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Gesellschaft / Laura

Anpassung oder Ausgrenzung: Unsere normierte Gesellschaft

Die Twitterbubble zeigt es: Viele von uns mussten schon öfter zu hören kriegen: „Sei doch einmal normal!“ oder „Du bist so total unnormal!“. Oder ein neuer Haarschnitt kommt rein und die Oma sagt „Du siehst ja jetzt aus wie ein Junge!“ oder „Bist du jetzt ein Mann oder eine Maus?“

Ich könnte endlos fortfahren. Solche Aussprüche sind – neben vielen anderen hochtoxischen Vorstellungen – Ernte dessen, was Normierung sät. Ein festgesessenes Bild in den Köpfen der Menschen, was „normal“ sein soll, wie ein „Junge“ (in Anführungsstrichen, weil „Junge“ ebenso ein gesellschaftliches Konstrukt ist, wie Mädchen und Geschlecht sowieso) oder auch Mann oder Mädchen und Frau.

[Nichtsdestotrotz werde ich im weiteren mit diesen Begriffen arbeiten, bis ich einen Ersatz finde.]

Wir Menschen leben in einer extrem normierten Gesellschaft. In vielen Bereichen ist es uns gar nicht bewusst, weil wir so aufwachsen: Uns erzählt man in der Schule, Kinder müssten eine Mutter und einen Vater haben. In Grundschulen wird nicht über gleichgeschlechtliche Elternbeziehungen geredet. Wir wachsen damit auf, dass es schlecht ist, mehr zu essen, mehr zu wiegen, weil die beste Körperform ist die schlanke Körperform. Wir wachsen damit auf, dass nur Mädchen und Frauen Kleider und Röcke tragen können. Kleine Jungs, die gern ein rosa Ü-Ei haben möchten und mit Barbies spielen, werden immer noch komisch angesehen, beziehungsweise davon überzeugt, dass mit Autos spielen sie männlicher machen würde und dass es „toll“ ist, männlich als Junge zu sein. Weil das nämlich total normal ist. Weil das „richtig“ so ist. Weil die Biologie und die Welt das nun mal so hergibt.

Weil daher kommt der Wind: Norm ist, was angeblich „richtig“ ist. Was die Natur uns mitgegeben hat. Weil die Welt sich reproduzieren muss, müssen Männlein und Weiblein sich lieben und weil die Natur uns da irgendwas zwischen die Beine legt, sind wir jetzt eines davon und müssen uns zum anderen hingezogen fühlen. Alles andere ist „unnatürlich“.

 

Photo by Scott Webb on Unsplash

Und das ist Bullshit. Norm ist ein gesellschaftliches, soziales Konstrukt, um Dinge zu verstehen, um Grenzen zu ziehen. Das Problem mit Grenzen? Alles was außerhalb der Grenze liegt, was ist das dann?

Dinge, die Menschen nicht verstehen, lehnen sie ab, die betiteln sie als „anders“, weil sie nicht in ihr Weltbild reinpassen, weil jemand mal gesagt hat, der perfekteste Mensch, den es geben kann, der ist heterosexuell, schlank, able-bodied, in einer monogamen Beziehung, selbstbewusst, klug, emotional stabil, ist in der Schule immer gut mitgekommen und hat sich nie herausgehoben. Er [der Mensch] war eben total normal, stinknormal, niemand interessiert sich für diesen Menschen und das ist gut so, weil er eben stinknormal ist, so wie wir alle ein sollten. Eine Bandbreite von gleichaussehenden, gleichdenkenden Aufziehpuppen, die den ganzen Tag das Gleiche erzählen, weil „anders sein“ oder „nicht reinzupassen“ die schlimmste Beleidigung ist, mit der dich jemand betiteln kann.

„Anders“ hat immer eine Diagnose: Der „Ausreißer“ hat ADHS, er wurde in seiner Kindheit nicht genug beachtet, er hat ein Trauma, er ist auf den Kopf gefallen, „Er/Sie ist eben so ein kleiner Rebell!“ oder „In meiner Schwangerschaft hab ich Alkohol getrunken“ oder „Die Eltern haben das Kind mit Absicht so erzogen, weil sie ein „anderes“ Kind haben wollten.“.

