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Ali / Bücher

„Ein gutes Buch – über Achtsamkeit“

„Wir alle haben ein bisschen ‚Ich will die Welt retten‘ in uns.
Aber es ist o.k., wenn du erst mal nur einen Menschen rettest.
Und es ist o.k., wenn dieser Mensch du selbst bist.“

Als ich an Weihnachten „Ein gutes Buch – über Achtsamkeit“ von meinem Papa geschenkt bekommen und auf der sechsten Seite dieses Zitat gelesen habe, hatte ich prompt einen Kloß im Hals. Denn selten trifft ein Zitat so gut, nicht nur auf mich, sondern auch auf viele Menschen, die ich sehr liebe, zu. Und bei aller Liebe zur Welt, zum eigenen Schaffen und zum Mitmenschen ist und bleibt häufig eine Person auf der Strecke: man selbst.

Meine Hoffnung, beziehungsweise Forderung, an das Buch war, dass es mir beibringen sollte, wie ich lerne, mich besser um mich selbst zu kümmern.

Zunächst: Das war die grundsätzlich falsche Annahme. Achtsamkeit ist keine Information, die man aus einem Buch herausliest, auswendig lernt, es damit verinnerlicht hat und damit einen weiteren Skill fürs Leben mitnimmt.
Denn Achtsamkeit kommt nur durch eigenes Tun. Davor braucht es Reflexion, Reflexion, Reflexion.

Der Aufbau

„Ein gutes Buch – über Achtsamkeit“ ist in vier Teile gegliedert:

  • Teil 1: der Lebensplaner
  • Teil 2: monatliche Reflexion
  • Teil 3: Sachbuch
  • Teil 4: Verschiedenes

Der Lebensplaner
Der Lebensplaner bietet dabei jede Menge Material und Zeilen, die man ausfüllen kann. Von Werten und Eigenschaften, über das Niederschreiben von Dingen, für die man dankbar ist oder was dich glücklich oder unglücklich macht. Der Lebensplaner verlangt, dass du dich mit dir selbst beschäftigst. In dein Hinterstübchen kriechst. Dich da umsiehst. Da mal ein paar Kisten aufmachst und dir die ganzen hässlichen und schönen Sachen ansiehst. Damit du weißt, dass sie da sind.
Ich halte diesen Teil für ungemein wichtig; in sich hineinzuhorchen und nicht immer nur von sich wegzuhören, ist der vielleicht wichtigste Schritt, den man machen muss, um sich besser verstehen und sich entsprechend besser um sich sorgen zu können.
Doch diese Münze hat zwei Seiten. Mit der genaueren Untersuchung des eigenen Selbst wird es ganz schön oder ganz schön unangenehm. Feel-Good all along ist nicht das, was man sich erhoffen sollte, wenn man mit Achtsamkeit startet. Denn irgendwie ist man auch bei diesem Buch gelandet.
Es ist auch bei der Vielzahl der Dinge, mit denen das Buch vorschlägt, sich auseinanderzusetzen, vollkommen unmöglich, das schnell zu tun.
Für mich, die da sehr ungeduldig ist, ist das anstrengend. Aber in sich geschlossen und reflektiert betrachtet ist es unwahrscheinlich klug: es werden keine allzu einfachen Fragen gestellt. Es gibt kein Richtig und es gibt kein Falsch. Der Lebensplaner bietet einen sehr privaten Bereich, der sich mit sehr viel mehr als Zielen und Ansprüchen auseinandersetzt. Und darüber hinaus damit, weshalb wir Ziele und Ansprüche haben.

