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Alltag / Kira

Ich & die Welt da draußen – ein paar schrecklich unfertige Gedanken zu Auslandsaufenthalten

Eigentlich wollte ich immer nach England. Mit fünfzehn ging meine beste Freundin für ein Jahr nach Australien. Ein paar Jahre zuvor war eine Freundin für ein paar Wochen in Frankreich. Gleich zwei meiner Freunde verbrachten je drei Monate in Neuseeland und Canada. Nach dem Abitur ging es für andere nach Afrika. Nach Südamerika. Nach Japan. Für die kleine Schwester meines damaligen Freundes nach China.

Aber ich wollte eigentlich immer nur nach England. Als Teenager war ich genauso viel im Internet wie jetzt, wenn nicht mehr. Ich skypte mit Freunden in Amerika, sandte im Stil eines pen pals Mails und schrieb ganze Geschichten auf Englisch. England war naheliegend. Die Mitbewohnerin meiner Oma hatte Familie in England. England wäre zum Greifen nahe gewesen.

Und ich bin trotzdem nicht gegangen. In meinen ich-schwächeren Momenten (merkt man, dass ich mein Psychologiestudium abgeschlossen habe und jetzt all das Wissen, das ich nie wieder anwenden werde, aus mir herausdrängt?) bereue ich das immer noch.

Bereits erwähnter Exfreund war meine erste ernstzunehmende Beziehung und ich war sechzehn. Die Vorstellung, einen, zwei, drei Monate, womöglich ein halbes Jahr, Gott bewahre! – ein ganzes Jahr ohne ihn zu verbringen? Noch dazu in einem Land, gegen das er sich so vehement sperrte, dass ich nicht damit rechnen konnte, wenigstens einmal in dieser Zeit von ihm besucht zu werden? … rückblickend würde ich mich auch gern fragen, what’s love got to do with it, Kira, was zum Teufel?! Aber damals hatte sie was damit zu tun.

Damals hatte sie alles damit zu tun.

Nun bin ich zweiundzwanzig. Wenn das Sommersemester zu Ende geht, werde ich meinen Bachelor haben. Zu glauben, mir laufe die Zeit davon, wäre anmaßend. Ich habe Zeit.

Aber ich habe auch ein politisches Klima, das den Brexit hervorbringt und ihn nicht rückgängig macht, obwohl inzwischen allen aufgegangen sein dürfte, wie fucking bescheuert diese Entscheidung war. Ein politisches Klima für Mauern und missachtetes Asylrecht und unterlassene Seenotrettung.

Also wird es vielleicht Zeit, über Auslandsaufenthalte zu sprechen. Oder wenigstens über das, was ich momentan so über sie denke.

Inzwischen ist das nämlich alles nicht mehr so einfach – die letzten zwei Jahre, die letzten drei vielleicht, haben gründlich an einigen Grundfesten meines privilegierten, welt-blinden Selbst gerüttelt.

Desillusionierung hat um sich gegriffen und ich bin sicher noch nicht frei von den menschenfeindlichen Wahrheiten, die meine Erziehung und meine Sozialisierung mir eingraviert haben, und werde es wohl nie sein. Aber dass diese Entwicklung, nach dem Abitur ein Jahr etwa in einem afrikanischen Land Brunnen zu bauen und Klassen zu unterrichten, selbst bei besten Absichten viel zu leicht zum white savior Narrativ wird, das am Ende vor allem dazu dient, sich selbst sagen zu können, man hätte seinen Teil geleistet … das kann ich zumindest nicht mehr außer Acht lassen.

Und ähnlich ist es auch mit der Vorstellung, dass man sich an einen neuen Ort begibt und dieser Ort, die Menschen vor Ort, die Kultur, in die man sich drängt, beginnen, in einem zu arbeiten, und mir nichts, dir nichts ist ein Jahr später ein neuerer, besserer Mensch geboren, der dann zu seinem alten Ort zurückkehrt und sich nicht weiter um das kümmert, was sich an ihm verdient gemacht hat.

Aber es ist gleichzeitig auch nicht so einfach, oder?

Denn die Neugier auf neue Kulturen ist es, was unsere Welt offener macht, unsere Köpfe fordert, auch einmal anders zu denken und dabei zu lernen, dass „richtig“ oft nichts mit „richtig“ zu tun hat, sondern nur ein hübscheres Wort dafür ist, „so wie wir es machen“ zu meinen. Wir müssen respektvoll mit anderen Kulturen umgehen und wir sind unglaublich spät, was diese Einsicht angeht, und es ist unbeschreiblich, wie viel Leid wir verursacht haben, in den Jahrhunderten, Jahrtausenden, in denen wir genau das nicht getan haben.

Aber irgendwie müssen wir es lernen, oder? Und das geht über Selbstbildung, muss über Selbstbildung gehen. Es gibt vielfach Angebote, die uns das erleichtern, wenn sie uns der Verantwortung auch nicht entheben, wenn die Bereitschaft auch immer noch aus uns kommen muss. Aber sind Auslandsaufenthalte nicht auch Selbstbildung? Sicher, es geht darum, was man aus ihnen macht.

