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Bücher / Kira

Goodreads Challenges – und warum es mich nicht stört, meine nicht erfüllt zu haben.

Bei mir fliegen gerade täglich Mails ein, die mich darauf hinweisen, dass 2018 fast zu Ende ist, und ich gebe zu, Weihnachten kam dieses Jahr für mich nicht nur überraschend, sondern auch ungünstig, aber das Jahresende verpassen … ich weiß ja auch nicht.

Aber vielleicht geht es euch da anders und ich bin nur aufs Jahresende schon eingestellt, weil mich die eine jährliche Challenge, die ich mir gestellt habe, mit so vorwurfsvollen Blicken betrachtet – 100 Bücher wollte ich lesen. Gelandet bin ich bei nicht mal ganz 60.

Woran liegt’s?
Ich denke, es gibt drei Gründe.

Es war erstens von Anfang an ein ambitioniertes Ziel. Zwei Bücher die Woche – das geht mit dem richtigen Zeitinvestment, aber gerät man auch nur an ein zähes Buch wird es zur echten Herkulesaufgabe.

2018 war für mich zweitens kein besonders kooperatives Jahr. Es gab Trennungen von Freundinnen, Todesfälle, die Scheidung meiner Eltern steht uns ins Haus. Ich hab Romanprojekte aufs Eis gelegt, in die ich seit Jahren alles an Herzblut geschüttet habe, das ich zu geben hatte. Wir haben expliziter denn je ein Naziproblem im deutschen Staatsgefüge, wir lassen Menschen im Mittelmeer ertrinken, als wären wir nicht nur aufgrund unverdienter Privilegien nicht selbst in ihrer Situation. Und so geht die Liste noch eine Weile weiter…

Aber am schwersten wiegt wohl der dritte Grund: Lesen war in diesem Jahr nicht die Priorität, als die ich es mir im Januar erträumt habe. Ich hätte lesen können, habe stattdessen aber lieber anderes gemacht: Koreanisch gelernt zum Beispiel. Mich einer Autorinnenduoschaft verschrieben. Die Welt der koreanischen Kultur für mich entdeckt.

Am Ende ist das das Einzige, was ich anbringen kann, um das Verfehlen meines Leseziels zu erklären. Ich hatte andere Prioritäten und das ist nicht „eben passiert“, das ist auch keine Entwicklung, die ich nicht hätte aufhalten können – das ist eine Entscheidung, die ich getroffen habe. Wann immer ich nach einem Buch hätte greifen können, habe ich mich stattdessen einer anderen Aufgabe zugewandt.

Und deshalb halte ich dem vorwurfsvollen Blick meiner Goodreads Challenge auch stand, ohne das Bedürfnis zu haben, mich in den Staub zu werfen & um Vergebung zu bitten – oder Besserung zu schwören.

Denn ja, Autorinnen sollten das Lesen nicht unterschätzen. Man lernt dieses Handwerk vor allem durch jahrelange Studie anderer Meister & die Übung des Es Selber Ausprobieren.

Und ja, ich glaube, dass Lesen uns zu besseren Menschen macht – dass es uns anders involviert als so manches anderes Medium.

Aber es ist nicht so, als hätte ich keine Geschichten mehr konsumiert. Das Internet hält hunderte, tausende für uns bereit, die nicht deshalb schlechter sind, weil sie uns als Hypertext begegnen. Stundenlang habe ich gelesen. Teilweise sogar sehr genau die Texte, die auf das zielten, das ich selbst in meinem Schreiben optimieren wollte. Es gab dafür nur keinen Haken, den ich auf einer Goodreads Seite anklicken könnte.

Und das ist kein Vorwurf an Goodreads – es ist nur einfach nicht so, als könnte die Zahl gelesener Bücher uns irgendetwas über das Leseverhalten einer Person verraten. Deshalb sollten wir diese Zahl nicht so hochhängen, wie ich es in der ersten Hälfte von 2018 noch getan habe. Zum Beispiel, als ich die Luke Flynt SpinOffs, die meine wundervollen Skepsiswerke-Kolleginnen mir vor ein paar Jahren geschenkt haben, nicht ge-re-readet hab, weil ich sie bei goodreads nicht als gelesenes Buch anrechnen konnte. Dass wir die Zahl gelesener Bücher zum Statussymbol erheben, ist unser Problem, nicht das von goodreads.

Und: Lesen ist mein Hobby. Ich lese gerne. Ich liebe es, mir Geschichten auf diese Art zu erschließen, und dabei noch etwas darüber zu lernen, wie man so erzählt, dass man die Wirkungen erzielt, die man intendiert.
Aber darin – und das macht Teil seines Charmes aus – muss ich nur mir selbst genügen. Es ist anders als mein Schreiben, das ich professionalisieren, proritisieren muss, gerade weil es nicht länger nur mir dienen soll, sondern für ein breiteres bzw. überhaupt für ein Publikum gedacht ist.

Ich bin die letzte, die Social Media Bashing betreiben will – dafür profitiere ich schon seit Jahren viel zu sehr davon, dafür spült es mir allzu oft wundervolle Menschen und elektrisierende Inspirationen in mein Leben. Trotzdem glaube ich, dass sie einen sozialen Aspekt hat, diese meine Begeisterung für eine exorbitante Lesechallenge, wie ich sie mir am Jahresanfang gesetzt habe. Ich wollte in ein Kollektiv gehören, das das Internet nutzt, um über Bücher zu sprechen – und dafür gehört es nun einmal dazu, Bücher zu lesen. Bücher intensiv zu lesen, ja, aber auch viele Bücher zu lesen, damit einem der Gesprächsstoff nicht ausgeht.