Monatliche Reflexion
Die monatliche Reflexion ist auf zwei Seiten abgedruckt und sehr klar gegliedert. Als jemand, die sich sehr ein Bullet Journal wünscht, aber keine Lust hat, sich hinzusetzen und eins zu machen, hat es viele Aspekte, die ich gern in einem Journal hätte: Was lief gut, was lief schlecht? Ein Habit-Tracker. Eine Achtsamkeitsampel – hat man auf sich gehört? Sich um sich gekümmert? Etwas Neues versucht?
Man hat auch somit den gesamten Monat im Überblick und kann am Ende des Monats bereits darauf zurücksehen, was sich am Anfang des Monats noch getan hat. Dadurch, dass die monatlichen Reflexionen hintereinander sind, ist es auch ein interessantes Protokoll für ein ganzes Jahr und kann jederzeit – da undatiert – eingesetzt werden. Immer wieder fordert es den*die Handelnde*n dazu auf, sich mit sich selbst und mit seiner Zeit und seinen Tätigkeiten zu beschäftigen. Damit, auch wenn wir in einer schnellen Zeit leben, wo Effizienz oft über das eigene Wohlbefinden gestellt wird, wird man immer wieder vor den Spiegel des Sich-Selbst-Behandelns gestellt.

Der Sachbuchteil
Es folgt, im Buch als Sachbuchteil bezeichnet, eine Sammlung von Erlebnisberichten und persönlichen Beiträgen verschiedener Autor*innen zum Thema Achtsamkeit. Es wird über Burnout, Aktivismus und Neuanfänge gesprochen. Immer wieder eine kleine Erfolgsgeschichte, nachdem zuvor einiges schief gegangen ist oder nicht erwartete Wendungen genommen hat. Dieser Teil bietet unwahrscheinlich viel Platz für Identifikation; für Momente, in denen man sich beim Lesen selbst zunickte und sich wiedererkannte. Und dabei vor allem erkannt hat: ich bin nicht allein. Ich muss keine Angst haben. Ich kann es schaffen. Am Ende wird es gut. Am Ende wird es vielleicht anders, aber es wird wieder gut.

Verschiedenes
Im Bereich Verschiedenes ist viel Platz zum Schreiben. Hier geht’s auch ums Protokollieren, aber auch darum, sich zu notieren, was man schon immer machen wollte. Wohin Reisen gehen soll, wo Ideen für Geschenke gesammelt werden und Anschaffungen notiert. Viele Seiten und Zeilen Platz für Ideen, die man während des Prozesses des Selbstverstehens bekommen kann, Platz dafür, sich zu notieren, was man jetzt tut, wenn man etwas für sich tun möchte. In diesem letzten Teil, der vielleicht mein liebster ist, weil ich ihn authentisch finde, kommt vieles zusammen: Ziele, mit Dankbarkeit, weil viel Platz für Dinge gegeben wird, die man sehr mag, kombiniert mit der Reflexion von Konsum bietet binnen weniger Seiten viel Platz, sich selbst zu verstehen. Vielleicht nicht in kleinen Schritten und so dezidiert, wie es im Lebensplaner der Fall ist, doch aber sehr vorstellbar und im Alltag gut verständlich.

Kritik
Beim Anlesen des Buchs ist mir gleich klar geworden, dass Achtsamkeit mehr ist als eine Fähigkeit und nichts, worin man auslernen kann. Das war die wichtigste Lektion, die mich das Buch, direkt nachdem ich es erhalten habe, gelehrt hat.
Auch seine teils für mich noch schwierige Handhabung, weil es mich zum Innehalten zwingt, beweist nur weiter, dass es ein Bereich ist, der einen langen Weg bedarf. Und genau deswegen muss man sich vor der Anschaffung des Buchs fragen: möchte ich das?

Denn neben vielen Dingen, die dieses Buch bietet, bietet es eines nicht: Lösungen.

Es kann nur einen Prozess unterstützen. Es ist unnötig, sich ein schnelles Ergebnis zu erhoffen. Das Buch erfüllt keinen Selbstzweck, es ist nicht sonderlich dekorativ oder hübsch. Man kann es nicht drei Minuten lesen, Informationen haschen und klüger hinausgehen. Das Buch ergibt für den*die Nutzende*n nur Sinn, wenn es verwendet wird.