Hakt man sie nur ab, weil sie auf dem Lebenslauf inzwischen gut aussehen … reicht das nicht. Vorne und hinten nicht, und man hat sich selbst so sehr um die Entwicklung betrogen, die man hätte durch machen können, wie die Welt um einen herum, aber wenn ich überlege, wie viele Fälle mir aus meinem Umfeld bekannt sind, in denen ein Auslandsjahr am Ende seine (intendierte) Wirkung verfehlt hat …

Es ist unbestreitbar so: die allermeisten meiner Freunde, die eine Weile im Ausland gewesen sind, sind dadurch gereift. Klüger geworden, lebensfähiger, bedachter, manche freundlicher, andere wütender. Allesamt involvierter.

Genau das ist es ja, was mich so erfreut quietschen lässt, wenn mir Freunde heute sagen, dass sie ein Jahr nach Japan gehen oder ein Jahr nach Korea oder für ein paar Monate nach Peru. Das ist es, was mich vor Freude beinahe überschäumen lässt, wenn ich darüber nachdenke, nach meinem Master nach Korea zu gehen. Es ist nicht nur der Gedanke, von der fremden Kultur zu nehmen, bis man die eigenen Lücken gefüllt hat, es ist auch der Gedanke daran, wie wechselseitig eine solche Beziehung ist – weil ein Aufeinandertreffen von Perspektiven in einem respektvollen, wertschätzenden, in einem wohlwollenden und wohltuenden Umfeld doch sicher für beide Parteien etwas kann. Zumindest für die in den Kontakt involvierten Individuen.

Oder?

So sehr ich es mir wünschte, diese Frage ist keine rhetorische. Ich bin mir noch nicht sicher. Bin noch auf der Suche nach Verfehlungen meiner Betrachtungsweise, nach Ebenen, die ich vergessen habe. Muss noch etwas länger fragen, bevor ich antworten kann – und selbst dann kann ich wohl nur vor mir selbst zuverlässig antworten und das ohne Anspruch auf ewige Gültigkeit…

Aber es ist ein Thema, das mir auf der Seele brennt. Und mit einem 172-tägigen Duolingo-Streak, mit einem täglich wachsenden Interesse an der koreanischen Kultur – historisch, politisch wie gesellschaftlich – und diesem Fernweh, das mein Herz ergreift, kann ich mir nicht vorstellen, dass es sobald erlischt.

Deshalb, her mit euren Gedanken, wenn ihr mögt.

Auslandsaufenthalt – ja, nein? Wart ihr weg? Wollt ihr weg? Wieso? Was treibt euch? Was erhofft ihr euch? Habt ihr das Gefühl, der Aufenthalt war wechselseitig? Ich bin gespannt!

2 Comments Ich & die Welt da draußen – ein paar schrecklich unfertige Gedanken zu Auslandsaufenthalten

  1. Anna

    *sprudelt in Gedanken über*

    THIS.

    Ich wollte in der Schule unbedingt nach Japan, aber meine Eltern fanden es a) zu teuer (probably berechtigt) und haben es mir auch b) nicht zugetraut. Dass ich im BA nicht gegangen bin, hatte ich dann tatsächlich Beziehungen zu verdanken, aber vor allem dem gefühl, nach Jahren endlich in Berlin angekommen zu sein – was zu kostbar war, um es aufs Spiel zu setzen.

    Ich habe es letztes Jahr noch einmal versucht, einen Japanischkurs belegt – und bin so dermaßen nicht mit der Lehrerin klargekommen, dass ich den abbrechen musste. Über Jahe kam so relativ gesund langsam das wieder zurück, was ich mir vorher erst mühevoll über Jahre erarbeiten musste: dass ich auch ein toller, weltoffener Mensch sein kann, wenn ich meine Community hier pflege und unterstütze. Denn gerade Japan hat halt auch echt schwieriges Pflaster, wenn man versucht, nur gute und keine kontraproduktiven, Stereotypen bestätigende oder neokolonialistischen Dinge zu tun, auch unterbewusst nicht.

    Ich bin gespannt, wie sich das bei uns beiden noch entwickelt!
    Und Danke für diesen wunderbaren Artikel!

    1. skepsiswerke

      Ich bin da ganz bei dir!
      Und wie gut, dass du dein Tollsein und deine Weltoffenheit erkannt hast. Das ist noch viel wichtiger, als wenn ich sie dir jetzt hier bescheinigen würde. Damit soll dann gar nicht ausgeschlossen sein, dass es dich auch noch nach Japan bringt – auch wenn das, da wäre ich (wieder) ganz bei dir, ein besonderes Fingerspitzengefühl benötigt – denn wenn der Wunsch bleibt, dann darf man dem ja auch wünschen, dass er sich erfüllt. Man muss dann nur eben über den Rahmen nachdenken.
      In jedem Fall wünsch ich dir von jetzt an nur noch gute japanische Lehrer*innen, falls sie dir nochmal begegnen.

      Alles Liebe! Und danke für den Kommentar.

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