skepsiswerke

Bücher / Kira

Als Mutter verschwand – Shin Kyung-Sook

Sie schaut dich an. »Erzähl mir was über Mama.«
»Über Mama?«
»Ja, etwas, was nur du weißt.«
»Name: So-Nyo Park. Geboren: 24. Juli 1938. Äußeres: kurzes, grau meliertes Haar, Dauerwelle, ausgeprägte Wangenknochen, zuletzt bekleidet mit hellblauer Bluse, weißer Jacke und beigefarbenem Faltenrock, zuletzt gesehen …«
Chi-Hon fallen die Augen zu.
»Ich weiß nicht mehr, wer Mama ist. Nur dass sie verschwunden ist«, sagst du.

[Shin Kyung-Sook, Als Mutter verschwand, S. 184]

Lang ist es nicht, das Buch der Südkoreanerin Shin Kyung-Sook. Gerade mal 249 Seiten.
Aber was für Seiten das sind!

Erzählt wird die Geschichte von Park So-Nyo, einer älteren, südkoreanischen Frau, die auf dem Weg zu ihren Kindern ist. Ihr Mann, der Vater der Kinder, läuft voraus. Wie schon ihr Leben lang muss sie ihm hinterher hetzen. Aber dieses Mal, im vollen Seouler Hauptbahnhof kann sie nicht mithalten. Und so kommt es, dass sich die Türen der U-Bahn hinter ihm schließen und sie auf dem Gleis zurückbleibt. Er bemerkt es zu spät, steigt aber an der nächsten Station aus & fährt zurück, um sie einzusammeln.

Nur, dass sie nicht mehr dasteht.

Und auch sonst nirgendwo zu finden ist.

Park So-Nyo ist verschwunden.

Und damit beginnt es.

Die Kinder, alle längst Erwachsene mit eigenen Familien, treffen sich mit ihrem Vater und die Suche nach ihrer Mutter beginnt. Flugblätter. Annoncen in der Zeitung. Immer wieder kehren sie an den Bahnhof zurück. Aber nichts. Vereinzelte Lebenszeichen. Hinweise, die nichts ergeben. Immer kommt man zu spät, um den Schatten der Frau zu finden, zu dem ihre Mutter wird, je länger sie verschwunden ist. Gemeinsam kehren wir an Orte der Vergangenheit zurück. Zu der ersten Wohnung, in der Hyun-Chol gelebt hat, als er nach Seoul gezogen ist. In das Haus, in dem Park So-Nyo ihre Kinder groß gezogen hat. Und nach und nach entblättert sich die Geschichte dieser Frau, die kein außergewöhnliches Leben geführt hat, keine große Bildung genossen hat, nie reisen konnte, immer bloß geschuftet hat, um ihre Familie zu ernähren, und die in dieser scheinbar so banalen Menschlichkeit endlich in ein Licht gerückt wird, das ihr die Wertschätzung vermacht, die sie längst verdient hätte. Die Angst, sie vielleicht nie zu finden, sie womöglich nie wieder zu sehen, holt alles ans Licht: die eigenen Verfehlungen, all die Dinge, die man ihr verdankt und für die man sich nie bedankt hat. Fragen über Fragen, auf die es jetzt keine Antworten mehr gibt.

Es ist ein Spiegel der grässlichsten Art, der dieser Familie dort vorgehalten wird. Unsere Verfehlungen, unsere Schuld und keine Möglichkeit, es wiedergutzumachen. Einsicht um der Einsicht Willen. Die Geschichte schont uns nicht, verspricht kein Ende, das die Spannung der vorherigen Seiten auflöst, aber sie hat auch nicht vor, zu zerstören. Dieses Eindringen in die Fehlbarkeit unserer Menschlichkeit, in die Schuld, die wir selbst (oder besonders?) im Umgang mit unseren Liebsten ansammeln, selbst dann noch, wenn wir nur unser Bestes geben, es geschieht mit einer Feinfühligkeit, die der Geschichte eine Tiefe verleiht, die Empathie lehrt.

Denn Als Mutter verschwand ist kein erzieherisches Buch. Es geht nicht darum, netter zu unseren Müttern zu sein oder nach der Lektüre das Telefon in die Hand zu nehmen und ihnen mal wieder durchzuquatschen. Aber es schafft, was der koreanischen Kultur in etlichen ihrer Facetten gelingt: mit unverstelltem Blick eine Zwischenmenschlichkeit in unseren Fokus rücken und uns diese Menschen ins Herz legen. Ihre Gesichter. Ihre Geschichten. Ihr Schicksal. Wenn Als Mutter verschwand den Lesern irgendetwas näherbringen will, dann ist eine sanftmütige Empathie, die keinen Hehl aus dem Schrecklichen macht, aber das Wundervolle auch wertzuschätzen weiß.

Und darin ist es konsistent.

Erzählt wird die Geschichte in vier Parts. Vier verschiedene Köpfe, vier verschiedene Lebensabschnitte, vier verschiedene Perspektiven auf dasselbe Leben. Und wir werden mitten hineingeworfen, denn wir lauschen einer Stimme, die die Figuren (meistens) als „Du“ bezeichnet. Dadurch generiert sich eine Nähe, die uns das Gefüge dieser Familie ganz neu und anders verstehen lässt. Dieser stilistische Kniff verbunden mit der absolut grandiosen Charakterzeichnung, die keinen zu gut und niemanden ausschließlich schlecht sein lässt, hat mehr als einmal dafür gesorgt, dass es ungünstig war, dieses Buch in öffentlichen Verkehrsmitteln zu lesen.

Die Tränen, die da kommen, sind Tränen eines Kalibers, das sich nicht unterdrücken lässt.

Weil nichts überzeichnet ist, schürft es umso tiefer.

 

In diesem Sinne: haltet die Augen offen.
Wenn ihr die Chance habt, Shin Kyung-Sook zu lesen, tut es.
Wenn ihr die Chance habt, ein bisschen in die koreanische Kultur hineinzuschnuppern, tut es.
Die können Geschichten erzählen, von denen Hollywood & alles, was es prägt, nur träumen.

Eure Kira

 

Buch: Als Mutter verschwand
Autor: Shin, Kyung-Sook
Verlag: Piper
Taschenbuch: 249 Seiten
Sprache: Deutsch (aus dem Koreanischen)
Preis: 19,99€

Sie wollte nur ihre erwachsenen Kinder in Seoul besuchen, aber als sie mit ihrem Mann am Hauptbahnhof in die überfüllte U-Bahn steigen will, passiert es: Mutter geht in der Menschenmenge verloren. Und sie bleibt spurlos verschwunden – obwohl die Familie natürlich alles tut, um sie zu finden. Die Suche zieht sich über Wochen und Monate hin und wird immer aussichtsloser. Dabei wird sowohl ihren Kindern, als auch ihrem Mann zum ersten Mal bewusst, was diese Frau für sie alle war – und vor allem, wer sie eigentlich war. Ein hinreißender, anrührender, ganz und gar ungewöhnlicher Roman über Mütter und Kinder, über die Verwerfungen zwischen den Generationen und über die alles überbrückende Kraft der Liebe.

 

B E W E R T U N G

TIEFE: 5/5 Punkte

CHARAKTERE: 5/5 Punkte

KONZEPTION: 5/5 Punkte

GESAMT: 15/15 Punkten

Kaufempfehlung: Tut euch unbedingt den Gefallen!

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