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Gesellschaft / Laura

Frauenmorde: Beziehungsdramen, Tragödien und Medieninszenierung

Triggerwarnung: Gewalt, Mord an Frauen

Für diesen Beitrag habe ich einen Test gemacht: In der allzu bekannten Suchmaschine Google habe ich „Beziehungsdrama“ eingegeben, einmal ohne Anhang, beim zweiten Mal „Beziehungsdrama 2019“. Laut Google und den Medien, die für die angezeigten Suchergebnisse sorgen, ist ein Beziehungsdrama eines: Der Tod einer Frau, umgebracht durch ihren Mann/Freund/Partner.

Das ist ein Beziehungsdrama? Ja und noch viel mehr – Vielen Medienberichten zufolge, hatte entsprechende männliche Person durchaus Motive: Die Frau habe ihn verlassen, er habe sich schlecht gefühlt, er fänd es ungerecht, dass er unter einer Krankheit leide und seine Frau, sowie seine Kinder es nicht tun würden. Das sind oftmals ausreichende Gründe, um Mord zu begehen, an unschuldigen Menschen, an unschuldigen Frauen. Dabei heben Medienberichte Motive in den Vordergrund, die bei einer Tötung, einem Mord – denn um nichts anderes handelt es sich hier – eine Rolle spielen, doch in Artikeln am Ende der Frau wieder die Schuld zuschieben. Hätte sie ihn nicht verlassen, wäre sie nicht tot. Wäre sie auch krank, wären ihre Kinder krank, wäre sie nicht tot. Ihr Mann/Freund/Partner hatte einen Grund und so schlecht er auch sein möge, er ist für Medien offenbar erwähnenswerter als der Fakt, dass hier ein M O R D stattgefunden hat, kein Drama, keine Tragödie.

Um den Unterschied eventuell bewusst zu machen, eine Definition:
M O R D: vorsätzliche Tötung eines oder mehrerer Menschen aus niedrigen Beweggründen.

D R A M A: aufregendes, erschütterndes oder trauriges Geschehen

T R A G Ö D I E: „Die Tragödie ist eine Form des Dramas[…]. Kennzeichnend für die Tragödie ist der schicksalhafte Konflikt der Hauptfigur.

Natürlich ist der Tod von Menschen traurig, erschütternd auch – aber doch verschleiern derartig emotional geladene Euphemismen den Ursprung dessen was passiert ist: Ein vorsätzlicher Delikt der Tötung. Jemanden zu töten ist nicht „tragisch“, es ist nicht „dramatisch“, einen Mord zu begehen. Es ist grausam, es ist eine Machtgeste, in dem ein Mensch – und in diesen Fällen zumeist Frauen – ihr Leben verlieren, beziehungsweise es ihnen auf brutale Art und Weise geraubt wird. Dafür sollten andere Begriffe genutzt werden – Brutal, grausam, schmerzhaft: Natürlich für das Opfer, denn Gefühle des Täters, eventuell Verrat oder Trauer oder was auch immer, spielen in der Medienlandschaft keine Rolle, außer die der Dramatisierung. Es ist sogar überdenkungswürdig sich zu fragen: Warum haben Gefühle des Täters noch immer mehr Platz in der Berichterstattung als das Leben, das verloren geht?
Mit dem nie ausgeschöpften, sondern nur angeschnittenen Versuch eine Täterpsyche zu anzuschneiden, wird Straftätern mehr Platz eingeräumt als ihren Opfern – Und ihre Taten damit in einem inakzeptablen Maße beinahe gerechtfertigt. Damit werden Morde und Gewalt an Frauen zu einem Stilmittel in der Dramenrhetorik der Medien, um Leser*innen zu gewinnen, die sich an der „offensichtlichen“ Ambivalenz der Situation aufreiben können.

Kinoinszenierungen von Frauenmorden

Doch nicht nur Zeitungen haben es sich zur Aufgabe gemacht, Frauenmorde zu verharmlosen, zu dramatisieren, Tätern Motive unterzujubeln und sie damit dramatisch der Menge zugänglich zu machen. 2019 ist das Jahr, in dem zwei Filme von Serienmördern in Kinos kommen, von dem zumindest einer ausschließlich Frauen tötete, während der andere Film nicht mehr Inhalt als die brutale Ermordung einer Frau hat.

Wer meinen Thread zum Ted Bundy Film bereits gelesen hat, hat vielleicht einen Eindruck bekommen: In „Extremely Wicked, Shockingly Evil and Vile“, der 2019 erscheinen wird, spielt Zac Efron den Serienmörder Ted Bundy. Ich hab bereits bevor ich die Dokumentation auf Netflix gesehen habe, diverse Dokumentationen über Ted Bundy gesehen, weswegen der Schock, über das, was der Trailer abbildet, umso größer gewesen ist. Ted Bundy hat innerhalb von knapp zehn Jahren mehr als 30 Frauen (gestandene Morde; wahrscheinlich waren es zwischen 60 bis über 100) vergewaltigt, umgebracht, ihre Leichen verstümmelt und zerstückelt, sodass sie nicht gefunden werden konnten. Dabei war er – tatsächlich wie Zac Efron im Film – gutaussehend, charmant, eben sehr unauffällig, weswegen es neben schwerer Polizeiarbeit so schwer war, ihn zu finden, beziehungsweise zu überführen.

