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Ali / Schreiben

Camp NaNoWriMo – Aus Liebe zum Schaffen

 

NaNoWriMo im Juli. Gibt’s. Habe ich auch eine ganze Zeit lang nicht gewusst; aber ist es doch der Monat, der genau in der Mitte zwischen April und November liegt und das Jahr schreibtechnisch in drei Teile teilt.

Hinter dem so genannten NaNoWriMo verbirgt sich längst nicht mehr der „national“ novel writing month; das Ereignis hat sich mittlerweile globalisiert. Überall auf der Welt finden Menschen auf der gegebenen Plattform zusammen, können Cabins organisieren und sich dort austauschen, selbstverständlich auch über die Projekte, den Schreiballtag und den sich daraus möglicherweise ergebenden Problemen.

Ziel ist es vor allem: 50.000 Wörter innerhalb eines Monats zu schreiben. Den inneren Kritiker auf stumm zu stellen, den inneren Lektor zu ignorieren, die Selbstzweifel auszuschließen. Eventuell das Buch, an dem man arbeitet, sogar zu beenden. Es geht darum, vor allem zu tun, genauer: zu schreiben. Zu schaffen, zu kreieren.

Aber ist es, aus der Sicht des leidenden Künstlers, überhaupt möglich? Kreieren, ja, das macht man jeden Tag, das ist Lebensphilosophie – aber auch einen ganzen Monat lang, ohne zu kritisieren, was man tut? Einfach nur schaffen?

Ich will die Ironie nicht anfangen, denn es gibt nichts, nichts, was mir ferner liegt, als jemanden zu verurteilen, dem es schwerfällt, seine Arbeit wertzuschätzen; aber neben Wörterzahlen, die in meine Blase gespült werden, wird vor allem Selbstzweifel hineingetragen. Es funktioniert nicht, es wird nichts, man wird es nicht schaffen, ach! wieso hat man es sich vorgenommen?

Ist es nicht das, was genau am NaNoWriMo vorbeigeht? Mal unsere uns selbstauferlegten Selbstzweifel gegen den Wind zu schießen? Ist das nicht die signifikanteste Idee, der Anfang, bevor man sich überhaupt einer Wortanzahl widmen kann?

Und was ist eine Wortanzahl? Steht sie nicht unbedrohlich da, wenn das nicht das Ziel ist, das man erreichen will? Wenn wir uns auf die wahre Idee dahinter besinnen, dann ist dieser Monat soviel mehr: Dann ist es die Arbeit an unserem Buch. Dann ist es nicht nur das geschriebene Wort im Manuskript, dann ist es auch das geschriebene Wort in einem Steckbrief, in einem Plot, dann sind es auch Bilder in der Graphic Novel oder dem Comic oder dem Manga, an dem wir arbeiten und das man ebenso literarisch ist und als solches gewertet werden kann.

Das Lustige oder viel mehr weniger Lustige ist doch eigentlich, dass man sich x Regeln unterworfen fühlt, was alles gilt und nicht gilt, dabei gibt es keine wirklichen Regeln. Es gibt Richtlinien, ja, die man sich ansehen und verinnerlichen kann. Aber neben diesen ist die Wahrheit, und das steht in diesem Rahmen nicht geschrieben, dass unser Buch uns braucht, um überhaupt geschrieben zu werden. Und vor dem eigentlichen Schreiben sind noch Pläne, die man machen möchte oder muss. Zu denen man sich vielleicht auch das restliche Jahr nicht aufraffen kann. Bei denen man das restliche Jahr ebenso kritisch ist wie andere zu den Worten, die sie in ihrem Buch niedergeschrieben haben, die Worte, die sich nie richtig anhören. All das hat seine Daseinsberechtigung, all das muss ebenso getan werden.

Es muss nur getan werden.

Denn ist die Vision doch auch, dass geschaffen wird und dass man einen Monat von der Idee Abstand nimmt, dass irgendetwas perfekt sein muss. Optimistischer gesagt: man soll nur einen Monat daran glauben, dass das, was man tut, brauchbar ist; einen Monat erkennen, dass auch wenn etwas nicht ganz genauso ist, wie man es sich an allererster Stelle gedacht hat, es kein Problem ist; dass nichts in Stein gemeißelt ist, dass es mit einem Fehler noch nicht zu spät ist; dass es einen Monat lang nur einen Fehler gibt: aufzugeben.

Und darin nicht aufgeben per se. Viel mehr das Aufgeben von sich selbst. Das Aufgeben aus Selbstzweifeln, weil doch der Kritiker herausgekrochen kam. Man schieße ihn in die Versenkung zurück, in das dunkle Loch, aus dem er kroch. Oder auch: Ihn zu respektieren. Mit ihm zu kommunizieren. Ja, vielleicht sollte man den Fehler nochmal umformulieren, den es als solchen gar nicht gibt. Sollte es doch eher in das hochgelobte Regelwerk von „fünfzigtausend Wörter, ein Monat, ein Buch“ aufgenommen werden, was gern totalisiert wird: „Schaffe! Gib nicht auf! Hab dich selbst lieb! Mach Pausen! Erkenne deine Grenzen! All das! Kunst! Schreiben!“

Etwas elliptisch, aber es trifft doch den Kern. Liebe, was du tust und wenn das nicht funktioniert, weil das nicht obligatorisch ist, dann versuche einen Monat radikale Selbstliebe, weil du etwas mit Worten erschaffst (oder Illustrationen oder Panels, denn auch all das kann literarisch sein). Weil du dich immer wieder an den Laptop setzt, überwindest, etwas auf das digitale Papier bringst.

Im NaNoWriMo sind abertausende von Büchern entstanden, eins davon könnte unseres sein. Etliche sind mittlerweile veröffentlicht worden, auch bei Publikumsverlagen. Bei mindestens einem weiß ich, dass es einen Preis gewonnen hat.

Nichts in diesem Monat sollten wir an uns heranlassen, was uns herunterziehen will. Stattdessen lieber die Knöchel knacken* lassen und an den Computer. An das Notizbuch. An die Liebe für die Kunst, die wir und andere machen.

In aller Liebe

Alisha


* BITTE nicht die Knöchel knacken lassen. Das ist schlecht für die Gelenke. Aber sinnbildlich. Ihr wisst schon.

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