skepsiswerke

Ali / Bücher

All the rage – Courtney Summers

Romys Rituale haben allerhöchste Priorität: Jeden Tag roten Lippenstift, der rote Nagellack darf nicht mal an den Rändern abgesprungen sein, bevor sie das Haus verlässt.
Die Rituale trägt sie wie ein Schutzschild vor sich her, während sie durch ihr Leben geht, in dem sie gemobbt und beleidigt wird, seitdem sie von Kellan Turner, dem Sohn des Sheriffs, vergewaltigt worden ist und keiner ihr glauben will.
Als ein Mädchen, das jeder liebt, in der Kleinstadt verschwindet, findet sie sich jedoch mehr denn je mit ihrer Vergangenheit konfrontiert wieder: und die Kleinstadt mit Romy und dem Vorfall ebenfalls.

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Buch: All the rage
AutorIn: Courtney Summers
Verlag: Macmillan
Taschenbuch: 336 Seiten
Sprache: Englisch
Preis: 7.99 €
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When I run, I don’t have to think about anything. I don’t have to think about Leon, or my underwear, or Mom, or Todd, or Penny, or Alek, or Brock. But then that last one – he comes up beside me and matches my pace. I take a quick look behind me. Everyone else specks the distance. I want to be them. They don’t have to worry about this. They can run without being chased because that’s what’s happening here. Brock is speaking to me with his body. It’s in the way he keeps it close to mine. The way he breathes, heavy and loud, I can barely hear my heart. His arms lash at the air. He’s telling me the space between us is nothing, is something he’s letting me have now. I can barely keep myself ahead of him. I’m fast, but his legs are longer.
„This too close to you, Romy?“ he pants. „Gonna cry rape?“
(Seite 45f)

Mit dem Beginn des Lesens des Buches hatte ich bestenfalls den Hauch einer Ahnung, worauf es zusteuern würde.
Denn wir haben es nicht mit einem Jugendbuch zu tun, wie ich es bis dato par exellence kannte – wir haben keine freundliche Protagonistin, mit der sich die LeserInnen identifizieren können. Auch keine überfreundlichen Nebenfiguren, keine aufgedrehte Freundin, an der man sich festhalten konnte.

Romy ist hart und ungesprächig, sie lügt häufig oder lässt bewusst wichtige Teile bei Geprächen mit anderen Leuten weg. Sie fügt Dinge zusammen, die nicht zusammen passen, nur damit sie nicht darüber sprechen muss, was wirklich passiert ist.
Und während ich in vielen Rezensionen schon gelesen habe, dass man es ermüdend findet, eine nicht 1a sympathische Hauptfigur zu haben, stimme ich dem gar nicht zu. Romy hat ihre Geschichte und in All the rage ist sie es leid, das Opfer zu sein. Sie ist es leid, darauf klein gemacht zu werden, was mit ihr passiert ist. Und trotzdem passiert es wie am Fließband. In der Schule, unterwegs, mit dem Verkäufer an der Tankstelle; die Jungen, die in den Schmutz des Autos, in dem sie fährt, „SLIT“ schreiben, „because ‚slut‘ was just too humanizing, I guess. A slit’s not even a person. Just an opening.“ (Seite 38)
Und jeden Tag dann dieses einzige Ritual, das sie irgendwie über Wasser halten soll. Bis es das nicht mehr tut.

Die Nebenfiguren spalten sich nicht in ein offensichtliches Gut und Böse. Die grauen Figuren sind mit Sicherheit Penny Young und viele der Lehrer, die sich nicht gegen Romy platzieren wollen, aber im Angesicht der Tatsache, was alle anderen über sie sagen, mit Sicherheit auch nicht auf ihrer Seite.
Die guten Figuren wirken häufig hilflos in der Geschichte: Sie werden verletzt, sie werden angelogen, sie werden angeschwiegen, sie wissen nicht Bescheid.
Die bösen dagegen sind in der Übermacht. Und sind es auch irgendwie nicht: Denn sie sind auch bemitleidenswert. Sie irren sich. Sie sind auf den ersten Blick leicht in die dunkle Ecke des Buches zu kategorisieren und dann wieder will man sie dorthin gar nicht packen, jedenfalls die meisten.

