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Ali / Gesellschaft

Produktiv, sogar im Schlaf!

Produktivität, im Online-Duden nachgeschlagen, hört sich erstmal großartig an, wenn man sich die Synonyme dazu mal zu Gemüte führt: Einfallsreichtum, Genie.
Das ist was oder? Und zusammen mit seinem Antonym, Prokrastination, kein ganz sauberes Antonym, aber ihr wisst schon, sind das wohl zwei ständig gebrauchte Wörter, die nicht nur ständig im Social Media in verschiedenen Bereichen herumschwirren, sondern auch in unserem realen Alltag unwegdenkbar sind.

Wir verlangen es uns ab und doch auch jeder andere: zu schaffen, zu kreieren, etwas herzustellen, etwas Greifbares zu machen, ein Ergebnis herbeizuführen, bestenfalls etwas, das wir sehen und anfassen können.
Das Zeitalter und die Technik sind schnell, die Anforderungen (auch die, die wir auch an uns selbst stellen) sind hoch und dann – dann sind wir müde. Dann sind wir nach Projekt eins und zwei auf der Couch. Und während wir durch die Kanäle zappen, erinnern wir uns wieder, dass da doch in uns noch Reserven sind, nur sind sie unberührt und wie holen wir sie jetzt ans Tageslicht?

Dafür findet sich eine Lösung. Wir haben schließlich Blogs, Ratgeber, Podcasts, Videos, Bilder, Motivationssprüche und mit Sicherheit noch zig andere Möglichenkeiten, wo man uns sagt, wie wir unsere letzten Reserven nutzen können.

Um vier Uhr dreißig aufstehen, dann etwas Frühsport, ach nein, direkt nach dem Aufstehen ein Glas Wasser, das reaktiviert den Körper, dann in die kleine Joggingrunde, etwas Matcha-Tee und dann Meditation, das gesunde Frühstück nicht vergessen. Unterwegs dann einen Podcats hören, beim Pendeln hat man meist die größte Down- und Lustlosigkeitsphase. Mit der To-Do oder Not-To-Do-Liste arbeiten, an den Laptop, zwischendurch ein paar Mal gehen, die Treppe statt des Fahrstuhls benutzen, Nackenübungen machen, gerade sitzen, nicht zuviel Kaffee während der Arbeit, mehr Wasser, sehr viel Wasser, an Projekt X, Projekt Y und Projekt Z gleichzeitig arbeiten, kleinere Zusammenfassungen dazu schreiben, die man später nur noch lesen muss, um sich wieder hineinzufuchsen. Zu Hause dann etwas Entspannung mit etwas Bauchmuskeltraining, das verbessert die Haltung und verhindert Kopfschmerzen, netzwerken bitte, Kontakte sind das A und O, das gesunde Abendbrot, noch ein paar schöne Stunden mit dem Partner. Abends vor dem Schlafen noch ein Kapitel aus dem Buch lesen, noch etwas Zerstreuung vor dem Einschlummern.

Es gibt unzählige Möglichkeiten eines ‚perfekten‘ Tages und ob das oben beschriebene wirklich der perfekte Ablauf eines Tages ist, sei mal so dahingestellt; fest steht, dass er vollends darauf ausgerichtet ist, dass man sich dann vor seinen Laptop setzt. Auf das ruhige und kontrollierte Gemüt. Keine unnötigen Ausreißer. Es gibt keine Fantasie-To-Do-Liste oder Not-To-Do-Liste, die für diesen erdachten Tag gemacht worden sind, aber man möchte meinen, beim Durchlesen, dass wahrscheinlich alles geschafft wurde.
Denn mit ‚unnötigem‘ Gedöns hält sich keiner auf. Kein Zappen. Kein zu langes Gespräch. Das Kapitel im Buch wurde zu Ende gelesen und das in einem zeitlichen Rahmen, der den nächsten Tag und das frühe Aufstehen am nächsten Tag um vier Uhr dreißig nicht in Gefahr bringt. Sogar der Weg zur Arbeit war produktiv: Da war ein Podcast, bei dem man etwas gelernt hat, wahlweise kann es auch ein Ratgeber sein oder ein Notizbuch, in dem man sich alles notiert, den Kalender, den man führt, Termine, die man koordiniert.
Produktiv. Rund um die Uhr. Der Schlaf, so produktiv, weil er den Tag darauf vorbereitet, auf die Arbeit, auf das Schaffen und Kreieren.

Domenico Loia auf Unsplash.

 

„Leistung ist Potenzial minus Störfaktoren“, sagt Hermann Scherer, ein Motivationspeaker, der binnen weniger Jahre vier Millionen Euro Schulden abgebaut hat. Er musste groß denken und ist aus wirtschaftlichen Gründen Speaker geworden; er hat sich gesagt, was zu tun ist und das hat er gemacht.
Inspirierend? Hell yes!
Er wäscht seine eigene Wäsche nicht mehr und er hat einen Fahrer; er tut nichts mehr, was ihn von seiner Arbeit abhält, wenn er jemanden dafür einstellen kann, der weniger verdient als er, damit er weiter produktiv sein kann.
Er hat die Vereinbarung mit seiner Familie geschlossen, nicht mehr das Haus zu verlassen, nur, wenn seine Familie ihn begleitet oder er dafür Geld verdient.
Inspirierend? Jetzt fange ich an zu schwanken.

