skepsiswerke

Ali / Schreiben

Die Protagonistin und ihr Bad Boy

Einen Bad Boy im Buch zu identifizieren, ist sehr leicht.

In der Einleitung kommt es zu einem (un)verhofften Zusammentreffen zwischen der Protagonistin und des Bad Boys. Wie sie sich wohl kennenlernen?
Nun, die meist gewählte Variante ist wohl die, dass sie ihn zufällig kennenlernt. Höchstwahrscheinlich wird er sie fies anmachen. Dabei hat er sie angerempelt. Oder: er rettet sie. Ob vor einem Auto, das sie fast überfährt oder vor dem Scheißkerl, der sie in der Bar anmachte. Seine moosgrünen/ozeanmittelmeerblauen Augen/ grüngraublaubraunalles Augen mit silbernen Sprenkeln und Goldglitzer kann die Protagonistin nicht vergessen. Ob er sie nun verspottet und dann gegangen ist, oder einen nachdenklichen Blick in die Ferne richtet und dabei sein gefährliches, auf den ersten Blick klar bedeutungsschweres Tattoo am Hals entblößt, sei dabei einerlei. Wir wissen bereits: Die Protagonistin wird ihm bedingungslos verfallen.

Der Bad Boy ist eine Figur, die wir in etlichen Liebesromanen erleben. Nicht immer sind alle Kategorien, die oben genannt sind, in dieser Art und Weise erfüllt. Aber so ist er doch in neunzig Prozent aller Fälle eines: gefährlich und auf den ersten Blick nicht für jede Frau zugänglich.

Meist als Muskelprotz, der nie ins Fitnessstudio geht, aber dafür ein beachtliches Sixpack vorweisen kann, ist der Bad Boy derjenige, der die eingehendste Beschreibung aller Figuren erhält. Als Indikator für die Gefahr steht neben der obligatorischen Lederjacke auch gern ein schnelles Fahrzeug. Das kann sowohl ein Motorrad sein, das bei Wind und Wetter gefahren wird (ohne Motorradkleidung versteht sich) oder ein teurer BMW, der schwarzschimmernd im Licht des Morgens glänzt.
Im Auftreten wirkt er häufig unnahbar. Das kann durch seine abwehrende Haltung (durch immer verschränkte Arme und immer zurückgelehnt sein) ausgelöst sein. Oder durch seine Wortkargheit, seine Arroganz, die Kälte, das Wegstoßen der Frau, die er, laut Buch, am meisten liebt, hin und wieder auch durch öffentliche Demütigung dieser.

Was wir beim Lesen schnell lernen werden: der*die Autor*in wird uns nahe bringen wollen, dass der Bad Boy dafür gute Gründe hat. Vielleicht hat seine Familie Probleme, vielleicht hat er eine schwere Kindheit gehabt, jemand, den er liebt, ist gestorben. Vielleicht hat er Schuldgefühle, vielleicht ist er Schuld. Vielleicht hat er eine Posttraumatische Belastungsstörung, schwere Depressionen oder eine bipolare Störung. Aber vielleicht ist er auch einfach ein Narzisst, ein Soziopath oder Psychopath. Das eigentlich interessante ist, dass hier oft das eine mit dem anderen gleichgesetzt wird.
Denn da der Bad Boy nichts für seine Verfehlungen kann und sein Herz aus Gold ist – er will in seiner rasenden Eifersucht, mit seiner Besitzergreifung der Protagonistin nur das Beste – wird die Protagonistin ihm verzeihen. Sie verzichtet auf Respekt. Sie verzichtet auf die Freiheit, sich mit bestimmten Personen treffen zu wollen. Sie verzichtet auf eigenen Raum, um sich zu entwickeln. Der Raum, in dem sie sich entwickelt, ist der des Bad Boys.
Die neue Aufgabe der Protagonistin wird fortlaufend sein, sich um den Bad Boy und seine Mental Health zu kümmern. Eventuell ist er nicht in der Lage, sich zu entschuldigen. Eventuell weiß sie noch nicht mal, was er für ein Problem hat. Aber sicher ist, dass sie ihm helfen wird, seine Dämonen zu besiegen. Denn als die Frau, die der Bad Boy mehr als alles andere liebt, die sein Hobby, seine Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist, wird sie es schaffen, aus dem bösen Typen sein Herz aus Gold an die Oberfläche zu holen.
Und der Protagonistin? Der geht es gut. Dem Leser wird es am Ende jedenfalls in Aussicht gestellt.