Es ist kein Buch mit Wohlfühlcharakteren und auf einige hege ich immer noch großen Hass. Aber das ganze Gefüge von Figuren, die lügen und betrügen, die dabei auch sehr leiden und die sich selbst am besten darstellen und sich selbst immer im Recht sehen wollen, ist meisterhaft. Ich war angestrengt und bin sehr an meine Grenzen gekommen, wenn Romy wieder ein mal gemobbt wurde, wenn man sie von der Seite angemacht hat, wenn man ihren Schmerz bagatallisiert hat. Wenn plötzlich die ganze Schule weiß, dass sie betrunken gewesen ist und was dann geschehen ist; dass sie sich neben dem scheinbaren attention seeking auch noch zur Alkoholikerin entwickelt, anscheinend ganz nach ihrem Vater.

Anhand dieser nicht ganz so schwarz-weißen Figuren bekommen wir ein victim blaming der schlimmsten Sorte vor Augen geführt. Romy, die ihren Crush auf Kellan hatte, bevor er sie vergewaltigt hat, hat für die Bewohner der Kleinstadt damit keinerlei Anspruch, zu behaupten, dass er sie vergewaltigt haben könnte.

And now, a wolf at the door. 
So let him in.
„Paul was at the bar the other night and laid out some pretty serious accusations. […] He said my son raped your daughter. […] Of course, no one believes it but that still doesn’t mean he can go around saying it. I want to know why he’s saying it.“
[…] They let the conversation start out with coffee, with one sugar or two and do nothing when it comes to the crush she’d been nursing on his son these months and „You can’t deny you were attracted to him.“
No, she can’t, is what her silence says back to him. […]
„You were drunk at my house, Friday night, I’ve talked to my sons and I have talked to Penny. No one else was drinking. You’re underage. I could pursue it, if I wanted. But I won’t.  […] They say you chase after him. That you wore an outfit, hoping it would catch his attention. Short skirt, skimpy shirt. […] Tell me about what you wrote in this e-mail here:
‚Penny, I want him. I dream about him.‘
(Seite 97f)

Und ich kann mit keinem Wort beschreiben, wie schmerzhaft es gewesen ist; wobei vor dem Schmerz erstmal Lähmung kam. Es kam vor, dass ich gelesen habe. Dass ich es trotzdem nicht begriffen habe. Dass ich auf eine andere Lösung gewartet habe. Es kam keine.

Der Stil des Buches ist simpel, aber harsch. Wir lesen aus dem Kopf von Romy Grey und Romy Grey macht sich keine Gedanken mehr um romantische oder sentimentale Dinge. Romy möchte ihre Ruhe und sie will meistens Konflikte vermeiden; sie analyisiert Geschehen und stellt sich dabei an den Rand, um nicht in den Fokus zu rücken, sehnt sich aber immer noch danach, irgendwie dazu zu gehören und einen Platz zu finden.
Es ist nicht immer leicht, das Buch zu lesen, aber einmal im Sog, ist es schwierig, sich daraus wieder zu lösen. Als ich das Buch beendet habe, hatte ich ein sehr hartes Krampfen in meinem Inneren und konnte mehrere Tage nicht aufhören, über das Buch nachzudenken. So schmucklos wie der Stil ist, so powerful ist die Message.

Denn die Message ist es, die wir mitnehmen sollen. Und weil ich diese so enorm wichtig finde, bin ich mit der Struktur des Buches nicht richtig zufrieden, ebenso wie mit dem Inhalt.
Wir haben Romy als eine Figur, die nach dem Vorfall immer noch traumatisiert ist, ihre Mutter, die ihrer Tochter immer noch fern ist und sie nicht mehr erreichen oder trösten kann, eine Kleinstadt, die nicht ernst nimmt, dass einem Mädchen so etwas schlimmes passieren konnte und das auch noch vom golden boy und Sohn des Sheriffs.

Der Plot, der sich ab der zweiten Hälfte darauf bezog, dass ein zweites Mädchen verschwindet, hat für mich zwar den Konflikt mit einer Konfrontation an die Oberfläche geholt, allerdings ist es da auch geblieben. Aus meiner Sicht hätte man ein weiteres Verschwinden eines Mädchens nicht gebraucht; man hätte nicht Romys zweites Trauma gebraucht, weil sie bereits eins hatte und das Buch genug Platz geboten hätte, um das thematisieren. Nicht mal um eine Lösung dafür zu finden, aber um dem, was geschehen ist, auch den Raum zu geben, denn das braucht Raum. Das braucht das Gespräch.

