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Alltag / Laura

Body-Positivity: Wir sind gut genug

Der Sommer steht wieder in den Startlöchern: Die Sonne scheint, der Himmel ist blau, die Blumen sprießen und … Nicht nur die Blumen sprießen und strecken ihre Köpfe der Sonne entgegen. Sondern die im Winter unter langen Klamotten versteckten Selbstzweifel.
Der Wetterbericht sagt, dass morgen schon um 10 Uhr vormittags so um die 25 Grad sein sollen, 33 Grad sollen es werden. Schon den Tag vorher wird der Kopf zerbrochen:
Was zieh ich an?

Diese Hotpants?

Nee, da drin sieht man meine Cellulite am Oberschenkel. Und die ist viel zu kurz, meine Oberschenkel sind im Winter so fett geworden! Du, Schwester/Bruder/Freund*in, findest du, ich kann das tragen oder sieht man meine speckigen Schenkel darin zu sehr? Die sehen doch aus wie zwei aufgehangene Schinken!

Was ist mit diesem Crop-Top? Ich brauche Luft am Bauch, weil … Ah, wenn ich sitze, wird man meine Speckrollen sehen. In der Ubahn wird jeder mein Fett zu sehen bekommen und meinen abnorm hässlichen Bauchnabel, über den schon Person XY einen Spruch abgelassen hat. Alle werden mich anglotzen!

Make-Up?

Nein! Ich will bräunen!
Ich meine … Ja! Ich hab zu viele Pickel. Alle werden mich hässlich finden und glauben, ich würde mich nicht regelmäßig waschen.

Und am Ende? Sehen wir zu, dass wir alle Makel verstecken, weswegen andere uns bodyshamen, anstarren oder uns schlechte Kleiderwahl für unsere Konfektionsgröße unterstellen könnten. Wahrscheinlich werden wir in dieser Kleidung sehr stark schwitzen. Weil wir Angst hatten, dass jemand, der uns sieht, uns dafür verurteilt, wie unser Körper aussieht, der offenbar nicht der gesellschaftlichen „Norm“ entspricht. Weil wir uns Dank anderen selbst verurteilen, nicht dieser „Norm“ zu entsprechen.

Nur …

Es gibt keine gesellschaftliche Norm dafür, wie unsere Körper auszusehen haben. Schönheit hat keine Norm.

Es wird immer so getan, als gäbe es ein „zu“: ein zu klein, zu groß, zu dick, zu dünn, zu trainiert, zu speckig, zu lange Beine, zu kurze Beine, Affenarme, Raptorarme, Minifüße, Riesenfüße, die Liste ist unendlich lang. Vielleicht betreffen uns einige Dinge davon sogar: Vielleicht haben ein paar von uns mehr Fett am Körper als andere oder einfach extrem große Füße, weswegen immer Schuhe in Extraanfertigung hergestellt werden müssen. Damit gehen wir jeden Tag ins Bett. Und jeden Morgen stehen wir wieder damit auf.

Und ein paar von uns hassen das an sich. Hassen ihren Körper. Sehen morgens und abends in den Spiegel und sind unglücklich, weil wir dicker sind als andere sind. Andere größere Brüste haben, ein schmaleres Becken, schöneres, dichteres Haar, einen Sixpack, die Nase von Person XY ist so gerade und schön …

„Meine Bitte an euch: Wenn ihr nach Hause geht, schaut euch nicht im Spiegel an und legt dabei die Maßstäbe der Gesellschaft an und pflegt eure Unsicherheiten. Redet mit euch selbst, indem ihr euch feiert. Urteilt nicht über andere. Ihr verdient, euch selbst zu lieben.“Iskra Lawrence


Dem entgegen setzt sich ein neuer Trend: Die Bewegung von Body-Positivity, der vor einigen Jahren in den sozialen Medien aufgekommen ist. Einige, mir bekannte Personen, die sich dafür einsetzen und auch aktiv stark machen sind: Plus-Size-Model Ashley Graham, Iskra Lawrence, ebenfalls Plus-Size-Model, aber auch die deutsche ehemalige Fitnessbloggerin Louisa Dellert, Fitnessbloggerin Anna Victoria, aber auch das männliche Brawn-Model (Plus-Size im männlichen Bereich, das für so viel steht wie „körperliche Stärke“) Zach Miko. Alle diese Menschen stehen für etwas, das man uns zu verlernen beigebracht hat: Selbstakzeptanz.

Bei Body-Positivity geht es darum, seinen Körper so zu akzeptieren und zu lieben, wie er ist. Das soll nicht bedeuten, dass wir ihn nicht verbessern möchten, um unser Wohlbefinden darin zu verbessern – aber wenn wir uns wohlfühlen, sollte uns niemals jemand dieses Gefühl kaputt machen können. Bei Body-Positivity geht es darum, seinen Körper so zu lieben, wie er ist, egal was andere darüber sagen. Egal, wie andere den eigenen Körper empfinden: Denn welches Recht hat ein anderer, etwas über einen Körper zu sagen, außer es ist sein*ihr*es eigener?