Deswegen hadere ich noch. Deswegen ist es immer noch nicht leicht. Der Monat Januar fing für mich gut an, dann verschwand meine Motivation für das Protokollieren wieder. Denn Verwendung passiert nur durch Verwendung und Verwendung durch einigermaßen viel Disziplin und Konsequenz und das ist auch wieder Arbeit, für die man sich Zeit nehmen muss und die ich mir selbst nehmen muss.

Und neben diesen klaren Problemen, die ich selbst in das Buch mitbringe, habe ich mit seiner Struktur gehadert, die für mich das vielleicht größte Problem des Buchs darstellt.
Ich kann nicht erkennen, weshalb Abschnitte im Buch so angeordnet sind. Ich kann den roten Faden nicht erkennen, der es ist, der mir schrittweise helfen wird, mich eventuell auf den richtigen Pfad – oder einfach: einen achtsameren Pfad – zu bringen.

Auch der Sachbuchteil hat mich enorm verwirrt. Es wurden interessante Konzepte vorgestellt, auch viele persönliche Geschichten und Anekdoten zum Besten gegeben. Ich habe viel von mir selbst darin wiedergefunden.
Doch hatte ich Schwierigkeiten mit Auffassungen; dass es beispielsweise eine gute Idee wäre, weniger Fast Fashion zu kaufen, weil das Aktivismus für Faule ist und man das prima vom Sofa aus machen kann.
Natürlich ist das inhaltlich nicht vollkommen zu verachten, weil der Urheber recht damit hat, dass man beim Vermeiden von Fast Fashion die Umweltverschmutzung nicht begünstigt und Firmen nicht mehr unterstützt, die ihre Mitarbeiter*innen beschissen bezahlt. Aber, so gab mir der Abschnitt das Gefühl, wäre das völlig ausreichend und mir fehlte die Differenzierung.

Auch das Thema Achtsamkeit in Zusammenhang mit totaler Fokussierung auf ein Projekt – wodurch sämtliche Freizeit und Zeit mit Freund*innen zerkleinert wurde – als ein gelungenes Projekt zu beschreiben, passte für mich, die Achtsamkeit erst lernen möchte, nicht zwangsweise.

So informativ und spannend die Beiträge gewesen sind, sind sie mir inhaltlich in ihrer Sinnhaftigkeit im Kontext des Buchs über Achtsamkeit nicht unbedingt klar gewesen. Auch der rote Faden war für mich nicht immer klar erkennbar. Wohin sollte ich danach gehen? Sind das reine Informationen? Sind es Motivationen? Der Sachbuchteil hinterließ mich mit gemischten Gefühlen.

Fazit
Ich mag „Ein gutes Buch – Über Achtsamkeit“. Ich bin froh, dass ich dieses Buch zu Hause habe. Denn auch damit, dass es mir gezeigt hat, was Achtsamkeit alles nicht ist, hat es mir schon viel beigebracht. Es gibt mir gute Möglichkeiten, mich selbst besser zu verstehen. Denn Reflexion ist der Weg zur Besserung. Und dafür bedarf es ehrlicher Reflexion, ohne Ausflüchte, ohne Entschuldigungen, ohne Scham vor dem Selbst.
Für mich als unglücklich erwiesen hat sich, dass es nicht der Kalender ist. Im Kalender von Ein Guter Verlag, der da „Ein guter Plan“ heißt, gibt es ebenfalls viel zu Achtsamkeit und Selbstliebe. Dieser erfüllt dann mehr als seinen reinen Protokollierungszweck, was für mich enorm wichtig ist, weswegen ich mir beim nächsten Mal wohl den Kalender anschaffen werde.
Doch alles in allem bin ich mit „Ein gutes Buch – Über Achtsamkeit“ zufrieden und würde es, mit den Hinweisen von viel Arbeit, die da auf einen zukommt, weiterverschenken oder weiterempfehlen.

Ali

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