Viele fürchten sich davor. Und ein jeder, der es tut, fürchtet sich berechtigt. Denn in Schulen wird nicht gelehrt, dass es in Ordnung ist, wenn du dich nicht zum anderen Geschlecht hingezogen fühlst. Dass man dir helfen sollte, wenn du im falschen Körper geboren bist, statt dich in den pressen zu wollen, in dem du steckst. Zu wenig Eltern sagen ihren Kindern, dass sie gut so sind, wie sie sind, dass sie sie zwar auf ihre Gesundheit achten müssen, aber dass Gesundheit nichts mit einer Körperform zu tun hat.

Es wird immer noch eine gesellschaftliche Norm gelehrt, von kleinauf, jeden Tag, immer wieder auf’s Neue. Und ein jeder von uns lebt unter dem unsichtbaren Zwang, sich dieser Norm unterzuordnen. Ein jeder, der es nicht tut, wird früher oder später auf irgendeine Art ausgegrenzt werden. Und „ausgegrenzt“ bedeutet hier nicht nur aus der Gesellschaft ausgegrenzt, die ihre Mauern hochbaut, um draußen abzustellen, was sie nicht versteht, sondern innerhalb dieser Gesellschaft immer wieder hinterfragt, kritisiert und belächelt zu werden.

Mobbing in Schulen illustriert das gut: Wofür werden Kinder in Schulen gemobbt?

Dafür, dass sie „anders“ sind. Dass sie vielleicht unsportlich sind, dass sie nicht gut lesen können, dass sie zu schlau sind, dass sie vielleicht kräftiger sind als andere Kinder, dass sie vielleicht Pickel haben,  dass sie eine andere Hautfarbe haben, dass sie nicht gut deutsch sprechen, dass sie auf irgendeine Art und Weise beeinträchtigt sind, dass sie und dass sie und dass sie. Mobbing in Schulen spiegelt wider, womit Kinder heute noch immer aufwachsen: Normatisierungszwang.

Es gibt nur die Wahl: Anpassung oder Ausgrenzung.

Und deswegen passen viele von uns sich an. Die Alternative zu Anpassung scheint nur Ausgrenzung zu sein. Viele von uns haben Angst davor, „anders“ zu sein, dabei gibt es weder „anders“ noch „normal“, beides ist lediglich Konstruktion einer Gesellschaft, die nur zwei Schubladen hat.

Und wenn wir jetzt mal tief in uns gehen, für wen wir jeden Tag strugglen, sollten wir uns fragen, wem wir gefallen wollen: Der Gesellschaft oder uns?

Die Wahrheit ist folgende: Nach Anpassung kommt auch Ausgrenzung.

Aber es kommt noch mehr.

Vor allem ist die Alternative zu Anpassung eines: Freiheit.

Gleichgesinnte in der eigenen Community finden, Menschen, die dich verstehen, dir zuhören und dich akzeptieren, weil sie genau das Gleiche durchleben wie du. Weil sie auch ohne Schule und auch zum Teil ohne ihre Eltern gelernt haben, dass es in Ordnung ist, sich selbst zu lieben und zu akzeptieren und dass man auch geliebt werden kann, wenn man in kein bisher vorhandenes Schema passt.

Schubladen gab es nicht schon immer. Schubladen sind Mensch gemacht. Wir müssen uns nicht dazu legen, weil „den Anderen“ es dort gut gefällt und alle schwören, dass es der beste Ort der Welt ist. Es gibt keinen besten Ort der Welt. Es gibt einen individuellen besten Ort für jeden einzelnen von uns.

Vor allem müssen wir uns nicht dazulegen, wenn wir nicht finden, dass es der beste Ort ist, wenn wir strugglen, wenn wir uns lieber woanders hinlegen möchten, weil wir so nicht sind. Auch wenn uns welche davon hinterherbrüllen, dass es SO ABER RICHTIG IST, dass wir HIER liegen müssen und SO liegen müssen, denn nur SO ist es GUT und RICHTIG und NATÜRLICH.

