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Ali / Schreiben

Fanfictions – die unterschätzten Geschichten

Wann immer Diskussionen über Fanfictions auftauchen, gibt es in meiner Bubble oft die Einigkeit darüber, dass Fanfictions etwas Schönes, etwas Gutes sind. Wiederum, wenn man als Autor*in mit Leser*innen darüber spricht, dass man mit Fanfictions begonnen hat oder neben den „Originalwerken“ noch immer welche schreibt, ändert sich oft der Ton; der wird dann häufig zurückhaltender.
Denn Fanfictions werden nicht überall so rezipiert wie in meiner Bubble: Von der Buchbranche und auch von vielen Autor*innen werden sie mit Nasenrümpfen wahrgenommen. Sie enthalten keinen „eigenen“ Stamm an Welt und Figuren. Gern wird Fanfictions im gleichen Atemzug unterstellt, dass sie qualitativ schlechter als Bücher auf dem deutschen Buchmarkt sind und Fetische für Jugendliche zugänglich macht, da Fanfiction-Portale kostenlos zugänglich sind.

Nur wenn das das Bild von Fanfictions ist und das das Vorurteil, weswegen man als Fanfiction-Schreiber*in den Kopf einziehen oder leiser sprechen muss, dann müssen wir dringend darüber sprechen.

Der Urschleim: Was ist eine Fanfiction?
Fanfictions oder Fanfiktions ist den meisten, die Bücher lesen oder selbst schreiben, ein Begriff. Dabei handelt es sich bei einer Fanfiction, kurz FF, um ein Werk, das sich Figuren und Welten aus anderen Medien (beispielsweise einem Film, einer Serie, einem Spiel, einem Buch) oder einer real existierenden Figur bedient. Diese werden dann in einen eigens erdachten, fiktiven Kontext gesetzt und deren Geschichte wird dann von der*dem Autor*in dann ebenso fiktiv erzählt. Fiktiv heißt hier: Nicht im Spiel enthalten, nicht im Film enthalten, das ist der real existierenden, meist prominenten Person niemals passiert.
Dabei ist das besondere „Merkmal“ von Fanfictions, dass sie kostenlos auf verschiedenen Plattformen hochgeladen werden und somit einem breiten Publikum zugänglich sind.

Der schlechte Ruf der Fanfictions
Bevor ich Geschichten mit eigenen Figuren kreiert habe, habe ich selbst Fanfictions geschrieben, in verschiedenen Fandoms. Zuerst über Sportler, dann über Twilight, dann über One Direction und Harry Potter. Trotzdem ist das kein Thema, das besonders professionell herüberkommt, wenn man sich mit jemandem darüber unterhält; da ist das Beispiel von absurden Geschichten und eigens ausgedachten, leicht kuriosen Figuren immer mehr den Lacher wert. Weshalb?

Wenn man sich ein bisschen durch das Material liest, dass das Internet zu diesem Thema bietet, dann kommen folgende Kritikpunkte an und Vorurteile gegenüber Fanfictions: Sie bedienen sich an Menschen und Figuren, die man nicht selbst geschaffen hat. Sie beziehen sich auf Welten, die man nicht selbst geschaffen hat. Kurzum: Sie haben anscheinend keine eigene Konsistenz, sondern leben davon, was ihnen jemand anderes gegeben hat und dessen sich der*die Fanfiction-Autor*in bedient. Das wird automatisch auf eine schlechtere Leistung reduziert, da anscheinend nicht genug Fantasie vorhanden ist, sich eine eigene Geschichte auszudenken.
Genug Fantasie wird den Autor*innen von Fanfictions jedoch zugetraut, wenn es um sexuellen Content und problematische Inhalte geht: ich kann nicht zählen, wie oft ich mich bereits mit Menschen unterhalten habe, die der Meinung sind, dass Fanfiction gleich nur Sextstory, No-Consent, Fetischisierung, Klischees, Stereotypisierung etc.pp. sind. Dann wird das Argument genannt, dass jüngere Leser*innen diese Geschichten ohne Reflexion einfach konsumieren können und somit die Weltsicht verschoben wird. (Holla.)
Weiterhin gibt es Autor*innen, die verbieten, dass man über sie oder ihre Werke irgendetwas Weiteres schreibt, da sie – es gab schon den Fall – denken, dass die Fans ihnen ihre Ideen stehlen oder ihre Werke entstellen würden, indem diesen etwas angedichtet wird, das ihnen nicht gefällt.
Dass die Buchbranche Fanfictions nicht gern sieht, ist selbstverständlich: Was will man gegen diesen Wildwuchs tun, der kostenlos Geschichten produziert, der die Zielgruppe sehr viel einfacher erreicht, als man es mit seinem eigens entwickelten Marketing tut? Leser*innen müssen nur die entsprechende Plattform besuchen und können dann den Content finden, den sie sich wünschen. Sie müssen nicht mehr in den Buchladen gehen und den teilweise neuesten Abklatsch des alten kaufen, weil es ihre Ships woanders gibt.