Dass dieses Kollektiv nicht mein Kollektiv ist, zeigte sich in der zweiten Hälfte meines 2018s, vor allem aber seit dem November. Am Ende schreibe ich Geschichten lieber, als dass ich über sie reflektiere – und der Zauber dieses Prozess war mir bloß lange verloren gegangen, sodass mir auch meine Kollektivzugehörigkeit zu vage geriet.

Jetzt, da ich nicht nur Halt, sondern meinen Platz in einem Gefüge gefunden habe, das seit Juni 2016 das erste ist, in dem ich mich zuhause fühle, fühle ich einen Frieden, der mich davon befreit, meiner goodreads Challenge zu viel Bedeutung zukommen zu lassen. Mein Level an kreativem Output war das ganze Jahr über nicht so hoch wie in diesen letzten Monaten, die ich mit K-Dramen, der Welt des K-Pops & meiner allerliebsten Ena verbracht habe. Und auch gelacht, das sei nur nebenbei erwähnt, habe ich mehr denn je, seit ich diese meine Inspiration gefunden habe – das geht soweit, dass meine Wangenmuskeln protestieren, weil ich sie so hart arbeiten lasse.

Dieser Post soll keinem seine goodreads Challenge absprechen, überhaupt nicht. Du hast 100 Bücher gelesen? KRASSER SHIT, MAN. MEGAGUT. Du hast 50 Bücher gelesen? HUT AB. Es sind 30 geworden? YAAAASS GURL. Du hast deine Challenge damit geschafft? FANTASTISCH.
Ich hoffe, du hast die Bücher genossen, die du gelesen hast. Ich hoffe, sie haben dir gegeben, was du gesucht hast. Hoffe, du hast aus ihnen machen können, was du brauchtest.

Dieser Post soll nur sagen – du hast deine Challenge nicht geschafft, aber 54, 37, 23, 19, 6 Bücher gelesen? YOU GO, DARLING! YOU GO. Ich hoffe, du hast die Bücher genossen, die du gelesen hast. Ich hoffe, sie haben dir gegeben, was du gesucht hast. Hoffe, du hast aus ihnen machen können, was du brauchtest.

Denn nein, Lesen muss nicht einsam sein – und goodreads beweist uns das immer wieder. Aber nur um Einsamkeit zu verhindern, sollte es auch nicht zum Wettkampf verkommen müssen. Finde ich.

Mach, was dich glücklich macht.
Und nimm dir in 2019 mehr Zeit dafür.
Losgelöst von allen gesellschaftlichen oder auch nur kollektiven Erwartungen.
The only way to do great work is to love what you do und so.

In aller Liebe und froher Jahresendstimmung,
eure Kira

6 Comments Goodreads Challenges – und warum es mich nicht stört, meine nicht erfüllt zu haben.

  1. Jacquy

    Super Beitrag. Ich liebe die Challenge und ich liebe es auch, zu schauen, wie viel (aber vor allem WAS) andere so gelesen haben, aber oft versteift man sich da wirklich zu sehr auf die Zahlen und macht sich selbst zu viel Druck. Ich setze mein Ziel deshalb direkt niedriger, sodass nachher keine Enttäuschung aufkommen kann, wenn ich es doch nicht schaffe – auch wenn mir auf einem höheren Level bewusst ist, dass das nicht schlimm wäre. Wie du schon sagst, manchmal verlagern sich einfach die Prioritäten oder es passiert etwas unvorhergesehenes und dann ist das eben so und es ist völlig okay.

    1. skepsiswerke_kira

      Danke schön!
      Ich liebe goodreads auch fürs Stöbern und über neue Geschichten stolpern. Manchmal bin ich auch einfach gespannt, wie Leuten Bücher gefallen, die ich ihnen empfohlen habe und so.
      Aber den Druck rausnehmen (es sei denn, man braucht ihn, um überhaupt zu lesen), macht das Lesen, da, wo es nur Hobby sein soll, durchaus schöner!

      Komm gut ins neue Jahr,
      Kira

  2. Yvonne

    Liebe Kira,
    danke für diesen großartigen Blog Beitrag! Du nimmst mir wirklich die Worte aus dem Mund.
    Gerade zum Ende des Jahres habe ich eher weniger gelesen, andere Prioritäten gesetzt. Mal bewusst, mal eher unbewusst (Uni, Serien, Schreiben) und mich dann bei dem Gedanken ertappt „Ich muss doch lesen.“ Quatsch, gar nichts muss ich. Dann gibt es halt mal eine Weile keine Rezensionen, keinen frischen „ich lese gerade“ Content auf Instagram.
    Ich mache das, worauf ich Lust habe und ich lese auch nur dann, wenn ich Lust habe und das ist immer unterschiedlich.
    Der Satz mit dem Goodreads Häkchen ist auch klasse. Ich meine, wie viele Blog Beiträge lesen wir? Das käme zusammen sicher auf eine Bücher. Wie viele Social Media Posts, Diskussionen, Zeitungen, wir konsumieren ja unendlich viele Geschichten, jeden Tag. Nur eben nicht immer die zwischen den Buchdeckeln.
    Viele Grüße,
    Yvonne 🙂

    1. skepsiswerke_kira

      Liebe Yvonne, wie schön, dass der Artikel etwas sagen konnte, dass mehr Leuten als nur mir auf der Zunge lag. Ich denke, es ist nichts verwerflich an Goodreads Challenges, aber man muss hin und wieder reflektieren, warum man an ihnen teilnimmt und welchen Stellenwert sie darin haben.

      Man liest viel mehr als goodreads einem zugestehen will, das stimmt absolut. Auch wenn ich an etliche Fanfictions oder so denke, die durchaus schnell das Niveau von Büchern haben können, die Länge sowieso, und die darin doch auch zählen dürfen müssen.

      Liebe Grüße und komm gut ins neue Jahr!
      Kira

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