Unser Körper ist unser Tempel. Wir haben nur den einen. Und jeden Tag wachen wir auf und haben gelernt, an diesem herumzumeckern und an ihm rumnölen zu lassen. Dabei vergessen wir eine ganze Menge: Dieser Körper, in dem wir uns befinden, trägt uns jeden Tag durch die Gegend. Er entgiftet uns. Unser Immunsystem boxt sich durch Krankheitserreger, damit wir gesund bleiben. Unser Nervensystem signalisiert uns Gefahr, damit wir uns in Sicherheit bringen. Wir schwitzen, damit wir nicht überhitzen. Als Frau kann man neun Monate lang einen weiteren Menschen in seinem Körper ernähren, versorgen und schließlich unter starken Schmerzen – die an einen Herzinfarkt herankommen – gebären. Man erschafft gemeinsam mit einem anderen Menschen neues Leben. Dieser Körper bringt es zur Welt. Und den hassen wir dafür, dass er Bock auf eine Currywurst hat und keine Scham darin hat, die auch ansetzen zu lassen? Wir hassen die Haut, die an unserem Bauch zurückbleibt, wenn wir ein Kind gebären?

Oder das Gegenteil: Wir hassen, dass wir so viel essen, aber nicht mehr auf die Waage kriegen. Dabei soll da endlich ein bisschen mehr auf die Rippen – Nur der dumme, dumme Körper, der verbrennt das alles so schnell; Der will uns ja gesund halten, der ist das ganze Essen nicht gewohnt, der ist die pure Powerzelle. Und den wollen wir dafür verurteilen, dass er uns guttun will?

Kenzie Brenna: „Cellulite is just a fucking thing our bodies do. (…) Imagine if a unicorn was chopping off ist horn because it’s culture says so.“

Ein paar von uns haben wahrscheinlich eine große Nase. Und ein Haufen Frauen kriegen – um mit dem Gerücht aufzuräumen – UNABHÄNGIG von ihrer Konfektionsgröße und Ernährung, im Laufe ihres Lebens Cellulite, Männer und Frauen kriegen Speckrollen, wenn sie sitzen und haben auch welche, wenn sie stehen. Aber viele von uns haben auch tolle Augen. Wunderschönes, dickes Haar. Schöne Lippen, schöne Hände. Sie duften unfassbar gut, wenn man an ihnen vorbeiläuft. Ein paar haben auch eine Stupsnase oder die schönsten Zähne, die sich jeder auf diesem Erdball wünschen würde.

Wir haben alle unsere Makel – Und das ist auch vollkommen in Ordnung. Trotzdem hat jeder von uns auch Dinge, die absolut und ohne jeden Widerspruch bis zur Unkenntlichkeit schön sind. Setzt euch mal für zwei Minuten vor den Spiegel und lächelt euch an. Bewundert diesen großartigen Körper, den ihr habt. Und lasst euch das nicht kaputt machen, wenn ihr rausgeht – Lasst euch nicht kaputt machen, wenn jemand fragt Willst du das auch noch essen? Oder Na du hast aber zugenommen. Oder Also mit deiner Größe würde ich das nicht tragen. Oder Eine S tragen doch nur kleine Kinder. Das sind doch keine Frauen, an denen ist nichts dran! Oder Auf den Rippen von XY kann man ja Klavier spielen, DING-DE-DING-DING-DING.

Jeder, der solche Bemerkungen abgibt, geht aber unglücklich mit seinem eigenen Körper ins Bett. Ihr könnt niemanden dazu zwingen, seine Körper zu lieben, aber wann immer euch Kritik an eurem Körper von jemand anderem begegnet, schlagt sie weg. Schlagt zurück. Fragt doch mal: Und, was gefällt dir nicht an dir, dass du XY zu mir sagst? Bist du so unglücklich mit dir, dass du dich an meinem Körper störst, weil du deinen eigenen nicht mögen kannst?


„Was du von dir selbst hältst ist wichtiger, als was Leute von dir denken.“ Tess Holliday

Body-Shamed niemand anderen. Macht keine Kommentare, wenn jemand ein Kleidungsstück trägt, das ihr selber mit diesem Körper oder generell nicht tragen würdet. Wenn die Person sich wohlfühlt – Was stört es euch dann? Ihr habt den Mund zu halten, denn wenn Menschen auf eines verzichten können, dann darauf, was andere über ihre Körper denken. Und jeder, der genug mit seinem eigenen beschäftigt ist und sich mag, wie er ist, wird sich nicht an anderen aufhängen. Ich kann Scheine darauf verteilen.

Der Sommer kommt: Lasst die Selbstzweifel im Schrank. Schmeißt sie noch besser raus – Die Schweine zahlen eh keine Miete und nehmen mehr Platz ein, als ihnen gebührt. Seid ehrgeizig mit euch, arbeitet an euch: Nicht, weil ihr euren Körper hasst, sondern weil ihr ihn liebt. Lieben solltet. Akzeptieren solltet. Ihr habt nur den einen Körper und er liebt euch auch. Er will ein bisschen Luft, wenn’s warm wird und den interessieren andere Menschen nicht und schon gar nicht deren Meinung: Nur eure.

Nur eure.

Laura

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