Aber ich liebe Fanfictions!
Ich auch, my fellow fanfic-lover, ich auch. So einfach, wie es sich die oben genannten Kritikpunkte machen, kann man Fanfictions nicht kleinreden.
Fanfictions sind nichts, was man in einem Fandom einfach wegdenken kann. Denn es beleuchtet einen Film, eine Serie oder ein Buch in einer ganz anderen Perspektive. Es bietet weitere Perspektiven, es gibt neue Einsichten. Fanfictions denken an Stellen weiter, an denen das Medium aufgehört hat, diese Stellen zu thematisieren. Das kann eine Freundschaft sein, eine Romanze, eine bestimmte Stelle des Weltenbaus, die vertieft oder verbessert werden und damit ein Fandom bereichern. Fanfictions erzählen Geschichten weiter, wenn eine Buchreihe beispielsweise beendet ist und schenkt den Leser*innen damit viel, die es nach einem weiteren Teil, nach einer weiteren Geschichte dürstet.
Aber Fanfictions bedienen sich dieser Figuren! Die Autor*innen können doch auch eigene Geschichten schreiben!
Steile These zu behaupten, dass es nicht mehr die eigene Geschichte ist, nur weil man sich erlaubt, sie in einer bekannten Welt zu platzieren. Wer die oben genannte Behauptung in den Raum wirft, von dem behaupte ich ohnehin, dass er noch nie eine gute Fanfiction gelesen hat.
Denn eine Fanfiction unterscheidet sich, wenn gut geschrieben, nicht von einem Buch: Ich habe bereits viele Fanfictions gelesen, mit überraschenden Plotpoints, umwerfendem Stil und hervorragend entwickelten Figuren. Fanfictions, in denen die Figuren mehr Tiefe hatten als ihnen in ihrem Original zugetraut wurde. Fanfictions, in denen Autor*innen Stunden von Arbeit und Recherche investiert haben, in denen sie innovative Ideen eingebracht haben, von denen der Buchmarkt oft noch träumt. Diese Fanfictions sind mehrere hunderttausend Wörter lang, mehrmals Korrektur gelesen, die Autor*innen kommunizieren noch mit ihren Rezensenten. Sie stellen großartige Geschichten, in die sie ihr Herzblut gepumpt haben, ins Netz und bekommen kein Geld dafür.
Fanfictions schweißen Leser*innen ebenso zusammen wie es Bücher andere tun. Es ist nur in einem Portal viel leichter, sich darüber zu unterhalten. Man kann sich ebenso mit den Autor*innen unterhalten, über Ideen diskutieren und Geschichten beim Wachsen zusehen. Beim Warten auf das nächste Kapitel wird immer noch viel gefiebert, wie bei einer Serie, deren Folge erst in der nächsten Woche herauskommt.
Und alles, was sie vom als Generalisierung bekommen, ist dass sie nicht gut genug sind, weil die Autor*innen die Figuren nicht selbst benannt haben?
Jetzt: Die problematischen Inhalte. First of all: Ja, es gibt Fanfictions, die problematische Inhalte wie Pädophile oder no-consent beinhalten. But tell you what: Das gibt es auch in Büchern, die in den Medien, von Blogger*innen und Verlagen gehypt werden. Ja, es gibt auch viel Schund zwischen den Fanfictions, die auf Plattformen geboten werden, weil dort jeder frei veröffentlichen kann. Aber seitdem man frei bei Amazon veröffentlichen kann, kannst du auch 99c dafür bezahlen und bekommst nebenher auch ein Buch mit xx Rechtschreib- und Grammatikfehlern und voller problematischer und schmerzlicher Inhalte.
Demgegenüber stehen Content Warnings, die wir fast überall in Fanfiction-Portalen haben: Als Leser*in wissen wir, was wir lesen werden. Indessen wird in der Buchbubble immer noch darüber gestritten, ob es denn Zensur sei, bereits verraten zu müssen, welche sensiblen Themen man anschneidet.
Und natürlich ist dieses Konzept gefährlich für Verlage, die sich davon distanzieren möchten. Doch selbst die haben prinzipiell begriffen, dass eine Fanfiction Leute zusammenbringt und dass sie ein breites Publikum haben. Das haben sie bereits genutzt: „After Passion“ von Anna Todd war eine One Direction Fanfiction. „Fifty Shades of Gray“ war eine Twilight Fanfiction.
Zweiteres wurde bereits in mehreren Filmen adaptiert, zu Anna Todds Reihe ist bereits ein Trailer heraus. Das sind Fanfictions gewesen – problematische Fanfictions, das möchte ich hinzufügen. Wie der Buchmarkt aussieht und wie er funktioniert, sehen wir auch hierbei: Es werden problematische Inhalte reproduziert, wenn sie sich verkaufen. Während Fanfictions bereits vor sensiblen Themen warnen, bläst der Buchmarkt sie immer noch pfeifend und ungewarnt in die weite Welt hinaus und labelt sie als #NewAdult.
Aber Schluss mit dem Exkurs. Wir reden über Fanfictions.

