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Das Ende von Eddy – Édouard Louis

INHALT

Eddy wächst in einer sozial schwachen Familie in einem Dorf in Frankreich auf, immer mit brutalster Demütigung, Mobbing und Schlägen konfrontiert, aufgrund seiner fehlenden, aber hochgepriesenen Männlichkeit des Dorf, seines femininen Gangs, seiner höheren Stimme und weil er schwul ist. Von seiner eigenen Biografie inspiriert erzählt Édouard Louis in Das Ende von Eddy von der alltäglichen durchlebten Gewalt des zutiefst konservativen und über gendertypische Rollen nicht hinausdenkende Dorf und der schlussendlich geglückten Flucht aus der brutal genormten Heimat, wo er sein Alter Ego Eddy zurückgelassen hat.

Buch: Das Ende von Eddy

Autor: Édouard Louis

Verlag: FISCHER Taschenbuch

Taschenbuch: 208 Seiten

Sprache: Deutsch

Preis: 9.99€


TW: Aufgrund der Beschreibung des Buches könnten homofeindliche Inhalte und Beschreibungen von Mobbing wiedergegeben werden.


Ich habe das Buch vor ungefähr einem Jahr gekauft und habe es dazwischen zwei Mal gelesen. Nach dem ersten Mal hat es mich so nachhaltig schockiert, dass ich ein paar Minuten weder sprechen, noch denken konnte, ich konnte kaum begreifen.

Eddy, den wir zu Beginn kennenlernen, kennt sich selbst und seine Geschichte bereits zu Beginn des Buches und mit einer rabiaten Ehrlichkeit erzählt er über sich selbst; dass er femininer* ist, als die anderen Jungs im Dorf, dass er von kleinauf immer wieder Tussi zu hören bekommt, dass er keinen Anschluss findet, dass mit einem Mal diese beiden Jungen im Schulflur auf ihn zukommen, ihn anspucken und fragen, ob er denn der Schwule wäre, ohne, dass er sich je mit den beiden unterhalten hat. Wo Selbstverleugnung erstrebenswerter ist, weil man, wenn man anders ist, keine Chance hat, auf Dauer Anschluss zu finden und nicht ausgegrenzt zu werden. Alle Mechanismen werden in Gang gesetzt: der Tagtraum von einer Besserungsanstalt, wo man ihm beibringt, dass sein Hüftschwung beim Laufen aufhört, wo er Stimmentraining bekommt, wo man einen echten Kerl aus ihm macht; Beziehungen, die er mit Frauen sucht, um sich sein Begehren für Männer nicht einzugestehen, der Wunsch nach Heilung, die ständige Frage, ob er ein Junge sein kann, weil er Männer liebt und nicht doch eher im falschen Körper geboren ist, weil die Möglichkeit dass ein Mann einen Mann lieben kann nicht denkbar in einem Dorf mit den Werten ist, weil es niemanden gibt, der Heteronormativität nicht als gegeben ansieht.

 

Hilflos angesichts dieses Geschöpfes, das ihnen so fremd war, versuchten meine Eltern verbissen, mich auf den rechten weg zu führen. Sie regten sich auf, sagten, wenn ich es hören konnte, Der ist nicht ganz sauber; der ist nicht richtig im Kopf. Meistens nannten sie mich Tussi, und Tussi war das schlimmste Schimpfwort, dass es für sie gab – erkennbar an dem Tonfall, in dem sie es sagten -, aber am meisten Abscheu ausdrückte, weit mehr noch als Idiot oder Blödmann. In ihrer Welt galt Männlichkeit derart unangefochten als das Größte, dass sogar meine Mutter von sich selber sagte Ich lass mir nichts gefallen, ich hab schließlich Eier in der Hose.

S.27

Die Wörter manieriert, mädchenhaft waren fortwährend aus den Mündern der Erwachsenen um mich zu hören: nicht nur auf der Schule, nicht nur von den beiden Jungen im Flur. Wie Rasierklingen waren sie; wenn ich sie hörter, zerfetzten sie mich stunden- und tagelang, ich wiederholte sie andauernd selbst. Sagte mir, die Leute hätten recht. Ich wollte anders sein. Aber mein Körper gehorchte mir nicht, die Verunglimpfungen setzten sich fort.“

S. 77

 

Und immer wieder das Mobbing in der Familie und in der Schule, überall dort, wo Eddy hingeht, nie wirklich Akzeptanz. Dabei die grausamste Seite: Das Resignieren. Das Nicht-Gewöhnen-Können an den Schmerz. Der tiefe Wunsch und die größte Angst, nicht an vorderster Front, dass es aufhört, sondern vor allen Dingen, dass niemand herausfindet, dass es zwei Jungen an der Schule gibt, die dich in einer Ecke beschimpfen und bespucken und dass andere mit leiser Stimme über einen herziehen.