In diesem Film – in dem auch keine unbeträchtliche Anzahl an Frauen mitspielen – werden Morde an Frauen und zwar ausschließlich an Frauen, instrumentalisiert, um eine dunkle Komödie zu zeigen; so lässt es zumindest der Trailer wirken, auch wenn der Film dennoch als „Thriller“ deklariert wird. Unterlegt von cooler Musik ist Zac Efron der Beau, dem man niemals diese Morde zutrauen würde und der sich „als scharfsinnig genug erweise, den Zuschauer zu betören und einen dazu bringen könne, die Anschuldigungen gegen ihn anzuzweifeln“.

Once, my dad informed me sexism is dead and reminded me to always carry pepper spray in the same breath.
We accept this state of constant fear as just another component of being a girl. We text each other when we get home safe and it does not occur to us that not all of our guy friends have to do the same. [Blythe Baird]

Was dieser Film ignoriert: Ted Bundy gab es wirklich. Ted Bundy ist keine Fantasyfigur, keine Figur aus der Geschichte, die grausame Dinge getan hat. Ted Bundy ist aktuell und einen Film, über einen Mann zu drehen, der jahrelang unschuldig davon gekommen ist, statt darüber, wie Angehörige bis heute darunter leiden oder Frauen aufgrund von Männern wie Ted Bundy, die unschuldig aussehen, bis heute Angst haben, nachts allein auf die Straße zu gehen, ist daneben. Es reißt Wunden auf, von denen man nicht wusste, dass sie existieren, weil sie Normalzustand geworden sind, in einem Leben als Frau. Dieses Leben verbietet uns Frauen unvoreingenommen und gleichzeitig vorsichtig zu sein, wenn wir im Dunkeln alleine auf der Straße erwachsenen Männern begegnen.
Obendrein sind die Morde längst nicht verjährt – Ich habe genug Tweets von Frauen gelesen, die im gleichen Verbindungshaus der Sorority Chi Omega geschlafen haben, als er nachts eindrang, zwei Frauen umbrachte und weitere attackierte und die ebenso schockiert, traumatisiert und verletzt davon sind, dass Hollywood dieses Trauma nutzt, um Geld zu verdienen.

You could literally saw a woman in half and it would still be called a magic trick.
Wouldn’t it? [Blythe Baird]

Gleiches gilt für den im April erscheinenden Horrorfilm „The Haunting of Sharon Tate“, der sich, ohne Scherz, nur damit beschäftigt, was vor dem brutalen Mord an Sharon Tate passierte, dass diese schreckliche Albträume litt, die sich dann mehr oder weniger bewahrheiteten. Auch wenn ein Film vom bekannten Regisseur Quentin Tarantino, ist es am Ende dennoch geschmacklos. Sharon Tate selbst wurde hochschwanger(!) mit 16 Messerstichen brutal ermordet, war zuvor aber Schauspielerin und Stilikone gewesen. Das Einzige, das Hollywood am Ende an ihr interessiert ist, dass sie auf gewaltsame Art und Weise von Mitgliedern der Manson Family hingerichtet wurde und sie darüber einen ganzen Film drehen, mit dem man Millionen verdienen wird.

Diese beiden Filme sind nur Beispiele für die Medieninszenierung von Morden an Frauen, die emotional aufgeladen, mit Filmen verharmlost und in jedem Fall instrumentalisiert werden, um ein breites Publikum für sich zu gewinnen. Im gleichen Atemzug werden Frauenmorde jedoch Alltag, fast „normal“ zu sehen, wie Frauen Opfer männlicher Gewalt werden, um ein paar Leuten ein paar Stunden Spaß zu gewähren oder einen Zeitungsartikel dramaturgisch interessant oder ambivalent zu machen.

Fakt ist, egal, um welches Medium es sich handelt: Morde an Frauen (auch: Femizid, lest hier mehr dazu) sollte nicht Teil von Unterhaltung sein. Morde an Frauen sind real, alltäglich und kein Instrument der Dramaturgie. Um Frauen Gleichberechtigung, Gehör und die Ernstnahme ihrer Ängste und Erfahrungen zu garantieren, muss die Inszenierung und damit Verharmlosung ihrer Tötung in Medien aufhören.

• Laura

Lest hier mehr dazu:

Mord ist kein Beziehungsdrama
Wie die Begriffe Familiendrama und Beziehungstat verharmlosen

Artikel [Bild]: Ex-Freundin im Treppenhaus erstochen
Artikel Beziehungsdrama in Coburg

Pocket Sized Feminism – Blythe Baird

2 Comments Frauenmorde: Beziehungsdramen, Tragödien und Medieninszenierung

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