Fazit: Don’t judge your local fanfic-writer.
Eine Fanfiction zu schreiben, ist viel Arbeit. Es sollte nicht so einfach sein, eine Geschichte abzutun, nur weil sie sich auf Figuren bezieht, die jemand anderes geschaffen hat. Eine Fanfiction kann so gut sein wie jedes Buch, das im Laden steht. Es kann besser sein als die Bücher, die im Laden stehen. (Das ist ein Fakt. Ich lese derzeit eine Fanfiction die einige Bücher in meinem Regal an Raffinesse in Sachen Plot, Figuren und Stil weit übertrumpft.) Eine Geschichte zu erzählen, ist Herzensarbeit und wir müssen eigentlich ständig Liebesbriefe an Fanfiction-Autor*innen schreiben, die uns kostenlos ihre hervorragenden Geschichten schenken.
Also unterstützt bitte diese Autor*innen und ihre guten Geschichten: Teilt eure Lieblingsgeschichten. Schreibt Rezensionen. Kauft ihnen auf Ko-Fi einen Kaffee. Unterhaltet euch mit anderen über ihre Geschichten. Und an diejenigen da draußen, die noch überlegen, ob sie ihre Fanfiction schreiben sollen/wollen/dürfen: Do it. Die Welt und das Fandom braucht deine Fanfiction.

In aller Liebe,
Ali

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Das Bild ist von mir bearbeitet und stammt von rawpixels auf Unsplash.
https://unsplash.com/photos/fZ_0JXvH1iI

2 Comments Fanfictions – die unterschätzten Geschichten

  1. Jessy

    Okay, ich liebe diesen Beitrag.

    Tatsächlich bekomme ich sehr oft mit, wie bei der Erwähnung von Fanfictions die Augen verdreht werden, weil sie von „unreifen, kreischenden Fangirls“ geschrieben werden. Das ist so abwertend gemeint, dass es mir immer weh tut.
    Dabei finde ich es so schön, dass Leute irgendetwas so sehr lieben, dass sie kostenlos an Geschichten für andere arbeiten. Jeder fängt irgendwo an, und auch ich liebe es, Fanfictions zu lesen (und auch noch selber zu schreiben. Hust, Daredevil I’m looking at you, hust.)

    Noch toller finde ich den neuen Trend, in den Fanfictions gehen; wenn eigene Figuren in die Geschichte geschrieben werden, wird nun meist „you“, also die Sicht des Lesenden persönlich benutzt, anstelle der dritten Person. So bleibt alles komplett geschlechtsneutral und jeder ist mit eingeschlossen. Das müssen Bücher erst einmal nachmachen.

    Fanfictions sind meiner Meinung nach gerade für jüngere Leute wichtig, und ich möchte sie nicht missen. Zwischen Content-warnings, ersten Schreibübungen und kreativer Arbeit existieren Fanfictions als ein wunderbares Geschenk.
    Und ich habe einfach schon so viele Fanfics gelesen, die besser geschrieben waren als Bücher, die ich nicht mehr weglegen konnte.

    Deswegen noch einmal: Toller Beitrag!

    Liebe Grüße,
    Jessy

  2. Anna

    Awwww, jetzt habe ich auf einmal wieder Motivation, mich auch zum Wiedereinsteigen in eine Schreibroutine an der einen oder anderen Fanfiction-Idee zu versuchen, die auch nach Jahren Abstand von der Szene immer noch immer wieder in meinem Kopf auftauchen… Danke für den Artikel! <3

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