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Alltag / Kira

»constantly unlearning« – Warum »nett sein« nicht reicht

Menschen reagieren auf Missstände, die von marginalisierten Gruppen zur Sprache gebracht werden, häufig damit, dass man einfach zu allen Menschen nett sein sollte. Alle Menschen seien gleich. Also behandle man auch alle Menschen gleich. Und damit seien alle Probleme gelöst. Ein bisschen mehr Freundlichkeit und man müsse nicht mehr über Feminismus und Rassismus sprechen.

Das wäre eine fantastische Idee, wenn unsere Welt so funktionieren würde.

Aber Sexismus heißt nicht, dass ein Mann nicht nett zu einer Frau ist. Und Rassismus heißt nicht, dass ein Weißer nicht nett zu einem Asiaten ist. Wir sprechen von institutionell gestützter Benachteiligung, von Diskrimination auf einem gesellschaftlichen Level. Das reicht sehr viel tiefer als fehlende Nettigkeit.

Um an die Strukturen heranzukommen, die dafür sorgen, dass in vielen Köpfen die Vorstellung vorherrscht, dass Terroristen muslimisch sind, wenn weder das Konzept noch die Zahlen das im Geringsten nahelegen, müssen wir uns mit unserer Sozialisation auseinandersetzen. Und das heißt, reflektieren, was wir gelernt haben, und das hinterfragen.

Unsere Umstände mögen uns prägen, aber wir müssen nicht ihr Produkt sein. Wir können uns darüber erheben und neue, andere Blickwinkel annehmen, diese in unsere Weltsicht einpflegen und aufgrund dieser Weltsicht Strukturen in der Welt prägen, die inklusiver und diverser sind, als die bisherigen Strukturen es waren.

Deshalb gilt es nicht, „just be kind“ zu promoten. Freundlichkeit ist gut, aber Respekt ist besser. Und was die Welt dafür braucht, ist unser „constantly unlearning.“ Unsere Sozialisation ist etwas, das von den Medien und unseren Mitmenschen immer wieder bestärkt wird. Unsere Reflexion dieser Sozialisation (die übrigens menschengemacht und entsprechend fehlbar ist) sollte deshalb genauso regelmäßig und mindestens in derselben Intensität betrieben werden.

Aber das ist unbequem. Und es ist anstrengend. Und es wäre so viel leichter, es nicht zu tun.

Nur darf das keine Option sein. Solidarität ist ein prägendes Prinzip unserer Menschlichkeit. Wir brauchen einander, um zu überleben. Um gut zu leben. Also lasst es uns (wieder) leben. Gemeinsam. Denn wenn auch jeder seinen eigenen Einsatz bringen muss: niemand muss es alleine tun. Es gibt Hilfestellungen, es gibt Mitstreiter, es gibt Erfolgsgeschichten. Es ist ein langer Weg, aber wir werden, während wir ihn gehen, zu Menschen, die ihn meistern können. Und das ist verdammt viel wert.

Alle Hilfestellungen und Anlaufstellen, die ich gefunden habe, kann man letztendlich mit einer Bereitschaft, zuzuhören, zusammenfassen. Ein paar will ich trotzdem nennen, um es denjenigen, die dazu lernen wollen, einfacher zu machen, damit anzufangen.

  1. Gespräche

Obwohl das persönliche Gespräch mit Freunden häufig dasjenige ist, das die meisten Rückfragen zulässt und am nächsten an die Probleme und Lebenswirklichkeiten heranführt, ist zu bedenken, dass niemand dir Auskunft schuldet. Eine sich als non-binary identifizierende Person kann mit noch so vielen cis Personen befreundet sein, sie ist nicht deren Nachhilfelehrer. Es gibt Grenzen und diese müssen unbedingt eingehalten werden.

Aber gerade in Zeiten der Social Media gibt es etliche Gespräche, die öffentlich geführt werden und an denen man auf diese Weise teilhaben kann. Gerade auf Twitter oder auch Instagram wird oft aus dem eigenen Leben berichtet, dort werden konkrete Erfahrungen reflektiert und man kann, wenn man gut zuhört, viele Aspekte finden, in denen man das eigene Verhalten überdenken und anpassen sollte. Wenngleich einem klar sein muss, dass auch marginalisierte Personen nicht ausschließlich über die Diskriminierung sprechen, die sie erfahren, und das auch in keinster Weise ihre Pflicht ist.

