skepsiswerke

Bücher / Kira

Americanah – Chimamanda Ngozi Adichie

Die große Liebe von Ifemelu und Obinze beginnt im Nigeria der neunziger Jahre. Dann trennen sich ihre Wege: Während die selbstbewusste Ifemelu in Princeton studiert, strandet Obinze als illegaler Einwanderer in London. Nach Jahren kehrt Ifemelu als bekannte Bloggerin von Heimweh getrieben in die brodelnde Metropole Lagos zurück, wo Obinze mittlerweile mit seiner Frau und Tochter lebt. Sie treffen sich wieder und stehen plötzlich vor einer Entscheidung, die ihr Leben auf den Kopf stellt.

Buch: Americanah
Autor: Chimamanda Ngozi Adichie
Verlag: Anchor books
Taschenbuch: 588 Seiten
Sprache: Englisch
Preis: 7,99€

Das Buch ist im S. FISCHER Verlag auch auf Deutsch erschienen.

 

Dass Skepsiswerke sich für Diversität auf dem Buchmarkt stark macht, wird inzwischen niemanden mehr überraschen. Doch allzu oft habe ich das Gefühl, die Diversität des Buchmarktes an der Jugendliteratur zu messen, da diese wenigstens in meiner Bubble die am meisten diskutierte Literatur ist. Mit Americanah stand nun ein Buch in meinem Regal, das dezidiert kein Jugendbuch war und dennoch ganz wunderbare own-voice Repräsentation darstellt – und so fanden wir ohne größere Umwege zueinander.

Die Autorin, Chimamanda Ngozi Adichie, war mir bereits aus TedxTalks bekannt, über intersektionalen Feminismus, aber auch über die Relevanz vielfältiger Stimmen, wenn es darum geht, Kulturen annähernd realitätsgetreu zu repräsentieren. Beide Vorträge sind sehr empfehlenswert und ließen bereits darauf schließen, dass ich mit Americanah potentiell ein sehr kluges Buch in den Händen hielt.

Eine Schlussfolgerung, die nach dem Beenden der Lektüre des Romans zweifellos bestätigt ist.

Americanah ist ein zutiefst menschlicher Roman, der aufmerksam, feinfühlig, aber nicht beschönigend vom Erwachsen Werden, von der damit einhergehenden Desillusionierung, von Rassismus und dem Stigma um psychische Krankheiten berichtet. Ich habe unglaublich viel von diesem Buch gelernt: über Nigeria, über Lebenswelten, die sich von meiner unterscheiden, über Menschlichkeit, die sich kein bisschen von meiner unterscheidet, aber auch und vielleicht vor allem über den mehr oder weniger subtilen Rassismus, der unsere Welt selbst dann noch durchtränkt, wenn wir alles offensiv Diskriminierende ablehnen. Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir, so banal es auch erscheinen mag, etwa die Erkenntnis, dass „hautfarben“ immer nur helle Hauttöne denkt, nie (oder wenigstens sehr selten) aber dunkle Hauttöne meint. Die Selbstverständlichkeit, mit der ich diesen Umstand bislang akzeptiert habe, erschreckt mich.

Ifemelus Blog, den sie nach ihrer Ankunft in den USA beginnt und auf dem sie das Leben in den USA aus der Perspektive einer jungen Igbo betrachtet, liefert allerhand Einblicke dieser Art in eine westliche Welt, die Rasse erst generiert. Schwarz habe sie sich in Nigeria nie gefühlt. Das ist etwas, das die USA ihr über sie erzählen. Und so bereichern die Blogposts, die die Erzählung unterbrechen und ergänzen, die Lektüre ungemein.

Americanah ist jedoch kein Buch, das Weißen dabei helfen soll, ihren Rassismus zu reflektieren. Das ist eine wünschenswerte Nebenwirkung, aber nicht Ziel des Werkes, wie ich es verstehe. Vielmehr erzählt Adichie die Geschichte einer Americanah, nämlich die Ifemelus, und entzaubert damit die Vorstellung von den USA als das Paradies auf Erden, dem Entwicklungsländer nachzueifern haben. In allen Chancen, die das Land zu gewähren weiß, entblößt sie auch die Abgründe oder die Effekte, die scheinbar anti-rassistische Kompensationsstrategien („Ich seh keine Hautfarbe!“) aufweisen. Und obwohl all dies in einer gewissen Deutlichkeit geschieht, redet Adichie die Hoffnung, die mit diesen Vorstellungen eines besseren Lebens verbunden sind, keineswegs klein und scheut auch nicht davor zurück, ähnliche Missstände auch in der Lebenswelt Nigerias den Blicken der Leser zu öffnen. Ehrlichkeit, soweit ich sie als Laie, was nigerianische Geschichte oder Umstände angeht, beurteilen kann, ist etwas, das Adichie in ihrem Roman sehr ernstnimmt. Glaubhaft wird sie darin auch, da sie selbst in Nigeria aufgewachsen ist und zeitweise in den USA gelebt hat.

