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Kira / Schreiben

Das Leiden für die Kunst – vom Fetisch des leidenden Künstlers

 Nicht jeder, der schreibt, nennt sich Autor. Manche bevorzugen Schreiberling. Schriftsteller. Lyriker. Epiker. Dramatiker. Rhetoriker. Künstler. Egal, welchen Begriff man für sich wählt und woran man festmacht, dass es dieser Begriff und nicht einer der anderen sein soll – in den meisten Fällen reiht man sich in eine Tradition ein, die mit gesellschaftlichen Erwartungen daherkommt.

Diese gesellschaftlichen Erwartungen sind nicht immer gleich. Wer früher Rhetoriker sein wollte, hat nachgeahmt und nicht neu erfunden. Das Schreiben (oder viel mehr noch der Umgang mit Sprache) war ein Handwerk mit klaren Regeln. An die hat man sich zu halten. Wer das nicht tut, sei es, weil er nicht kann oder nicht will, versperrt sich dieser Tradition.

Eine Weile später setzt sich das Bild des Genies durch. Der Künstler als übermenschlich, als genial, als auf eine Weise befähigt, die sich durch Außergewöhnlichkeit, durch Einmaligkeit definiert. All das begründet sich in seiner Individualität. Kein anderer kann, was er kann, und im Vordergrund steht dabei das Schaffen. Aus dem Nichts lässt er Etwas entstehen und erhält dadurch nicht nur die Hoheit über dieses Etwas, sondern auch den Ehrentitel.

Wer wie ich Germanistik studiert oder an diesem Bereich interessiert ist, hat vielleicht auch schon vom Tod des Autors gehört. Für eine recht populäre Strömung in der Literaturwissenschaft stellt sich die Frage nach Autorschaft nicht mehr. Der Text wird behandelt, als sei er nur aus sich selbst heraus zu verstehen. Psychologische oder biographische Umstände des Autors spielen keine Rolle.

Das Bild des leidenden Künstlers

Jede einzelne dieser Ideen schafft ein Bild des Autors, des Künstlers, das dieser annehmen oder das ihm zugeschrieben werden kann. Und ein weiteres solches Bild ist das das leidenden Künstlers. Nicht erst seit dem 21. Jahrhundert, aber noch im 21. Jahrhundert und gerade in etlichen Online-Communities rund um das Schreiben (und sicher auch etlichen anderen Bereichen der Kunst) ist es ein prägendes, wenn nicht das prägendes Bild. Etliche Selbstbehauptungen und genauso viele Reaktionen beruhen auf der Vorstellung, dass Kunst nur dann etwas wert ist, wenn der Künstler in und an ihrer Kreation gelitten hat.

Und hey, da ist doch auch etwas dran, oder?

Tut es nicht weh, gräbt man nicht tief genug.

Schmerz, so scheint es, lässt uns Dinge klarer sagen. Setze ich mich an die Schreibmaschine und blute, wie Ernest Hemingway es vorschlug, dann impliziert das eine Ehrlichkeit, der ich mich nicht erwehren kann. Wenn ich etwas aus mir heraushole, das sich gegen diese Extraktion so sehr sträubt, dass es mir nur unter Schmerzen möglich ist, dann sind wir geneigt zu glauben, meine Präsentation davon sei echter und vor allem wertvoller. Denn wäre es nicht so verdammt wichtig, davon zu berichten, dann hätte sich der Künstler doch sicher dem Schmerz nicht ausgesetzt.

Keine Tränen beim Autor bedeutet keine Tränen beim Leser, sagt Kurt Vonnegurt, und das ist doch das Ziel, oder? Kunst, so Rainbow Rowell, soll nicht nett aussehen, sie soll erreichen, dass du etwas fühlst. Und weil es ohne einen Konflikt keine Story gibt, vor allem nicht eine solche, die sich dann womöglich literarisch wertvoll schimpft, sind das Gefühle, die angreifen, die verletzen und verwunden. Und sich dafür nicht entschuldigen: denn ihr Zweck besteht immerhin genau darin.