Wir sollten uns da hin legen (können), wo es uns gefällt, uns so verhalten, wie es uns gefällt, sein, wie es uns gefällt und wie wir möchten und auch sind und wir werden herausfinden, dass es immer jemanden gibt, der uns dabei versteht.

Und die Individuen unserer Gesellschaft, die nicht über dessen Mauer hinaussehen können, werden irgendwann darin eingesperrt sein, während das zwanglose, nicht normierte, bessere Leben auf der anderen Seiten mit großer Party weitergeht.

 

• in großer, großer Liebe,
Laura

2 Comments Anpassung oder Ausgrenzung: Unsere normierte Gesellschaft

  1. Bernhard Hanakam

    Guter und wichtiger Artikel.

    Ich wurde damit erzogen, dass anders sein und normal sein genau das selbe sind. Dafür bin ich meinen Eltern sehr dankbar. Erlebt hab ich aber ganz andere Dinge.
    Schon in der Grundschule ging das Mobbing los, da kannte ich den Begriff noch gar nicht. Ausschlag gebend war meine Brille. Dazu kam die Höhenangst beim Klettern in Sport und die Wasserscheu im Schwimmunterricht. Dinge, die für mich heute völlig in Ordnung sind, haben andere zum Anlass genommen, mir das Leben zur Hölle zu machen. Wenn die noch gewusst hätten dass ich tatsächlich ne Barbie besaß und mir ne Weile Gedanken machte, ob ich nicht vielleicht doch aufs eigene Geschlecht stehe, wär wahrscheinlich das passiert, was einem Austauschschüler aus den USA passierte.
    Dieser war in unserer Jahrgangsstufe auf dem Gymnasium und wurde von jemandem in einer höheren Stufe unfreiwillig als homosexuell geoutet. Genau diese Stufe nahm das dann zum Anlass, ihn fertig zu machen. Er wechselte danach innerhalb des Austauschprogramms die Schule.
    Es ist kein Wunder, dass Menschen nicht zu sich stehen können, wenn sie Angst haben müssen, derart angefeindet zu werden.
    Mittlerweile kann ich zu manchen Dingen von früher stehen. Aber dafür entspreche ich keinem Ideal mehr. Natürlich weiß ich, dass Ideale sich ändern und sowieso nur ne konstruierte Norm sind. Aber dass die Gesellschaft einem ständig einredet, dass man sich als Übergewichtiger praktisch schämen muss oder dass Makel unerwünscht sind, geht natürlich auch nicht spurlos vorbei. Beispielsweise hab ich als Konsequenz einer früheren Erkrankung Narben an den Beinen. Und deswegen trau ich mich nicht, kurze Hosen in der Öffentlichkeit anzuziehen.

    Ich schweife grad ziemlich aus, sorry. Eigentlich wollte ich dem Artikel nur zustimmen und wurde etwas mitgerissen. 🙂

    1. skepsiswerke

      Hey, vielen Dank für deine Zustimmung.
      Und man, tut mir leid, dass du so viel Scheiße (mit-)erleben musstest. Manchmal sind Menschen – und Kinder leider eben oft auch – grausam und gesellschaftliche Strukturen, die sie damit rechtfertigen, dass sie gewissen Phänomenen einen „unnormalen“ Status zu schreiben, gehören einfach reflektiert und dann so gut es eben geht, abgeschafft.
      Gut, dass du inzwischen ein Standing gefunden hast, um dich jenseits einer Zwangs-Normalisierung auszuleben. Ich denke, das macht dich, dein Leben und die Welt reicher als jeder Anpassungszwang.
      Und ohne, dass du dich in irgendeiner Weise gedrängt fühlen solltest: kurze Hosen sind für alle da. Grad bei einem Sommer, den wir gerade erleben (oder vor kurzem erlebt haben). Narben hin oder her, einen Hitzeschlag solltest du dir deswegen nicht einfangen müssen. Aber ich verstehe total, was du meinst: die gesellschaftlichen Schönheitsdoktrinen sind in der Theorie leichter abzulehnen als in der Praxis. Ein bisschen Müll bleibt da leider immer hängen.

      Alles Gute dir!
      Kira

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