»They would not understand why people like him, who were raised well fed and watered but mired in dissatisfaction, conditioned from birth to look towards somewhere else, eternally convinced that real lives happened in that somewhere else, were now resolved to do dangerous things, illegal things, so as to leave, none of them starving, or raped, or from burned villages, but merely hungry for choice and certainty.«

[S. 341]

Erzählt werden Ifemelus Leben in Nigeria, ihre Ankunft in den USA und die enormen Probleme, vor denen sie bei der Einfindung in dieses fremde Land steht, das sich an ihren Erwartungen nicht messen lässt. Thematisiert werden in diesem Zusammenhang auch sexuelle Übergriffigkeit sowie Armut und psychische Krankheiten. Erzählt wird außerdem das schlussendliche Gelingen der Integration samt Annahme einer US-amerikanischen Bürgerschaft, jedoch nicht ohne Fragen darüber aufzuwerfen, wie sehr sie bereit ist, sich zu ändern, um besser in die Schablone dessen zu passen, was sie in den USA als schwarze Frau „zu sein hat“. Der Roman beginnt allerdings mit ihrem Rückweg. Die Zeit in den USA liegt hinter ihr, wird in zwischengeschalteten Rückblenden collagen-artig erzählt, und nun kehrt Ifemelu nach Hause zurück, nur um dort festzustellen, dass die Zeit in Nigeria nicht stehen geblieben ist, dass nicht nur sie sich geändert hat.

Ergänzt wird diese Lebensgeschichte noch um Obinzes Sicht und das sowohl in der Gegenwart von Ifemelus Rückkehr als auch in Episoden der gemeinsamen wie getrennten Vergangenheit. Er, als der große Träumer, er, als der, der im Herzen eigentlich schon fast US-Amerikaner war, bekam kein Visum. Landete stattdessen in England und zwar als illegaler Einwanderer. Der Rassismus, den er erlebte und aushalten musste, der schmerzt nicht mehr und nicht weniger als derjenige Rassismus, den Ifemelu erlebt, aber doch auch ganz andere Art und bereichert Americanah deshalb auf bezeichnende Art und Weise. Gerade auch, weil es ein viel plakativerer Rassismus ist, der noch heutzutage entsetzlich aktuell ist und das längst nicht nur im United Kingdom.

Es ist in der Betrachtung der Leben der beiden Hauptfiguren und auch in der Zeichnung ihrer Liebesgeschichte(n) (die bei Weitem realistischer, tragischer und schöner sind als alles, was Hollywood uns an Liebesgeschichten glauben lassen will) immer Adichies Feingefühl für das Innenleben und die Zwischenmenschlichkeit, für die Positionierung in Beziehungen, für die Konsequenzen, die ein Mensch für dein Leben haben kann, lässt du ihn nah genug an dich heran, dass er deine Entscheidungen (mit)prägt, die das Buch so bemerkenswert machen, wie es ist. Ihr Stil, wandelbar genug, um mühelos zwei Stimmen (und mehrere Varietäten dieser Stimmen) voneinander zu differenzieren, malt Bilder (des Großen Ganzen), generiert Zusammenhänge und bestimmt Bedeutungen, ohne je vorzuschreiben, in welcher Weise die dargestellte Menschlichkeit mit Wert zu versehen ist. Moralische Ambiguität ist ein Teil des Romans, der als völlig legitim dargestellt wird, da es dem Roman in meinem Empfinden nicht um das Stilisieren von Helden geht, sondern um das Öffnen von Lebensläufen und das Verstärken von Stimmen, die sonst nicht gesehen, nicht gehört und vor allem nicht besprochen werden.

Und dies gelingt auf eine Weise, die dieses Buch zu einem absoluten Highlight meines Lesejahres gemacht hat, und mir wie hoffentlich euch ans Herz legt, aus den Genres, in denen wir vermehrt lesen und in denen wir es uns bequem gemacht haben, hin und wieder auch einmal auszubrechen. Es sind wahre Schätze zu finden, dort draußen auf dem Buchmarkt, und sie warten nur auf uns. Wenn ihr einen Ort braucht, an dem ihr die Suche nach solchen Schätzen beginnen könnt: Americanah wird euch Lust auf die Welt machen, Lust auf Menschen und Lust auf ihre Geschichten. Und das ist ein erster, ganz eigener Schatz.

In aller Liebe, Kira

 

B E W E R T U N G

TIEFE: 5/5 Punkte

CHARAKTERE: 5/5 Punkte

KONZEPTION: 5/5 Punkte

GESAMT: 15/15 Punkten

Kaufempfehlung: Unbedingt! Der Roman sensibilisiert für und erinnert weit über die Lektüre hinaus an die eigene Menschlichkeit. Das ist ein Geschenk, das man sich nicht entgehen lassen sollte.

2 Comments Americanah – Chimamanda Ngozi Adichie

  1. Leselust Bücherblog

    Wow, Kira, was für eine beeindruckende, kritische, reflektierte und differenzierte Rezension.
    Ich kenne die Autorin auch von ihren TedTalks, die mich sehr beeindruckt haben. Gelesen habe ich von ihr noch nichts, aber es stehen mehrere Bücher von ihr auf meiner Wunschliste. Unter anderem „Americanah“, aber auch zB „We should all be feminists“.
    Deine Rezension hat mir noch größere Lust gemacht, dieses Buch zu lesen. Und ich finde es toll, wie sehr du dich mit dem Thema auseinandergesetzt hast und wie intensiv du das Buch gelesen hast. Macht echt Spaß, deine Worte zu dem Roman zu lesen.
    Also Danke für diese tolle Buchbesprechung.
    Liebe Grüße, Julia

    1. skepsiswerke

      Liebe Julia,

      man, das freut mich, dass dir die Rezension gefallen hat! Das Buch ist für mich auch ein ganz besonderer Fund und Schatz gewesen. Ich hoffe, dass es dir auch zusagen kann, wenn du es dann liest!

      Liebe Grüße und einen guten Start in die Woche,
      Kira

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