Wohin mit all dem Schmerz?

Aber wie es mit Zwecken so ist, kann man die verfehlen.

Und gerade in den Künsten, in denen Künstler sich und einzig sich für ihre Kunst verantwortlich machen, ist das mit dem Verfehlen, mit dem Nicht-Gelingen, mit dem Scheitern so eine Sache. Wenn der eigene Prozess so eng mit der Identität verbunden ist, dass man sich selbst und all seine innersten Gedanken und Emotionen ausbeuten muss, um das Nichts zu füllen, in dem man sein Etwas kreiert, auch wenn es in Handlung oder Charakterzeichnung nicht autobiographisch zu verstehen ist, dann ist es oft nicht nur ein „Das hat nicht geklappt“, sondern ein „Ich habe nicht geklappt“, das empfunden wird. Ich habe versagt. Ich schreibe schlecht. Ich bin schlecht.

Blockaden entstehen. Krisen entzünden sich. Selbstverachtung wächst.

Und darunter leidet längst nicht nur die Kunst. Darunter leidet immer auch der Künstler. Aber statt offen darüber zu sprechen, wie gefährlich die Vorstellung ist, dass die Qualität meiner Kunst die Qualität meines Menschseins bestimmt, wird dieser Schmerz oft als etwas verstanden, in dem die Kunst wieder gedeihen kann. In der Erkenntnis der eigenen Nichtigkeit. Im Spüren des eigenen Ungenügens. Im Kampf gegen die eigenen Dämonen.

Menschen mit Blockaden wird gerne geraten, sie sollten trotzdem schreiben. Natürlich tut es weh. Es tut weh, weil es wichtig ist. Genießt den Schmerz. Stellt euch ihm. Setzt euch ihm aus. Quält euch. Und am Ende kommt vielleicht ein fantastisches Meisterwerk dabei heraus. Denn endlich seid ihr ehrlich mit euch, auf der fundamentalsten Ebene eurer Existenz, in eurem Schmerz.

Findet Schönheit darin. Lasst ihn hässlich sein. Was auch immer: Hauptsache, ihr steigt bis zur Brust in euren Schmerz hinein. Lasst euch darin treiben. Lasst ihn erst raus und dann wieder durch die Haut nach innen sickern, so oft und so lang, bis ihr ihn auf eine Weise destilliert habt, die sich dann wieder sprachlich fassen lässt.

Nur lässt das außer Acht, was das mit einem Menschen kann.

Und Künstler sind selten die stabilsten Persönlichkeiten. Etwas daran, die Welt genau genug zu beobachten, um ihre Geschichte zu erzählen, etwas daran, nicht nur mit Menschen zu leben, sondern der eigenen Empathie sei Dank auch in ihnen zu leben, sie zu erleben in all ihren unterschiedlichsten Lebensentwürfen, etwas daran, die eigene Person in Reflexionsstadien zu verlieren, lädt eine Affinität für Schmerz und Düsternis in die eigene Psyche ein.

Konflikt wird zu einer Droge, die uns Kunst beschert, ein High, das unvergleichlich sein mag, aber die uns auch abhängig macht und in den Ruin treiben kann. Den Konflikt nicht nur zu verstehen, ihn auch darzustellen, ihn also in- und auswendig zu kennen, das kann einen Tribut fordern. Das muss bezahlt werden.

Und manchmal übernimmt man sich. Manchmal kommt man mit dem Abzahlen nicht hinterher. Die Kraft reicht nicht mehr aus, um sich mit der Hässlichkeit der Welt auseinander zu setzen. Oder sie reicht nicht, um sie anschließend auf eine Weise zu verarbeiten, in der andere Menschen die Wahrheit schauen können.

Aber das ist nicht vorgesehen. Und das kann gefährlich werden.