Das ist der Plot, der uns als ideal in Büchern in Aussicht gestellt wird. Neben dem Reiz des Gefährlichen, der Liebesromane an den Mann bringen soll, bleibt hierbei doch eine Frage offen. Und es ist nicht die nach dem Bad Boy.
Sondern die nach der Protagonistin.

Die Frau, aus deren Sicht Liebesromane häufig geschrieben werden, dient als Boxsack. Nach der Schaffung eines äußerlichen Idealbildes ist die Persönlichkeit des Bad Boys diejenige, die so oft in letzter Zeit offenkundig und damit auch der Realität entsprechend als missbräuchlich bezeichnet wird. Um gut zu werden, um ein guter Mensch zu sein (ohne Wertung) braucht es jedoch eine Frau, die ihn dazu macht. Denn als diejenige, die hinter ihm steht, vertritt sie die richtigen Werte. Sie ist diejenige, die Richtig und Falsch voneinander entscheiden kann.

Ist es wirklich das, was gelesen werden will?

Hierbei geschieht zweierlei: durch das Bad Boy Trope erschaffen wir ein toxisches Bild von Maskulinität, das bis ins Get No romantisiert wird. Der Mann muss stark sein, er muss kalt sein, er muss sich über die Frau stellen. Solange er sie eigentlich, tief in sich drin, respektiert, darf er sie auch öffentlich demütigen. Der Mann spricht nicht über Gefühle. Zu starke Emotionen sind nicht gern gesehen; Humor und Sympathie, was ist das? Die erlebten Traumata werden nicht therapeutisch behandelt. Die Besessenheit einer Frau ist in Ordnung, sie zu kontrollieren, ihr Dinge zu verbieten, sie zu belügen oder ihr wichtige Teile zu verschweigen, weil ‚man sie beschützen will‘, ist völlig in Ordnung. Solange das Herz aus dem eigenen Gefühl am rechten Fleck ist, muss Frau das alles entschuldigen.

Hier Punkt zwei. Das katastrophale Frauenbild.
Es wird kategorisch ausgeschlossen, dass sie sich seiner nicht annehmen will. Dass sie sich nicht seiner Kälte, dauerhaften Distanziertheit aussetzen und nach flapsigen Kommentaren einfach von ihm abwenden will. Es wird hingestellt, als wären das gute Voraussetzungen, aus diesem Mann etwas zu machen. Als wäre die Voraussetzung für eine gute und funktionierende Beziehung, dass die Frau das Gute im Mann sehen muss, das er a) selbst nicht sieht, b) nicht sehen will, c) nicht daran arbeiten will. Anstatt Augenhöhe wird für Zähmung des bösen Bad Boys appelliert. Denn im Grunde seines Herzens ist er gut.

Die Ausrede, dass es sich hier einfach um Fiktion handelt, zieht nicht. Bücher sind die Spiegel unserer Gesellschaft. Als Spiegel unserer Gesellschaft wird anhand solcher kranken Liebesbeziehungskonzepte gezeigt, was für eine verkorkste Idee einer Beziehung existieren kann. Dass die verkorkste Idee einer Beziehung hier ist, dass ein Mann sich der Verantwortung entziehen kann, wenn nur eine Ausrede erfunden wird, die gut genug ist, damit sein respektloses, unaufrichtiges und übergriffiges Verhalten entschuldigt wird. Psychische Krankheiten werden nicht nur verharmlost, es wird sich an Vorurteilen bedient, sie werden als Entschuldigung für Narzissten benutzt, die glorifiziert werden.