 

Wir lernen das Dorf kennen, eine Provinz in Nordfrankreich, wo jeder jeden kennt und wo die Geschlechterrollen sich seit dem neunzehnten Jahrhundert nicht verändert haben. Da sind die Männer und ihr scheinbar männliches Verhalten, das ganz typisch, geduldet und gewollt ist: das Trinken im Alter, der Brutalität bei Prügeleien, schlechte Schulbildung, weil ein echter Kerl eher an seinem Moped schraubt, als über Schulbüchern zu klucken. Die Männer, die die Mittelschule besuchen und sich nach dem Abschluss in der Fabrik nebenan wiedertreffen, wo sie bis ins hohe Alter hart Arbeiten und alle die gleichen Rückenleiden haben, nach denen sie sich kaum bewegen können. Die Frauen demgegenüber, die ebenso perspektivlos bleiben und überwiegend Kassiererinnen werden, die nicht arbeiten sollen, die den Haushalt machen und die Kinder versorgen und von dieser Stelle in ihrem Leben niemals wegkommen werden, weil das ihre einzige und wichtigste Funktion zu sein scheint.

 

Aber sein Temperament war wieder einmal mit ihm durchgegangen. […] Das entsprach seiner Rolle als Mann. Besonders glücklich war er, wenn meine Mutter in dasselbe Horn stieß, wenn sie sagte Na ja, was willst du, Jacky ist eben so, er ist ein Mann, Männer sind so, er regt sich halt schnell auf, und dann kriegt er sich nicht wieder ein. Er tat dann so, als würde er nicht hören, was meine Mutter sagte, aber er lächelte unwillkürlich voller Stolz.“

S. 43

Es wird so deutlich sozialer Status angerissen wie in keinem Buch, was ich zuvor gelesen habe. Es wird er Finger nur auf die Wunde gelegt, aber wie es schmerzt. Wie authentisch Armut beschrieben wird, der Hunger, der Versuch des Kaschierens dessen vor Kindern. Aber auch die hässlichen Seiten, die in diesem Zusammenhang aufkommen können in dem Leben, das man lebt: der Rassismus, die Homophobie, die Angst vor Ärzten, die über Generationen weitergegeben werden, die Angst vor dem Fremden, das die eigene Situation verschlimmern könnte, den Hass denen gegenüber, die ein besseres Leben haben, als man selbst, doch gefühlt ohne Grund; wo man selbst hart arbeitet und seinen Lebensstandard zu verbessern versucht, doch immer ohne Ergebnis und immer gezwungen ist, dem Muster, mit dem man aufgewachsen und das einem quasi in die Wiege gelegt worden ist, das Leben das in die Wiege gelegt worden ist, nachzukommen und es fortzusetzen. Der Hass und die Angst sind dargestellt als ein brutales Schild vor der Konfrontation von eigenem Versagen und Unvermögen, eigenem Unverständnis und unmöglichen Ideen, die in das kleinste Bild dessen, was von der Welt gesehen und gesehen werden will, nicht hineinpassen können.

 

Sie hatte mir zu verstehen gegeben, dass sie zu einer wertvolleren Welt gehöre als ich. Während ich die Zeit an der Bushaltestelle totschlug, lasen Kinder wie Amélie Bücher, die ihre Eltern ihnen geschenkt hatten, sie gingen ins Kino und sogar ins Theater. Abends sprachen ihre Eltern beim Essen über Literatur und Geschichte […]. Amélie wurde von ihren Eltern zu Tisch gebeten, bei uns gab’s was zu futtern. Mein Vater rief sogar meistens fressen kommen. Als ich Jahre später gegenüber meinen Eltern das Wort zu Abend essen benutzte und nicht futtern sagte, spotteten sie Wie der jetzt redet, für wen hält der sich. Geht in die Stadt zur Schule und macht gleich einen auf feiner Herr, kommt hier an und redet wie ein Studierter.

Wie ein Studierter reden, das hieß auftreten wie die verhasste Klasse, die Feinde, die was haben, die Reichen.“

S. 99

 

Das Ende von Eddy ist ein so mit Gewalt geladener Roman, darin aber so authentisch, dass ich das Buch wirklich nur jedem ans Herz legen möchte, der dafür bereit ist und dafür die Kapazitäten hat.

Es ist politisch, es ist gesellschaftlich, es ist persönlich und es ist aus meiner Sicht darin unglaublich wichtig; ich habe meine eigenen Identifikationspunkte darin gefunden und als ich sie beim zweiten Lesen wiedergefunden habe, hat es mir die Tränen in die Augen getrieben und mich zitternd hinterlassen. Es verlangt unermesslich viel von Leser, es bis zu Ende zu lesen, denn es scheint nur zu nehmen und es schlägt immer nur zu. Es ist keine Unterhaltung: Das Ende von Eddy ist Literatur und was für welche. Denn es vermittelt, es lehrt, es entwickelt und es scheint doch nur schwarze Buchstaben auf weißen Untergrund gedruckt. Es gibt keinen Moment des Wohlfühlens, denn das Buch, die Geschichte, der Autor will nicht gefallen, er will nicht interessieren, er will echt bleiben und das schafft er ein ganzes Buch über.

Falls ich es noch nicht gesagt habe: Es gibt kein Buch wie Das Ende von Eddy, keins, was aus meiner Sicht so relevant ist.

B E W E R T U N G

TIEFE: 5/5 Punkte

CHARAKTERE: 5/5 Punkte

KONZEPTION: 5/5 Punkte

GESAMT: 15/15 Punkten

Kaufempfehlung: Die Bewertung ist selbsterklärend; definitiv ein Ja, mit dem wichtigen Hinweis, dass man wissen sollte, worauf man sich einlässt.

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