicht-Aufhören. Aus dem Nicht-Auf-Plan-B-Ausweichen.

Niemand hat gesagt, es ist einfach.

Niemand hat gesagt, jeder Traum kann wahr werden.

Es gibt Opfer, die Träume einfordern und die man nicht zu bringen bereit ist. Und das ist okay. Das ist gut so. Wo es eine Frage der Methode ist, gibt es andere Wege, gibt es nächste Chancen. Wenn man sie denn suchen will. Wo es eine Frage des Traums selbst ist, wo man nicht nach einem anderen Weg, wo man nicht nach der nächsten Chance Ausschau halten will, da gibt es auch andere Träume. Und darin verbirgt sich keine Wertung, nur eine Lebenswirklichkeit.

Aber Inspiration daraus zu schöpfen, wie hart andere an ihren Träumen arbeiten und sich selbst vor diesem Hintergrund zu hinterfragen, aus sich herauszukitzeln, ob man bereit ist, im Rahmen seiner Möglichkeiten in eine ähnliche Radikalität zu driften, das kann viel.

Wenn man es lässt.

Your Dreams Are Your Responsibility.

Es zuzulassen … das kann einem niemand abnehmen. Denn das heißt, dass man sich selbst motivieren muss. Der Umstand, dass es Tage gibt, an denen man nicht will, Punkte gibt, die schmerzen, Risse, durch die sich Zweifel hineinschleichen – der ist ganz klar, der ist durch und durch menschlich. Daraus macht auch Idol Producer keinen Hehl.

Aber dass es schwer ist, darf dich nicht aufhalten, wenn du den Traum leben willst. Stattdessen musst du gucken, worin du Quellen findest, die deine Kraft, deine Ressourcen, deine Inspiration wieder auffüllen. Für die Idol Producer Trainees sind es Oasen, die ihren Trainingsalltag durchbrechen – Gespräche mit ihren Mentoren, alberne Dance Battle, gutes Essen, kleine Spiele, die ihren Fokus eine Weile ablenken und erweitern, Telefonate mit der Familie, …

Für mich ist es unter anderem Idol Producer.

In der Hoffnung, dass ich euch eröffnen konnte, warum es Idol Producer für mich ist und in der Hoffnung, dass ihr, wenn ihr ein bisschen seid wie ich, jetzt potentiell eine weitere Quelle gefunden habt, um aus ihr Kraft und Inspiration zu schöpfen:

Was hilft euch, das Mindset zurechtzurücken? Was hilft euch, eure kreativen Speicher aufzufüllen?

Tell me.

Vielleicht ist ja was dabei, das auch anderen nützen kann.

In diesem schrecklich inspirierten Sinne,

eure Kira

(1) Trainees sind vorrangig Jugendliche / Junge Erwachsene. Für die K- sowie für die Mando-Pop Industrie ist es üblich, sich bei einer Entertainment Company zu bewerben, die dich auf dein Debüt in einer Boy Group (Girl Group) vorbereitet. Es gibt Ähnlichkeiten zu unserem System einer Talentagentur, nur dass die Entertainment Company auch das Producing selbst übernimmt und dich nicht weiter vermittelt. Befindest du dich in dieser „Trainings“-Phase, bist du ein „Trainee“

1 Comment Idol Producer – Oder warum Träume unserer eigenen Verantwortung obliegen

  1. Anna

    Ein spannender Blick auf diese Shows! Tatsächlich finde ich, dass auch in vielen Formaten hier die Kamera durchaus so böse geführt wird, überraschend finde ich das also nicht – ich sehe aber definitiv den Unterschied zu gerade Casting-Shows im deutschen Fernsehen.
    Ich glaube, dieses Scheitern ist trotzdem nicht mein Medium, aber es war sehr spannend, da mal einen anderen Blick darauf zu lesen! Danke dafür!

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