Zum Beispiel lerne ich von @redridinghood_ enorm viel über die Lebenswelt einer trans Frau.

  1. Vorträge

Seien es „echte“ Vorträge auf Veranstaltungen, die man besucht (ich denke etwa an die Session von Dana Diezemann auf dem litcamp18, über ihre Erfahrungen als trans Frau), oder seien es Channel auf Youtube oder Podcasts, die verschiedenste Themen für uns aufbereiten – wenn jemand sich die Zeit nimmt, ein Thema für ein Publikum aufzubereiten, hat man eine großartige Chance, Neues dazuzulernen. Außerdem schafft das Orte, an denen Rückfragen explizit erwünscht sind. Nicht alle werden dort beantwortet (denn nicht alle schaffen es, respektvoll Fragen zu stellen), aber die Chance dafür ist sehr viel größer, wenn ihr an jemanden herantretet, der sich gerade freiwillig in einer Vermittlerrolle befindet.

Zuletzt hab ich da den Youtube-Channel von @jackisnotabird entdeckt, der viel über sein Leben als trans Mann berichtet.

  1. Medien

Wir konsumieren mehr medial aufbereitete Information als sonst eine Generation vor uns. Entsprechend wichtig ist die Rolle von diverser Repräsentation in den Medien. Nicht immer gelingt sie, aber wo sie es tut, gelingt häufig auch ein Hinterfragen unserer Sozialisation.

Das kann über Musik geschehen, das kann über Film und Serien geschehen, über Videospiele und Bücher. Mal im fiktionalen Rahmen, mal als Non-Fiktion.

Gelernt habe ich dieses Jahr zum Beispiel beim Lesen von »Americanah« von Chimamanda Ngozi Adichie, von »The Hate U Give« von Angie Thomas, von »Turtles all the way down« von John Green. Aber auch beim Schauen von Netflix-Serien, insbesondere von »One Day At A Time«, von »Dear White People«, von »Ru Paul’s Drag Race« und »Queer Eye«.

 

Wie sieht es bei euch aus? Wo findet ihr Hilfe dabei, euch weiterzubilden? Was sind Stimmen, die euch dabei helfen, diskriminierende Strukturen zu verlernen? Habt ihr Empfehlungen?

2 Comments »constantly unlearning« – Warum »nett sein« nicht reicht

  1. Jacquy

    Guter Beitrag, ich finde es auch wichtig, dass man auf die Stimmen der Betroffenen hört, statt sich einfach nur selbst seine Gedanken zu machen und zu denken „das wird schon richtig sein“, aber es ist genauso wichtig zu beachten, dass niemand einem Antworten schuldet und auch diejenigen, die einem normalerweise bereitwillig aus ihrem Leben berichten, noch soetwas wie Privatsphäre haben.

    Ich kann das Buch „Deutschland Schwarz Weiß“ sehr empfehlen, was auch noch mal aufzeigt, dass Diskriminierung viel mehr ist als das aktive Verhalten und dass es mit Nett-Sein nicht getan ist, sondern man sein Unterbewusstsein quasi neu erziehen muss.

    1. skepsiswerke

      Huch! Der Kommentar muss untergegangen sein.
      Deutschland Schwarz Weiß hab ich tatsächlich auch zum Geburtstag bekommen. Bin total gespannt, was ich davon noch alles so lernen kann.

      Vielen Dank für deinen Kommentar.
      Ich find eben auch, genau was du ansprichst, ist wichtig. Die Balance zwischen Die anderen sprechen lassen und Von niemandem Arbeit erwarten, die man selbst zu leisten hat. Aber es gibt ja glücklicher Weise genug Überschneidungspunkte, wo sich Betroffene die Zeit nehmen und sich die Mühe machen. Das sind Angebot, die man unterstützen und nutzen sollte.

      Alles Liebe,
      Kira

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