Das Verschwinden eines Mädchens hatte nur gering etwas mit ihr zu tun und hat die direkte Auseinandersetzung mit dem eigentlichen Problem nur verschoben, denn das hatte nichts mit Romys Eingangsproblem zu tun, dass kaum einer ernst nimmt, dass sie vergewaltigt wurde. Stattdessen hat es Romy erneut zum Opfer gemacht, ohne dass man sie in der Rolle als Rape-Survivor besprochen hat, ohne dass man die psychischen Folgen von dauerhaftem Victim Blaming besprochen hat. Man hat sich gefühlt eine Nebenbank gesucht und dabei das Problem angerissen.

Auch wenn das Buch im Plot sehr von der Thematik abgeschweift ist, ist Romy als Betroffene sehr glaubwürdig und die Figuren, sowohl diejenigen, die hilflos daneben stehen, als auch die die sie nicht ernst nehmen wollen und die, die sie selbst dafür verantwortlich machen, was passiert ist.
Und das ist erschreckend genug.

All the rage verdient seinen Titel mehr als es sollte. Denn damn, wie wütend macht es mich zu lesen, dass es wie der größte Witz erscheint, dass ein Mädchen einen Crush auf einen Jungen hat und deshalb selbst schuld ist, wenn er sie vergewaltigt, weil sie dazu auch noch getrunken hat. Wie wütend es mich macht, wenn ich das auf die Storys übertrage, die man von Rape-Surviors hört, deren Stimmen man im Keim erstickt, because they asked for it oder, wie bei Romy, short skirt, skimpy shirt.
Als ich das Buch gelesen habe, war ich schockiert und jetzt bin ich es wieder. Und immer wieder, wenn ich die von mir markierten Szenen nochmal lese, wird mir bewusst, dass wir darüber sprechen müssen. Erneut und immer wieder. Bis die Vorurteile aufhören, bis es aufhört, dass man die Schuld beim Opfer sucht.
 Das Problem bei Vergewaltigungen ist nicht, dass es theoretisch Opfer gibt, sondern dass es praktisch Täter gibt.
Es gibt keine Gründe und es gibt keine Entschuldigung, gar Rechtfertigung, jemanden zu vergewaltigen, ob derjenige sich nun angezogen von demjenigen fühlt oder nicht. Ob er sich das vielleicht immer gewünscht hat oder nicht. Wenn das Opfer nicht will, wenn es zu betrunken/stoned/high/whatever um es zu entscheiden, ist es Vergewaltigung.
Es gibt keine Begründung, die Gewalt rechtfertigt.

Proper application of nail polish is a process. You can’t paint it on like it’s nothing and expect it to last. First, prep. […] The base coat protects the nails and prevets staining.
I like the first coat of polish to be thin enough to dry by the time I’ve finished the last nail on the same hand. I keep my touch steady and light. I never drag the brush. I never go back into the bottle more than once per nail if I can help it. Over time with practice, I’ve learned how to tell if what’s on the brush will be enough.
Some people are lazy. They think if you’re using a highly pigmented polish, a second coat is unnecessary, but that’s not true. The second coat asserts the color and arms you against the everyday use of your hands, all the ways you can cause damage without thinking. […]
The application of lipstick has similar demands. A smooth canvas is always best and dead skin must be removed. […] I add the tiniest amount of balm, so my lips don’t dry out. It also gives the color something to hold on to. 
I run the fibers of my lip brush across the slanted top of my lipstick until my lips are coated and work the brush from the center of my lips out. After the first layer, I blot on tissue and add another layer, carefully following the outline of my small mouth before smudging the color out so it looks a little fuller. Like with the nail polish, layering always helps to last.
And then I’m ready.
(Seite 11f)


B E W E R T U N G
TIEFE: 4/5 Punkte
CHARAKTERE: 4/5 Punkte
KONZEPTION: 2/5 Punkte
GESAMT: 10/15 Punkten
Kaufempfehlung: Sollte man. Für die Charaktere, für Romy sollte man es wirklich lesen.

1 Comment All the rage – Courtney Summers

  1. Elena

    Tolle Rezension! Ich habe das Buch schon ewig auf den Wunschzettel, aber bisher nicht gekauft oder gar gelesen. Sollte ich dringend nachholen 🙂

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