Anstatt Trennung, wenn der Bad Boy etwas Unverzeihliches getan hat, wird behauptet, dass wenn er nur gute Gründe und eine Entschuldigung parat hat, der Grund für ein Scheiden damit aufgehoben wäre. Als wäre das undenkbarste eine Trennung. So schmerzlich sie ist, so schmerzlicher ist die Idee, dass man mit einem Narzissten zusammenbleiben sollte, weil der nicht anders kann, als sich so zu verhalten.

Der Bad Boy ist das denkbar schlechteste Trope. Der Wunsch nach Gefahr und der Thrill, den man hat, weil man diese nicht in Wirklichkeit und nur in einem Buch mit der Protagonistin nachvollzieht, ist in einer gewissen Art und Weise noch nachvollziehbar. Aber Selbstdemütigung, eine Frau in eine Duckposition zu bringen, in der sie ein ganzes Buch verbringen soll, damit sie am Ende einen warmen Platz an der Seite, doch eigentlich hinter dem Bad Boy hat, ist schlicht schädigend und erschreckend.

Es gibt allerhand andere Möglichkeiten: weshalb muss der gefährliche Mann eigentlich so verdammt scheiße sein? Kann er nicht erst abwehrend sein? Seine gute Seite selbst kennen, sie auch zeigen wollen? Kann es nicht auch sein, dass er immer Gefahr mit sich bringt? Muss er neben der Gefahr, die er in das Leben der Protagonistin bringt, selbst eine Gefahr sein, insbesondere für ihre Psyche? Ist es unmöglich, Figuren in einer brenzligen Situation gesund ineinander zu verlieben?

Die Frage muss sich jeder selbst beantworten. Aber das Trope des Bad Boys hat sich nach medialen Diskussionen, ob auf Blogs, Twitter oder anderen Plattformen, längst überholt. Dabei brauchen wir nicht nur ein besseres Bild von einem Idealmann, sondern auch von einer Protagonistin, die mehr als seine Nanny sein darf oder seine Psychologin, die ihn vor seinen Dämonen rettet. Sie darf auch eigenen Willen haben, Nein sagen, für sich einstehen und für sich selbst da sein.

Wir haben noch einen langen Weg vor uns.

Ali


Nachtrag: ich habe mich in diesem Beitrag nur an den Mainstream Buchmarkt gerichtet. Darum habe ich alle Diversität außen vor gelassen und deswegen ist auch nur von einer Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau die Rede. Der Bad Boy existiert auch in gleichgeschlechtlichen Beziehung und kann ein Bad Girl sein. Der Bad Boy kann, falls es sich um ein Geschlecht außerhalb des binären Systems befindet, beliebig durch *bad person ersetzt werden oder das jeweils dazugehörige Pronomen.


Das Bild ist hier zu finden: Lucas Filipe.

Die Schrift habe ich selbst draufgesetzt und das Bild etwas zugeschnitten; den Spruch habe ich auf einem Bild auf Pinterest entdeckt.

2 Comments Die Protagonistin und ihr Bad Boy

  1. Stefanie

    Danke für diesen Artikel! Ich beobachte schon lange wie sich dieses toxische Frauenbild rasend schnell in der U-Literatur ausbreitet. Ich bin viel auf Wattpad unterwegs und die Tatsache, wie viel junge Frauen sich dort rumtreiben, die sich mit diesem Bild und den Geschichten identifizieren, es sogar für erstrebenswert halten ist erschreckend. Wir müssen über so etwas reden. Männer sind nicht dafür da, unserem Leben Richtung zu geben. Das ist auch den Männern gegenüber ungerecht. Jeder ist für sich selbst verantwortlich. Wir können andere liebevoll unterstützen, aber nicht im Rahmen solcher Beziehungen, wie sie in den angesprochenen Romanen thematisiert werden! Du sprichst mir aus vollem Herzen!

    1. skepsiswerke

      Liebe Stefanie,
      Und du sprichst mir aus dem Herzen! Wir reproduzieren gleich doppelt toxische Bilder; und gerade in Zeiten von #metoo, wo wir wirklich das Gespräch darüber suchen, zeigt das einen unerklärlichen und ziemlich dunklen Abgrund.

      Danke Dir für deinen Kommentar und liebe Grüße,
      Alisha

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