Richtig und Falsch – das Ding mit dem Absoluten in der Kunst

Vor allem, wenn man die Welt in einer Binarität von Richtig und Falsch betrachtet, so wie Menschen es gerne tun. Denn während es sie geben mag, diejenigen Künstler, denen die Reflexion des eigenen Schmerzes das Tor zur Kunst öffnet und die darin natürlich jedes Recht auf ihren Prozess und die daraus resultierende Kunst haben, ist es problematisch, zu glauben, das sei der einzige Weg.

Isaac (@unpolar auf Twitter) hat es treffend beobachtet:

Es muss möglich sein, einen anderen Zugang zu seiner Kunst zu finden als den des Schmerzes. Ich muss nicht ständig auf der Suche sein nach dem, was mich zerlegt, was mich zerreißt, was mich bluten und leiden und ein kleines bisschen sterben lässt. Die beste Kunst ist nicht die, die ihren Künstler ruiniert.

Und entsprechend muss ich mich auch nicht immer tiefer in die Spirale stürzen. Es gibt keinen Preis dafür, auf ewig mit allem unzufrieden zu sein, das man schafft. Immer zu glauben, dass es noch ehrlich, noch schmerzlicher, noch treffender geht. Aus diesem Mehr an Schmerz, das ensteht, indem man alles, was man kreiert, erstmal als ungenügend ablehnt, entsteht viel mehr Schaden als Gewinn und Kunst ist kein Zweck, der das Mittel heiligt.

Gleichzeitig muss es jedoch auch eine Möglichkeit geben, das eigene Schreiben zu reflektieren, seine Stärken und Schwächen zu erkennen und anzunehmen und, so man es für produktiv hält, an ihnen zu arbeiten. Und das ohne dabei in eine Position des Selbsthasses abzurutschen. Ich wiederhole es noch einmal, weil man es vermutlich nicht oft genug sagen kann:

Die Qualität meiner Kunst bestimmt nicht die Qualität meines Menschseins.

Heißt so viel wie: lassen wir uns nicht einreden, wir müssten an unserer Kunst leiden, damit es Kunst ist. Lassen wir uns nicht einreden, dass unsere Kunst wichtiger ist als wir.

Wenn wir an unseren Schmerz gehen, um eine Geschichte mit ihm zu fundieren, wenn wir an Erinnerungen oder Verletzungen gehen, um Charaktere zu modellieren, dann ist das unser gutes Recht und oft genug hat das in der Vergangenheit beeindruckende und bewundernswerte Werke hervorgebracht. Wichtig ist bloß, dass wir uns nicht aus den Augen verlieren. Dass wir uns nicht dem Ruin anheimgeben. Viel bemerkenswerter als ein Kunstwerk, für das du dich tötest, sind zwei Kunstwerke, in denen wir deine Stimme spüren können. Sind drei, sind vier, sind fünf Kunstwerke. Sind zehn, sind zwanzig, sind dreißig Kunstwerke in den unterschiedlichsten Stimmungen, aus den unterschiedlichsten Quellen, durch die unterschiedlichsten Prozesse.

Dass etwa Van Gogh depressiv war und deshalb in ständiger Selbstkritik gefangen, hat seine Kunst nicht besser gemacht. Es hat nur dafür gesorgt, dass wir heute weniger davon haben, als wir es bekommen hätte, wäre seine Depression angemessen behandelt worden.

In diesem Sinne: seid nicht der leidende Künstler.

Seid ihr selbst. Seid der Künstler oder die Künstlerin, der_die ihr seid.

Und seid es so gesund wie möglich, damit ihr es so lang wie möglich sein könnt.

Passt auf euch auf. Und passt auf die Künstler um euch herum auf. Die Welt braucht uns. Jeden einzelnen von uns.

Also … auf dass wir keine Manuskripte mehr in Blut schreiben, ohne zumindest vorher die Wunden zu verbinden.

 

In aller Liebe, Kira

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