Sind wir glücklich, wenn wir so viel arbeiten? Im Podcast war noch nicht die Stelle, an dem ihm diese Frage gestellt wurde. Aber immer zu schwirrte die Frage in meinem Kopf herum, wann er mit seiner Mutter telefoniert, wann er ausschläft, ob er schlafen kann, wenn sein Gedankenhaushalt sich immer zu mit seiner Arbeit beschäftigt, so sehr, dass er nicht mal den Geschirrspüler machen möchte.

Die Leistungen, die der Mann vollbracht hat, sind beträchtlich und es gibt daran nichts auszusetzen. Großen Respekt, an jeden, der das tut und so arbeitet. Respekt an jeden, der den oben beschriebenem Teil entspricht oder dem, wie es so ähnlich sein könnte, soviel Respekt.

Aber ist es in der Praxis ein echtes Modell? Funktioniert es? Wo sind die Zeiten, in denen ich nichts tue, wo sind die Zeiten, in denen ich meinen spaßigen, aber nichtsnutzigen Hobbies nachgehe, zum Beispiel Sims Spielen oder andere Videospiele oder in denen ich Comics lese, oder, was ganz anderes, wo ich vielleicht stricke, nicht, weil ich gut bin, sondern weil Stricken mir Spaß macht und ich den Kopf ausmachen kann?*
Wo habe ich Zeit, zu meinen Freunden zu fahren, wenn sie mich nur anrufen und fragen: Hast du morgen Zeit und ich nicht darauf antworte, dass ich mal schnell schauen muss, ob ich in meiner To-Do-Liste Platz finde und Treffen zu Aufgaben statt zu Zerstreuung mache oder meine Zerstreuung zu meiner Aufgabe, nur damit ich anschließend wieder besser arbeiten kann.

Zu ignorieren, dass wir Teil einer Leistungsgesellschaft sind, wäre realitätsfern, aber wo die Leistung zur Religion und die Arbeit zum täglichen Beten wird, ist das nicht der Moment, an dem etwas schiefläuft? Produktiv zu sein und seinen Alltag danach auszurichten, muss nichts Schlechtes sein, aber sind die Grenzen nicht an Stellen verwischt, wo wir nach Anti-Ermüdungs-Taktiken suchen, wenn wir bereits bei totaler Ermüdung angekommen sind?

Und dann sagen wir ständig zu jedem: Mach doch eine Pause, es ist doch nichts dabei.
Und wenn wir uns bewusst eine Pause nehmen, dann fühlen wir uns stark, weil wir so gut auf uns aufpassen und erkannt haben, dass wir eine Pause brauchen, dabei ist es eigentlich nur ein weiteres Indiz dafür, dass wir den Boden unter den Füßen für eine Zeitlang verloren hatten und eine Pause, eine Zeit, in der wir nichts leisten, nichts produzieren und unser Genie nicht weiter entfalten konnten, unsere größte Angst gewesen ist, wohingegen wir uns in der Schule nach den großen Pausen und dem Lernschluss gesehnt haben und ihn jetzt nicht mehr ertragen können.

Es gibt kein Rezept davon, was das richtige und das falsche Arbeiten ist und wie viel die richtige Portion ist, weil wir alle unterschiedlich sind und wir alle andere Kapazitäten haben. Das ändert kein Blog und keine Ratgeber, die intendieren, dass wir nur jenen und welchen Kniff kennen müssen, dass es exakt siebzehn Wege zum Ziel gibt und der achtzehnte zwar verführerisch aussieht, aber am Ende doch nicht funktionieren wird.

Es gibt keine Moral und es gibt keinen richtigen Weg und vielleicht ist das genau die Antwort auf alle Fragen, die man sich zu diesem Thema stellt und zu denen man nie etwas findet. Am Ende machen wir es doch vielleicht immer wieder, Dinge, die nicht zu uns passen, für das kurze Aufblitzen des Höhegefühls, wenn wir ein Häkchen hinter alles setzen, was wir geplant haben und am nächsten Morgen keine Kraft mehr für die Hälfte haben, weil unser Weg nur einen Tag der gleiche ist wie der, den andere nehmen.
Den Hut, wie wir Dinge tun, haben wir immer noch selbst auf. Wir müssen nur aufpassen, der uns bei stürmischen Zeiten nicht wegfliegt, ohne, dass wir ihn mit Tackernadeln auf unserem Schopf befestigen.

Alisha


*Ich stricke nicht, das war nur ein malerisches Beispiel.


Den Podcast mit Hermann Scherer gibt’s auf Spotify. (Klick!)

 

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